
Herr Mirow, in Osteuropa herrscht relative Ruhe. Hätte es aber nicht längst einen Staatsbankrott gegeben, wenn Währungsfonds und EU nicht mit milliardenschweren Hilfspaketen eingestiegen wären?
Ich finde es erst einmal bemerkenswert, dass es zu keinem einzigen Staatsbankrott gekommen ist. Das zeigt, dass die internationalen Institutionen funktionieren. Aber der Begriff relative Ruhe ist in der Tat sehr passend. Was aktuell in der Realwirtschaft in Staaten wie Lettland oder der Ukraine passiert, ist wirklich dramatisch. Die ukrainische Volkswirtschaft wird in diesem Jahr um 15 Prozent schrumpfen, eine gewaltige Größe. Von Ruhe kann daher nur in Bezug auf die Banken gesprochen werden - dort ist die Lage in der Tat besser. Wir können jedenfalls nicht so tun, als ob die Krise in Osteuropa schon vorüber wäre.
Dass in Osteuropa kein Land zahlungsunfähig wurde, ist der große Unterschied zu anderen Krisen wie etwa in Lateinamerika?
Genau. Während der vergangenen 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist es gelungen, die osteuropäischen Länder in die globale Wirtschaft zu integrieren. Auch wenn sich internationale Investoren wieder zurückgezogen haben: Es gibt viele andere Banken und Unternehmen, die ein langfristiges Interesse an der Region haben. Diese Firmen haben sich nicht aus Osteuropa verabschiedet und bleiben dort. Dahinter steckt die Erwartung, dass die Krise nicht ewig anhalten kann und dass sich der Aufwärtstrend auf längere Sicht wieder durchsetzen wird. Sicherlich hilft auch, dass die meisten Länder Mitglieder der Europäischen Union geworden sind - das bedeutet vor allem mehr an institutioneller Sicherheit.
Warum ist die Krise in Osteuropa trotzdem so tiefgehend? Warum schrumpft die Wirtschaft in einem Land wie der Ukraine in diesem Jahr um 15 Prozent?
In den vergangenen Jahren hat Osteuropa sehr stark von internationalen Kapitalzuflüssen profitiert. Außerdem war die Nachfrage nach den Produkten aus der Region groß. Wer dann noch Rohstoffe im Angebot hatte, profitierte von hohen Weltmarktpreisen. Die internationalen Kapitalströme sind heute aber versiegt, das Geld wurde zu großen Teilen wieder abgezogen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die osteuropäischen Länder zu sehr von Kapital aus dem Ausland angewiesen waren. Die Volkswirtschaften sind zwar extrem gewachsen, nicht aber auf der Basis eines eigenen Kapitalstocks.
Haben die großen Kapitalzuflüsse die hohen Wachstumsraten von neun oder zehn Prozent nicht regelrecht erzwungen? Und dann war klar, dass der Absturz später kommen musste?
Sicherlich kann man hinterher immer sagen, dass es drei oder vier Prozent an jährlichem Wachstum genauso getan hätten. Aber auch sehr solide Länder wie Polen sind damals stark gewachsen. Eine Sache wäre jedoch möglich gewesen: Mehr Länder hätten sich darum bemühen sollen, zügig der Euro-Zone beizutreten. Das hätte für die gesamte Region deutlich mehr Stabilität zur Folge gehabt. Viele aktuelle Probleme wären uns erspart geblieben. Und das sollte auch die Zielrichtung für die Zukunft sein.
Spielt die Europäische Zentralbank trotzdem schon eine größere Rolle in der Region?
Selbstverständlich, allerdings auf indirekte Weise. Die EZB hilft den westeuropäischen Banken mit Liquidität und bekämpft auf diese Weise die Krise. Westeuropäische Banken sind aber auch die dominierenden Kreditinstitute auf der östlichen Seite des Kontinents. Indirekt kommt die Unterstützung der EZB für die Banken aus der Euro-Zone auch in Osteuropa an.
Gibt es noch etwas anderes, was helfen kann?
Eine wichtige Rolle werden die künftigen Bilanzierungsvorschriften für die Banken spielen. Es werden einige Änderungen diskutiert - und das hat natürlich seine Konsequenzen für die Kapitalausstattung der Banken. Konkrete Ergebnisse dazu sollten wir bis zum Ende dieses Jahres haben. Eine gewisse Entlastung sollte auch dadurch möglich sein.
In vielen Ländern Osteuropas haben die Banken Fremdwährungskredite vergeben. Jetzt drohen Kreditausfälle, weil die Bankenkunden die Raten in der Krise nicht mehr aufbringen können. Sollte mit der Kreditvergabe in Fremdwährungen Schluss sein?
Nehmen wir ein Land wie Ungarn. Dort sind in der Tat viel zu viele Kredite in ausländischen Währungen wie Euro, Dollar und Schweizer Franken ohne entsprechende Absicherung vergeben worden. Ich glaube aber nicht, dass ein Verbot von Fremdwährungskrediten der richtige Weg wäre. Die Länder Osteuropas besitzen auch heute nicht die eigenen Kapitalquellen, um das Wachstum in den kommenden Jahren fortzusetzen. Wir brauchen deshalb jetzt ein sehr fein ausbalanciertes Finanzsystem, das auf die neuen und veränderten Bedingungen Rücksicht nimmt. Natürlich muss von außen weiterhin Kapital kommen. Andererseits müssen die Länder Osteuropas selbst mehr sparen, um künftig ausreichend Kapital zur Verfügung zu haben.
Die EBRD hilft Banken in Osteuropa direkt mit Kapital. Würden Sie auch Übernahmen finanzieren? So drängt die EU-Kommission etwa die BayernLB, ihre Osteuropa-Töchter zu verkaufen.
