
MEXIKO-STADT. Es gibt dieses Foto, das so viel aussagt über Haiti in diesen Tagen. Es zeigt einen schlanken Mann, der vollständig nackt und mit gesenktem Kopf eine der menschenleeren Straßen im Zentrum von Port-au-Prince entlanggeht. Rechts und links nur Trümmer, am Horizont nur Zerstörung.
Das Bild hat auch einen Monat nach dem Jahrhundertbeben noch Symbolkraft. Denn die Menschen in der in Ruinen liegenden Hauptstadt haben den Schock der Erdstöße vom 12. Januar noch immer nicht abgeschüttelt und kämpfen - oft schutzlos - um die Rückkehr zur Normalität. Im Drei-Tages-Rhythmus erhöht die Regierung die Opferstatistik und zählt jetzt 212 000 Tote. Mehr als 300 000 Menschen sind verletzt, rund zwei Millionen obdachlos.
Es fehle an Arbeit und Unterkünften, beklagen Hilfsorganisationen. Die Obdachlosen hausen unter hygienisch katastrophalen Bedingungen: dicht an dicht, Isomatte an Karton, auf Plätzen, Bürgersteigen oder den Mittelstreifen der Straßen. Ohne fließendes Wasser, ohne Kanalisation, ohne Müllentsorgung. Die Plastikplanen- und Zeltlager seien Seuchenherde, warnen Ärzte und Helfer. "Die Lebensbedingungen in den Camps müssen umgehend verbessert werden, da auch die Regenzeit naht", fordert Marcel Stoessel von der Hilfsorganisation Oxfam.
Von der Regierung können die Menschen kaum Hilfe erwarten. Mehr als Statistiken bringen Staatschef René Préval und seine Minister nicht zustande. Täglich verschiebt Préval den angekündigten Umzug in ein Zelt vor den eingestürzten Präsidentenpalast und verschanzt sich weiter in seinem provisorischen Regierungssitz am Flughafen, geschützt von US-Soldaten.
Dort kam am Wochenende auch der Uno-Sondergesandte Bill Clinton an. Er sah sich bei seiner Ankunft umgehend Hunderten von Menschen gegenüber, die gegen die zögerliche Verteilung der Hilfsmittel protestierten. Sie verlangten vor allem Zelte. "Es tut mir leid, dass das so lange dauert", sagte Clinton. "Ich versuche herauszufinden, wo die Engpässe sind."
Nach einer Umfrage von Oxfam weigern sich die meisten Menschen trotz der schwierigen Bedingungen, in die von der Uno bereitgestellten Auffanglager außerhalb von Port-au-Prince umzusiedeln. Die Menschen wollen sich nicht weit von ihrer früheren Unterkunft entfernen, erklärt die Hilfsorganisation.
Das Wichtigste sei jetzt, die Menschen wieder in Arbeit zu bringen, sagt Michael Kühn, Regionalkoordinator von der Welthungerhilfe. Ähnlich wie die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen plant die Welthungerhilfe in den schwer getroffenen Städten Petit-Goâve und Jacmel im Süden Cash-for-Work-Projekte. Dabei erhalten die Menschen einen kleinen Lohn für die Beseitigung von Trümmern. Die Welthungerhilfe hat bis Anfang des Monats mehr als 14 Mio. Euro an Spenden für Haiti eingenommen. Damit soll ein Fünf-Jahres-Programm zum Wiederaufbau finanziert werden.
Der Chef der Uno-Mission Minustah, Edmond Mulet, geht davon aus, dass drei Viertel von Port-au-Prince neu aufgebaut werden müssen. Er schätzt, dass es mehr als zehn Jahre dauern dürfte, da auch die kleinen Fortschritte der vergangenen Jahre durch das Beben zunichte gemacht worden seien. "Der Wiederaufbau beginnt nicht bei Null, sondern unter Null", betonte Mulet.








