Gesundheitspolitik: Warum wir auf mehr Ärzte wohl verzichten müssen

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Bundesgesundheitsminister Rösler möchte das medizinstudium nicht nur für Einserkandidaten möglich machen.

Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will mehr Medizinstudenten – endlich auch solche ohne Einser-Abitur, dafür mit mehr Herzblut. Letzteres ließe sich längst umsetzen, wenn die Universitäten und Länder nur wollten. Für mehr Studienplätze aber fehlt schlicht das Geld.

Philipp Rösler (FDP) war alles andere als untätig über Ostern. Nach dem preistreiberischen Pharmakartell will der Bundesgesundheitsminister jetzt dem Ärztemangel den Kampf ansagen. Ist die derzeitige Auswahl von Medizinstudenten sinnvoll? Haben wir überhaupt genug Mediziner? Rösler will gleich mehrere Probleme auf einmal lösen.

Aber der Reihe nach. Jahr für Jahr wollen in Deutschland weitaus mehr Abiturienten Medizin studieren als Studienplätze vorhanden sind. Einen Ärztemangel mag es also geben, einen Ärzteinteressentenmangel nicht. In aller Regel kommen auf die rund 9000 landesweiten Plätze rund 35.000 Bewerber. Dass ist auch der Grund für den extrem anspruchsvollen Numerus Clausus (NC). Die Abiturnote also, die man erreichen muss, um ohne Wartezeit einen Studienplatz zu bekommen – derzeit etwa 1,4, an vielen Hochschulen sogar 1,0. Bei schlechteren Noten drohen bis zu zehn Semester Wartezeit.

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Rösler hat nun vorgeschlagen, diesen NC abzuschaffen und stärker auf Bewerbungsgespräche zu setzen. Auch mit schlechteren Schulnoten könne man ein guter Arzt werden, so Rösler: „Ich finde, da kommt es noch auf ganz andere Faktoren an. So spielt die Fähigkeit zur menschlichen Zuwendung eine große Rolle.“ Genau auf diese Fähigkeiten aber könnten die Universitäten längst achten. Immerhin bereits 60 Prozent der Studienplätze dürfen die Hochschulen nach eigenen Vorstellungen und Kriterien vergeben. Denn seit einer Änderung des Hochschulrahmengesetzes 2008 vergibt die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) nur noch jeweils 20 Prozent der Medizinplätze über Leistung (NC) oder Sitzfleisch (Wartesemester).

Doch nur wenige Fakultäten machen von ihren Rechten Gebrauch, Bewerber persönlich und intensiv auf Motivation oder Charakter zu prüfen, weil ihnen schlicht der Aufwand zu hoch ist. Professoren müssten freigestellt, massenhaft Termine vereinbart und Räumlichkeiten reserviert werden. Also bleiben viele bei der Auswahl nach Abiturnoten, eventuell mit einer zusätzlichen Übergewichtung einzelner Schulfächer. Nur in Baden-Württemberg sowie an den Unis in Lübeck, Bochum, Mainz und Leipzig können immerhin Ergebnisse aus einem schriftlichen Medizinertest in die Auswahl eingehen, der studiengangspezifische Fähigkeiten überprüfen soll. Dort tritt dann die Bedeutung des Abiturschnitts in den Hintergrund.

Studienplätze für Medizin sind teuer - sehr teuer

An dem grundsätzlichen Flaschenhalsproblem, dass auf jeden Platz fünf Bewerber kommen, ändert eine andere Auswahl der Bewerber jedoch nichts. Hier könnte nur eine Ausweitung der Lehrkapazitäten an den Hochschulen etwas bewirken, doch die würde Geld kosten. Vergleichen mit anderen Studiengängen sogar sehr viel. Das dürfte das viel größere Hindernis für Röslers Pläne werden.

2009 vereinbarten Bund und Länder die Fortsetzung des Hochschulpakts, um für den erwarteten Ansturm auf die Hochschulen in den kommenden fünf Jahren 275000 neue Studienplätze bereitzustellen. Pro Jahr werden dort die durchschnittlichen Kosten für jeden neu geschaffenen Studienplatz mit 6500 Euro beziffert. Alleine der Bund will hierfür rund fünf Milliarden Euro ausgeben. Ein Medizinstudienplatz hingegen kostet etwa das Vierfache: rund 28000 Euro. Seit Jahrzehnten werden deshalb die Kapazitäten an deutschen Unis vor allem bei den billigen Bücherwissenschaften ausgeweitet. Soziologie, VWL oder Jura brauchen eben keine Kliniken oder Apparate.

Geht man davon aus, dass beim Hochschulpakt weder Bund noch Länder weiter finanziell zulegen können, hieße das übersetzt: Für jeden Medizinplatz, den Rösler zusätzlich schaffen möchte, müssten vier andere weichen. Der Effekt des Paktes wäre zunichte gemacht.

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