Aus meiner Sicht steht dies in naher Zukunft kaum zur Debatte. Die Banken, die möglicherweise Töchter in Osteuropa verkaufen könnten, müssen sich das alles sehr genau ansehen. Im Moment stehen die Krise und die damit verbundenen Folgen im Vordergrund. Der Verkauf von Banktöchtern wird wohl frühestens in drei bis vier Jahren ein Thema sein. Und da ist es heute schwer zu sagen, ob die EBRD in einer solchen Lage überhaupt gebraucht wird.
Wird die EBRD selbst genug Geld zur Verfügung haben, um in Osteuropa ausreichend zu helfen?
Ich denke einmal, dass unsere Aufsichtsgremien unsere Investitionsobergrenze für dieses Jahr noch einmal aufstocken. 2009 würden wir dann etwa acht Milliarden Euro einsetzen können, das wären 50 Prozent mehr als 2008. Und im nächsten Jahr sollte die Größenordnung wohl wieder bei etwa acht Milliarden Euro liegen.
Trauen Sie sich eine Einschätzung zu, wann Osteuropa wieder aus der Krise herauskommen wird?
Die Länder Asiens werden die Ersten sein, die die Krise bewältigen. Danach könnten die Amerikaner folgen. Osteuropa sehe ich tendenziell eher am Ende dieser zeitlichen Abfolge.
Österreich ist sehr stark über seine Banken in Osteuropa engagiert. Zu Jahresbeginn war in Wien öfters Kritik zu hören, Deutschland schätze das Krisenpotenzial in der Region falsch ein. Hat sich da etwas geändert?
Auf jeden Fall, Deutschland gehört heute zu den treibenden Kräften in der Region. Die Verantwortlichen in der Bundesrepublik haben erkannt, dass geholfen werden muss. Die deutschen Banken mögen zwar nicht sonderlich stark in Osteuropa vertreten sein, dafür aber der Handel und die Industrie massiv. Von daher gibt es auch ein elementares deutsches Interesse daran, dass es in Osteuropa wieder aufwärts geht. Ohne den Druck Deutschlands hätte es die milliardenschweren Hilfspakete für Osteuropa überhaupt nicht gegeben. Deutschland fällt dadurch auf, dass die Berliner Regierung die Staatsverschuldung stärker als andere Länder niedrig zu halten versucht.
Wäre nicht doch das eine oder ande-re Konjunkturprogramm nötig?
Ich halte das selbst auch so für richtig, und das hängt wohl auch mit der deutschen Geschichte zusammen. Aufgrund der leidigen Erfahrungen mit mehreren Hyperinflationen ist man in Deutschland in Sachen Staatsverschuldung eben vorsichtiger. In anderen Ländern gibt es andere Erfahrungen, dort ist man also etwas gelassener. Deutschland wird aber trotzdem in der Lage sein, für ordentliches Wachstum seiner Volkswirtschaft zu sorgen.
Kommen wir zu anderen Ländern, zunächst noch einmal nach Österreich. Ihr Haus hat österreichischen Banken bereits geholfen, wird die EBRD noch etwas drauflegen?
Wir stehen in engen Verbindungen mit den österreichischen Kreditinstituten. Einige weitere Vorhaben werden folgen, mehr kann ich derzeit allerdings nicht dazu sagen.
Und Lettland, hat sich die Lage weiter zugespitzt?
Lettland macht uns in der Tat ernstlich Sorgen. Aus makroökonomischer Sicht sind dort an erster Stelle der Internationale Währungsfonds und die EU gefragt. Wir als europäische Entwicklungsbank wollen Lettland natürlich im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen. Auch wenn es nur eine kleine Volkswirtschaft ist, richten wir unsere Aufmerksamkeit stark auf dieses Land. Und im Übrigen gehe ich davon aus, dass die im Baltikum besonders stark vertretenen schwedischen Banken zu ihrem Bekenntnis stehen und die Länder weiterhin ausreichend mit Kapital versorgen.
Was würde denn passieren, wenn das reichere Westeuropa den ärmeren Osteuropäern nicht mehr hilft?
Ich warne vor verfrühtem Optimismus angesichts der Krise in der Realwirtschaft. Wir müssen uns also darauf vorbereiten, dass die ganz großen Herausforderungen erst noch kommen werden. Eines ist dabei ganz klar: Die Krise muss so energisch bekämpft werden, dass daraus keine ernsthaften sozialen Spannungen in Osteuropa entstehen.
Was kommt denn noch konkret auf Osteuropa zu?
Steigende Kreditausfälle sind auf jeden Fall zu erwarten. Mehr Unternehmen werden in die Insolvenz getrieben, das bedeutet auch steigende Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig bekommen die vergleichsweise ärmeren osteuropäischen Staaten Probleme damit, die öffentlichen Haushalte zu finanzieren. Langfristig müssen die Länder ihre Exportstruktur verbessern und mehr intelligente Waren und Dienstleistungen im Ausland verkaufen.
Wie sehen Sie die nähere Zukunft der Region?
Die extrem hohen zweistelligen Wachstumsraten werden wir sicherlich nicht so schnell wiedersehen. Gleichzeitig gehen Investitionen zurück und die Kapitalströme aus dem Ausland können nicht mehr das frühere Niveau erreichen. Unsere Aufgabe wird es jetzt sein, dass Wachstum in Osteuropa in nachhaltige und dauerhafte Bahnen zu lenken.
Auf lange Sicht gehören Sie zum Lager der Optimisten?
Osteuropa hat ein gewaltiges Potenzial, das sollte niemand vergessen. Natürlich ist die aktuelle Krise ein Rückschlag. Aber wenn man sich anschaut, was seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 20 Jahren in diesen Ländern passiert ist, dann kann man langfristig nur zuversichtlich sein.













