
dne/HB DÜSSELDORF. Das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) hält angesichts der starken konjunkturellen Entwicklung in Deutschland höhere Löhne für gerechtfertigt. In der Krise hätten viele Arbeitnehmer sehr niedrige Tariferhöhungen oder sogar sinkende Löhne hinnehmen müssen, was richtig gewesen sei, um Arbeitsplätze zu sichern. "Mittlerweile hat sich die Nachfrage nach Arbeitskräften deutlich erholt und vielerorts fahren die Unternehmen wieder Gewinne ein. Daran sollten auch die Arbeitnehmer partizipieren", sagte Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen Handelsblatt Online.
Allerdings, schränkte Carstensen ein, dürften die Knappheiten auf dem Arbeitsmarkt nicht ausgeblendet werden: "Für qualifizierte Tätigkeiten gibt es offensichtlich häufig genug nicht genügend Bewerber, hier sind steigende Löhne eine ganz natürliche Konsequenz", erklärte der Ökonom. Bei weniger anspruchsvollen Jobs sei die Situation eine andere, zumal es noch viele Arbeitslose gebe, die in den Arbeitsmarkt integriert werden wollen. "Hier sind sehr maßvolle Tarifabschlüsse wünschenswert", sagte Carstensen und fügte hinzu: "Kontraproduktiv wären durchgängig hohe Lohnsteigerungen, die das Problem der Arbeitslosigkeit wieder verschärfen."
IG-Metall-Chef Berthold Huber hatte mit Blick auf den wirtschaftlichen Aufschwung harte Tarifverhandlungen angekündigt. "Höhere Löhne sind gerecht und vernünftig. Sie sind gut für die Menschen und für die Konjunktur", sagte Huber der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".
Damit trifft der Gewerkschafter natürlich den Nerv der Beschäftigten. In einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des Senders RTL meinen 86 Prozent der befragten Arbeiter und Angestellten, sie hätten eine Lohn- bzw. Gehaltserhöhung verdient. Dabei könnte sich die Mehrheit ein Plus von drei bis fünf Prozent vorstellen. Und: Drei Viertel der Befragten halten Demonstrationen und Streiks für gerechtfertigt, wenn Firmen, die nach der Krise wieder hohe Gewinne machen, keine höheren Löhne zahlen wollen.
Unterstützung kommt auch vom Wirtschaftsweisen Peter Bofinger. "Wir sind stark, wir sind Premium, also können wir auch höhere Löhne zahlen", sagte Bofinger. Die Löhne sollten um drei Prozent steigen. "Statt Lohnzurückhaltung sind wieder höhere Abschlüsse gefragt".
Der Ökonom Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW), sieht hingegen wenig Spielraum für Lohnerhöhungen. "Am Ende des Jahres werden wir erst 80 Prozent des Konjunktureinbruchs wettgemacht haben", sagte er der "Welt am Sonntag". Jetzt beginne wieder die Normalität, und das bedeute auch, dass sich die Löhne an der Produktivitätsentwicklung orientierten. "Also keine Lohnnachschläge auf breiter Front; aber in vielen Unternehmen wird es sicherlich Einmalzahlungen geben oder Gewinnbeteiligungen."
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) betonte: "Ich respektiere die Tarifautonomie und gebe keine Empfehlung. Aber als Volkswirt würde ich statt des üblichen Rituals gern neue Elemente sehen." Kriterien der Vermögensbildung, Alterssicherung und der Teilhabe sollten in eine moderne Tarifpolitik eingebunden werden. So kämen die Tarifparteien zu insgesamt rationalen und intelligenten Lösungen. Etwa so: "Wenn bestimmte Erfolgskriterien erreicht werden, bekommen die Mitarbeiter automatisch einen Anteil davon zum Sparen - vor allem zur privaten Altersvorsorge, die wir ja angesichts der demografischen Entwicklung dringend brauchen."
IG-Metall-Chef Huber forderte, die Bundesregierung solle ihre Hausaufgaben erledigen, um die Schieflage bei den Einkommen zu bekämpfen: "Eine der Ursachen für den Lohnrückstand in Deutschland liegt in der skandalösen Ausweitung des Niedriglohnsektors durch prekäre Arbeitsverhältnisse wie Leiharbeit."
Ökonom Bofinger widersprach zugleich der landläufigen These, die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre sei wesentlicher Grund für den Exporterfolg der deutschen Industrie. "Der Absatz hätte nicht gelitten, wenn wir in den letzten zehn Jahren jeweils ein Prozent mehr Lohn drauf gelegt hätten. Wer in Amerika für den Mercedes 50 000 Dollar ausgibt, zahlt dafür auch 51 000 Dollar."














