
DÜSSELDORF. Pünktlich um 16:00 Uhr betritt Joschka Fischer - helles Hemd, dunkler Anzug - den Konrad-Henkel-Hörsaal. Die 500 Klappsitze sind bis zum letzten belegt. In den hinteren Reihen klatschen Studenten in bunten T-Shirts, in den vorderen geladene Gäste und der Rektor im feinen Zwirn. Die Kameras der Journalisten klicken. Auf dem Weg zum Stehpult rückt der ehemalige Star der Grünen, Vizekanzler und Außenminister a.D., die Brille zurecht und zieht den Knoten der roten Krawatte fest. Eigentlich ist er gekommen, um über "Europas Nachbarschaft" - so der Titel seiner zweiten Vorlesung an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität - zu reden. Doch es kommt anders, die Krise ist schuld. Zwar ist der 62-Jährige als Gastprofessor eingeladen worden, aber er ist und bleibt ein "alter Politik-Profi". Und als solcher hat er sich spontan entschlossen, seinen Vortrag den aktuellen Ereignissen anzupassen.
Deutschland befindet sich immer noch in einer Art Schockzustand. Als Joschka Fischer den Hörsaal betritt ist der beispiellose Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler gerade mal 26 Stunden her. Er geht nicht in ein paar Tagen, nicht in ein paar Wochen - nein, er geht sofort. Mitten in der Krise um Griechenland, den Euro und die Europäische Union fehlt Deutschland, der stärksten Wirtschaftsmacht in Europa, das Staatsoberhaupt. Der Bundespräsident hat zwar in erster Linie repräsentative Funktionen, aber er ist und bleibt der erste Mann im Staat. Die Suche nach einem Nachfolger hat längst begonnen. Jeder hier im Hörsaal 3A weiß, dass Joschka Fischer als einer der Kandidaten gehandelt wird.
Vor dem Hintergrund wird sein Auftritt mit Spannung erwartet. Wird er etwas zum Rücktritt Köhlers sagen? In einer ersten Reaktion hatte Fischer sich "fassungslos" gezeigt. Oder vielleicht die Spekulationen um seine Person kommentieren? Doch vor allem die Journalisten, die in den ersten Reihen lauern, müssen sich zunächst gedulden. Denn Joschka Fischer hat nicht den Rücktritt Köhlers gemeint, als er ankündigte, das Thema zu wechseln. Er hat das Schicksals-Wochenende im Mai und die Entscheidung für das 750 Mrd. schwere europäische Rettungspaket, das die EU "grundsätzlich verändert" hat, gemeint.
Und so beginnt er seinen Vortrag, die linke Hand in der Anzugtasche, die rechte Hand ruhig auf dem Pult. Er liest größtenteils vom Blatt ab, nur ab und zu suchen seine Augen das Publikum. Er spricht über die Verwandlung der Europäischen Union in eine Transferunion, kritisiert Bundeskanzlerin Merkel für ihre Verweigerungshaltung, weißt auf Chancen und Risiken der Krise in Europa und der Welt hin. Kein Wort zur jüngsten Krise im eigenen Land.
Dabei ist es gar nicht so unrealistisch, Joschka Fischer als Nachfolger für Horst Köhler zu handeln. Schließlich sollen schon Ende 2007 SPD-Politiker - unter ihnen der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier - überlegt haben, ihn für das Amt des Bundespräsidenten vorzuschlagen. Es kam anders. Gesine Schwan bewarb sich. In der aktuellen











