
ben/dih/mzi/rut/zel DÜSSELDORF. Mit Verunsicherung und Sorge hat das Ausland gestern auf den Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler reagiert. Während sich die Politik in diplomatischer Zurückhaltung übte, äußerten Ökonomen und Investoren die Befürchtung, dass politische Probleme in Berlin die Lösung der schwelenden Euro-Krise behindern könnten. Zeichen politischer Instabilität in Deutschland sind das Letzte, was sie derzeit aus der Euro-Zone hören möchten.
Spürbare Reaktionen auf den Finanzmärkten blieben nach Einschätzung einiger Analysten vor allem deshalb aus, weil die Börsen in New York und London gestern feiertagsbedingt geschlossen blieben. Der Euro reagierte nicht auf die Neuigkeit aus Berlin und pendelte wenig verändert um 1,23 Dollar. Der Deutsche Aktienindex notierte sogar etwas höher.
"Deutschland ist der Kern von Kerneuropa. Daher werden sich die Märkte genau die Gründe und Folgen des Rücktritts des Präsidenten ansehen", sagte Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pimco. Die Allianz-Tochter hatte jüngst zum Kauf deutscher Anleihen aufgerufen. Sie bescheinigt der Bundesregierung, den Haushalt besser im Griff zu haben als die übrigen Industrienationen. Doch Pimco erwartet auch, wie die Finanzszene in den USA, dass Deutschland seine Führungsrolle in der Euro-Zone entschlossener annimmt. Das wird einer vor allem mit innenpolitischen Problemen beschäftigten Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht leichter fallen.
Angela Merkels Aufgabe wird noch schwieriger
"Köhlers unerwarteter Rücktritt ist ein ernster Schlag für Deutschland, für Europa und für den Euro", warnt daher Marco Annunziata, Chefvolkswirt der Bank Unicredit. "Er wird Angela Merkels Job noch schwerer machen und das Risiko erhöhen, dass die Bundesregierung aus innenpolitischen Erwägungen etwas tut, was die Spannungen in Europa und die Volatilität an den Finanzmärkten weiter erhöht." Zuletzt hatte Berlin mit dem unabgestimmten Verbot ungedeckter Leerverkäufe die Märkte überrascht.
Auch die Berliner BBC-Korrespondentin Oana Lungescu stellte sofort die Verbindung zur Euro-Krise her. "Köhlers Entscheidung hätte kaum zu einer schlimmeren Zeit kommen können", schrieb sie auf der Webseite des britischen Senders. Der Schritt werde den Druck auf die Bundesregierung erhöhen, die ohnehin unter schwindenden Umfragewerten leide.
Offizielle politische Reaktionen waren wegen der dortigen Feiertage weder aus den USA noch aus Großbritannien zu erhalten. Der US-Botschafter in Berlin, Philip Murphy, äußerte aber sein Bedauern und würdigte Köhler als "einen der größten Staatsmänner seiner Generation". In seiner Amtszeit habe Köhler "die Interessen und das Bild Deutschlands auf der ganzen Welt durch umsichtige und weitblickende Führungsstärke und Partnerschaft gefördert", sagte er. Köhler werde für ihn stets ein guter Freund bleiben.
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso äußerte "persönlichen Respekt und Wertschätzung" für Köhler. Zu den innenpolitischen Folgen des Rücktritts wollte er sich auf Anfrage nicht äußern.
Auch die französische Regierung hielt sich gestern bedeckt. Sie will erst einmal abwarten, welche innenpolitischen Konsequenzen Köhlers Rücktritt in Deutschland hat. Sowohl der Elysée-Palast als auch das Außenministerium wagten keine Bewertung. "Das ist eine innenpolitische Angelegenheit", hieß es im Außenministerium.
Staatschef Nicolas Sarkozy habe seinen Ministern in Sachen Deutschland Zurückhaltung auferlegt; der deutsche Partner dürfe nicht provoziert werden, heißt es in Regierungskreisen. Sarkozy wolle auf jeden Fall verhindern, dass durch unbedachte Äußerungen neuer Streit mit Deutschland aufflamme, der wiederum neue Zweifel an der Handlungsfähigkeit des deutsch-französischen Duos wecke. Auch in anderen Ländern lehnten Regierungsvertreter Stellungnahmen zu Köhlers Demission ab.
In Österreich reagierte der außenpolitische Sprecher der ÖVP, Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, mit großem Bedauern auf den überraschenden Rücktritt: "Horst Köhler war ein integrer und weltweit anerkannter Bundespräsident. Sein umsichtiges Handeln und sein Fachwissen sind gerade in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise weit über Deutschlands Grenzen hinaus hoch geachtet."
Schüssel charakterisierte Köhler als "wichtige Persönlichkeit für Deutschland und seine Menschen, die er während seiner Amtsführung mit viel Verantwortungsbewusstsein, Pflichtgefühl und Menschlichkeit begleitet hat".














