
Handelsblatt: Herr Garton Ash, für viele Menschen ist Barack Obama eine Mischung aus Micky Maus, Superman und Jesus. Kann er als 44. Präsident der Vereinigten Staaten die enormen Hoffnungen erfüllen, die in ihn gesetzt werden?
Timothy Garton Ash: Natürlich nicht. Im Vergleich zu seiner Wahl sind die Erwartungen inzwischen zwar etwas gedämpft, auch durch ihn selbst. Aber eine gewisse Enttäuschung ist unvermeidbar. Barack Obama bittet um mehr Zeit als üblich. Er wird länger brauchen als bis zu den nächsten Kongresswahlen in zwei Jahren. Es ist aber fraglich, ob ihm die Wähler das zugestehen werden. Bei den Erwartungen ist zudem zu unterscheiden zwischen denen der Amerikaner und denen der übrigen Welt. Die Amerikaner wollen eine Erneuerung des amerikanischen Sonderwegs, der Führungsrolle der Vereinigten Staaten. Die übrige Welt sehnt sich nach einem Retter, der bescheiden ist und eine Brücke zur multipolaren Welt baut.
Mit Obamas Amtsantritt enden 20 Jahre Präsidentschaft der Clans Bush und Clinton. Was bedeutet diese Zäsur?
Sie bricht das verkrustete Sozialsystem auf. Eine amerikanische Besonderheit ist, dass man an die große soziale Mobilität glaubt, obwohl diese in vielen europäischen Ländern ausgeprägter ist. Jeder Taxifahrer ist überzeugt, er könne Präsident werden, und wird durch Obamas Erfolg darin bestärkt. Dessen fabelhafte Geschichte ist für das Land eine Quelle ungeheurer Dynamik. Barack Obama ist die Inkarnation des amerikanischen Traums.
Obamas Vorbild ist der 16. US-Präsident Abraham Lincoln. Welche Parallelen gibt es zwischen den beiden Männern?
Beide verkörpern den Präsidenten als Dichter und Denker, als Wortführer. Obama ist jemand, der schwarz und weiß vereint, blau und rot und alle Farben die dazwischen liegen. Er kann die tiefe Spaltung zwischen blau, das für die Linksliberalen steht, und rot überwinden, das für die Konservativ-Religiösen steht. Sie ist uralt und hat schon zum amerikanischen Bürgerkrieg geführt. Da bin ich optimistisch nach allem, was ich bei meiner US-Reise im Herbst gesehen habe. Der Mann ist liberal und religiös zugleich. Alles deutet darauf hin, dass er das Freund-Feind-Politikverständnis beenden wird.
Der ehemalige deutsche Außenminister Klaus Kinkel hat nach Obamas Wahl von einer Aufbruchstimmung wie bei John F. Kennedy gesprochen. Haben Sie das auch so empfunden?
Es war noch stärker. In der Wahlnacht sind die Menschen spontan zum Weißen Haus gekommen. Es war ein Hauch der Stimmung, die 1989 in Prag und in Ostberlin herrschte. Nach den Bush-Jahren ist aber die Bereitschaft der Welt viel geringer als zu Kennedys Zeiten, amerikanische Führung zu akzeptieren.
Obama hat in seiner Siegesrede von einer langen Straße gesprochen, die vor den Amerikanern und ihm liegt. Wie lang wird sie sein?
Ich bin eher optimistisch, was die USA selbst und die Erneuerung des Landes angeht: wirtschaftlich, sozialpolitisch, in puncto alternative Energien. Die Vereinigten Staaten haben ein enormes Potenzial und zum Beispiel Großbritannien viel größere Probleme. Was die Erwartungen der Welt betrifft, bin ich eher skeptisch. Die großen Herausforderungen sind Afghanistan, Pakistan, Klimawandel, China. Obama hat zwar viel europäisches Politikverständnis. Das heißt aber nicht, dass er Europa subjektiv sehr verbunden ist. Seine Frage an die Europäer wird sein: Was könnt ihr für uns machen? Konkret wird er beispielsweise mehr Soldaten für Afghanistan wollen.
Wie können die Republikaner es wieder mit den Demokraten aufnehmen?
Den Republikanern werden bei der Präsidentenwahl in vier Jahren voraussichtlich nicht siegen. Sie müssen sich besinnen, die Wähler mit spanischen und lateinamerikanischen Wurzeln wieder gewinnen, die in der Regel katholisch und sozialkonservativ sind. Dazu müssen die Republikaner ihre Einwanderungspolitik und ihre Rhetorik völlig verändern, müssen liberaler werden. Allerdings werden Wahlen vor allem verloren, nicht gewonnen. Es müsste viel schief gehen, damit Obama nicht wiedergewählt wird. Er hat bis jetzt kaum einen Fehler gemacht in der Wort- und Personenwahl. Das imponiert.
Timothy Garton Ash, 53, ist Professor für europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der US-Elite-Universität Stanford. Der Historiker hat mehrere Bücher verfasst, zuletzt erschien bei Hanser "Freie Welt. Europa, Amerika und die Chance der Krise".












