Ifo-Studie: Ziele des Kyoto-Protokolls wurden komplett verfehlt

Ifo-Studie: Ziele des Kyoto-Protokolls wurden komplett verfehlt

, aktualisiert 23. November 2011, 11:01 Uhr
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Die CO2-Fußabdrücke der Länder werden laut Ifo-Forscher Felbermayser falsch gemessen.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Klima-Bilanz der EU kann sich sehen lassen – zumindest auf den ersten Blick. Ökonomen sahen genauer hin und stellten fest: Die Industrieländer erzielten beim Klimaschutz viel weniger Forschritte als angenommen.

DüsseldorfIm Vergleich zu 1990 stößt Europa heute ein Sechstel weniger klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) aus. Im gleichen Zeitraum ist die Wirtschaftsleistung in der EU um 40 Prozent gewachsen. Wachstum und CO2-Ausstoß, prahlt die EU-Kommission auf ihrer Webseite, seien entkoppelt.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Bei genauerem Hinschauen erweist sich die Klimabilanz der westlichen Welt als deutlich schlechter, zeigen die Ökonomen Rahel Aichele und Gabriel Felbermayr, die beide am Münchener Ifo-Institut forschen, in einer neuen Studie.

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Der bisher übliche Weg, die Klimabilanz eines Landes – den sogenannten CO2–Fußabdruck – zu ermitteln, sei irreführend, argumentieren die Wissenschaftler in einer Studie, die demnächst im „Journal of Environmental Economics and Management“ erscheint. „Die CO2-Fußabdrücke der Länder werden falsch gemessen“, fasst Felbermayr das Ergebnis zusammen.

Er begründet dies mit dem Welthandelsboom der vergangenen Jahrzehnte. Güter werden häufig nicht mehr dort hergestellt, wo sie konsumiert werden. Die internationale Klimapolitik orientiert sich dagegen an den Ländergrenzen. Sie konzentriert sich auf die Treibhausgase, die in einem Land ausgestoßen werden. Um ein vollständiges Bild von der Klimabilanz eines Landes zu bekommen, argumentieren die Münchener Forscher, müsse man aber sämtliche Emissionen betrachten, die durch den Konsum und die Investitionen in einem Land entstehen – also auch die, die importierte Güter in ihrem Produktionsland verursachen.

Wie groß die Lücke zwischen den beiden Betrachtungsweisen ist, zeigen Aichele und Felbermayr in ihrer Studie. Sie haben eine Datenbank der internationalen Im- und Export-Beziehungen von 40 Ländern aufgebaut, die nicht auf den Wert der gehandelten Waren abstellt, sondern auf die bei der Herstellung angefallenen Klimagase.

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Das Abkommen funktioniert nicht, wenn sich nicht alle daran halten

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Wenn man den vollständigen CO2-Fußabdruck der Industriestaaten betrachtet, hat die Menschheit die Ziele des Kyoto-Protokolls auf ganzer Strecke verfehlt. Zwar senkten die Industrieländer, die sich zu CO2-Reduktionen verpflichteten, ihre eigenen Emissionen zwischen 1995 und 2007 um sieben Prozent. Zugleich importieren diese Länder aber deutlich mehr kohlendioxidintensive End- und Vorprodukte aus Nicht-Kyoto-Staaten. Der vollständige CO2-Fußabdruck hat sich trotz Kyoto nicht geändert.

In den vergangenen Jahren hat sich die Lücke zwischen den selbst verursachten und den importierten CO2-Emissionen sogar deutlich vergrößert, stellen die Forscher fest. So habe Deutschland – innerhalb der EU der größte Emittent von Kohlendioxid – 2002 nur 2,5 Prozent seiner Treibhausgasemissionen aus dem Ausland importiert. Fünf Jahre später waren es dagegen neun Prozent. Die Vereinigten Staaten importieren derzeit rund sechs Prozent ihrer Treibhausgasemissionen aus dem Ausland.

„CO2-Leck“ nennen die Forscher dieses Phänomen. Anders als erhofft werden die Schadstoffe also nicht vermieden, sondern ausgelagert. „Die Länder, die keine Einsparungen zugesagt haben, sind zum Zufluchtsort für die Emissionen geworden“, sagt Ifo-Forscher Felbermayr.

So exportieren China, Südafrika, Indonesien oder die Türkei deutlich mehr Kohlendioxid, als sie importieren. In China – mittlerweile der größte CO2-Emittent der Welt – entstehen inzwischen rund 27 Prozent der CO2-Emissionen durch die Exportwirtschaft.

Kritiker des Kyoto-Protokolls hatten von Anfang an gewarnt, dass das Abkommen nicht funktionieren kann, solange nicht alle größeren Länder daran teilnehmen. Hätten auch China und Co in den vergangenen Jahren ehrgeizige Klimaziele einhalten müssen, wäre ein CO2-Leck unmöglich geworden.


Es gibt eine Schwachstelle

Doch vorerst scheint ein weltumspannendes Klimaschutzabkommen nicht realistisch zu sein: Zu festgefahren sind die Verhandlungen vor dem Ende November beginnenden Weltklimagipfel in Durban.

Viele Umweltökonomen raten der EU daher, nicht auf ein weltweites Klimaschutzabkommen zu warten, sondern im Alleingang zu handeln: Der 2005 eingeführte CO2-Zertifikatehandel solle auf Importprodukte ausdehnt werden.

So schlägt zum Beispiel Philippe Quirion, Wissenschaftler am Pariser Zentrum für Umwelt- und Entwicklungsforschung (CIRED), vor: Künftig sollten Unternehmen in der EU auch für importierte Waren CO2-Zertifikate erwerben, die die bei der Produktion entstandenen Mengen an Klimagasen widerspiegeln.

In einer Simulationsrechnung zeigt Quirion, dass das CO2-Leck der EU dadurch beinahe vollständig gestopft werden könnte – vor allem, wenn auch die Ausfuhren europäischer Hersteller mit in den Zertifikate-Handel einbezogen würden und Exportunternehmen an der EU-Außengrenze einen entsprechenden Rabatt bekämen.

Doch es gibt eine Schwachstelle: Niemand weiß genau, wie viel CO2 tatsächlich bei der Produktion von Waren in Indien oder China anfällt. „Diese Länder hätten auch überhaupt keinen Anreiz, korrekte Werte zu melden“, sagt der Umweltökonom Onno Kuik von der Universität Amsterdam.

Einige Forscher empfehlen daher, der Einfachheit halber mit CO2-Werten der umweltfreundlichsten europäischen Produzenten zu rechnen. Doch dann wäre das CO2-Leck kaum noch zu schließen, wie Kuik in Modellrechnungen festgestellt hat. Hauptgrund dafür ist, dass die Energieeffizienz in Schwellenländern oft deutlich schlechter ist. So wird bei der Herstellung einer Tonne Stahl in Indien doppelt so viel CO2 ausgestoßen wie in Europa.

Quelle:  Handelsblatt Online
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