Angst vor Eskalation: Zentralbanken fluten Finanzsystem mit frischem Geld

Angst vor Eskalation: Zentralbanken fluten Finanzsystem mit frischem Geld

, aktualisiert 30. November 2011, 19:42 Uhr
Quelle:Handelsblatt Online

Die Politik laviert, die Zentralbanken handeln: Um eine Eskalation der Krise zu verhindern, haben wichtige Notenbanken in den Geldmarkt eingegriffen. Die Aktion soll auch die Realwirtschaft vor einem Crash abschirmen.

FrankfurtDie wichtigsten Notenbanken der Welt stellen den globalen Finanzmärkten in einer überraschenden und koordinierten Aktion mehr Geld zur Verfügung. Ziel der Aktion sei, die Spannungen an den Märkten zu reduzieren und damit auch die Realwirtschaft zu unterstützen, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der Notenbanken am Mittwoch. So hätten sich die Zentralbanken darauf geeinigt, die Kosten bestehender Dollar-Swaps ab dem 5. Dezember um 50 Basispunkte zu reduzieren.

Mit der konzertierten Aktion helfen die Notenbanken europäischen Geldhäusern. Diese haben es zunehmend schwer, an Dollar-Liquidität zu kommen, die sie für ihre internationalen Geschäfte brauchen. Normalerweise beschaffen sie sich diese auf dem so genannten Interbankenmarkt, auf dem sich Banken gegenseitig Geld leihen. Die Verwerfungen in der Schuldenkrise haben diesen Markt allerdings fast ausgetrocknet. Das Vertrauen der Banken untereinander ist radikal gesunken. Einige europäische Institute kommen deshalb nur noch schwer an Dollar-Mittel, andere erhalten von US-Banken gar kein Geld mehr.

Anzeige

Um noch schwerere Verwerfungen zu verhindern, springen deshalb die Notenbanken ein. Die EZB zum Beispiel versorgt die europäischen Banken mit Dollar-Liquidität. Diese beschafft sie sich über einen Devisentausch (Swap) bei der US-Notenbank Fed. Ein entsprechendes Abkommen haben die Zentralbanken schon vor einigen Wochen getroffen. Heute wurde es bis Februar 2013 verlängert.

Umsonst gibt es das Geld von der Notenbank nicht. Die Fed verlangt für den Swap einen Zinssatz. Als Maßstab gilt hier der Overnight Index Swap, das ist der Zinssatz, zu dem sich Banken in den USA über Nacht Geld leihen. Auf diesen Index schlägt die Notenbank noch etwas drauf. Dieser Aufschlag betrug bisher 100 Basispunkte, jetzt wird er auf 50 Basispunkte gesenkt. Die Banken kommen damit nicht nur leichter, sondern auch billiger an frische Dollar-Mittel.

Beteiligt an der Aktion sind die Europäische Zentralbank, die US-Notenbank Federal Reserve sowie die Notenbanken Kanadas, Japans, Großbritanniens und der Schweiz.

An den Aktienmärkten löste der Vorstoß der Notenbanken ein Kursfeuerwerk aus: Der Dax baute seine Gewinne auf plus vier Prozent aus. Händler sprachen von einer „kurzfristigen Entspannung“ mit Blick auf die Euro-Schuldenkrise. Auch der Euro gewann gegenüber dem Dollar deutlich an Wert.

Bei Analysten stieß die konzertierte Aktion der Notenbanken auf ein positives Echo. Sie warnten aber zugleich davor, dies als eine Art Krisenentwarnung misszuverstehen. Die Zentralbanken trügen lediglich ihren Teil dazu bei, die Finanzkrise zu entschärfen, sagte Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus. "Es muss aber klar sein, dass viele Probleme damit nicht gelöst werden." Aber es werde wenigstens sichergestellt, dass die Banken genügend Dollar-Liquidität bekämen - und zwar zu besseren Konditionen als bisher über die Dollar-Tender der EZB. "Für Erleichterung sorgt sicher auch, dass die Notenbanken zusammenarbeiten", sagte der Ökonom. Ihre Möglichkeiten zur Krisenentschärfung seien aber natürlich begrenzt.


Angst vor dem nächsten Paukenschlag

„Der Markt mag Liquidität", kommentierte Guiseppe Amato von Lang & Schwarz den Eingriff in den Geldmarkt. "Allerdings muss man abwarten, ob sich die Lage am Interbankenmarkt entspannt", sagte Amato. "Denn dies ist nur ein Herumlaborieren am Symptom, fundamental ändert sich nichts." Die Politiker müssten jetzt liefern. "Das Zeitfenster schließt sich immer schneller." Bislang sei kaum etwas von dem umgesetzt, was angekündigt worden sei, kritisierte der Ökonom.

Die Einschätzungen Amatos kommen nicht von ungefähr. In der Euro-Zone wächst tatsächlich die Angst vor dem nächsten Paukenschlag an den Finanzmärkten. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy forderte in Brüssel eindringlich eine „systemische“ Antwort der Euro-Staaten auf die inzwischen systemische Krise. „Wir haben eine handfeste Vertrauenskrise“, sagte er. EU-Währungskommissar Olli Rehn zufolge läuft der Countdown: In den nächsten zehn Tagen müsse eine Lösung der Krise gefunden werden.

Die Euro-Finanzminister brachten die neuen Instrumente zur Verstärkung des Rettungsfonds EFSF endgültig auf den Weg. Doch an den Finanzmärkten wird die Krisenabwehr der Euro-Zone nicht mehr ernst genommen. Auch ein stärkeres Engagement des Internationalen Währungsfonds (IWF) bleibt EU-Kreisen zufolge eine unausgegorene Idee. Der Hilferuf an die Europäische Zentralbank (EZB) wird deshalb lauter.
Mit Italien droht die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone immer stärker in den Sog zu geraten: Italien habe mit dem IWF erste Gespräche über ein 400-Milliarden-Euro-Kreditpaket gesprochen, von dem der IWF ein Viertel übernehmen und der Rest von den Zentralbanken der Euro-Länder kommen solle, sagten mehrere mit dem Vorgang Vertraute Reuters in der Nacht zu Mittwoch.

Der EFSF kann ab Dezember bei Rettungsaktionen ein neues Anreizinstrument einsetzen, um seine Mittel um Kredite privater Investoren zu ergänzen - die Teilabsicherung von Verlusten bei Anleihen. Ab Januar ist auch die kompliziertere Ko-Investmentgesellschaft nutzbar. Wie stark die verfügbare Kreditbasis des EFSF von 250 Milliarden Euro gehebelt werden kann, hängt vom Interesse der Investoren ab.


Hilflose Finanzminister

Mehrere Finanzminister räumten ein, dass sie nicht mehr mit einer Vervier- oder Verfünffachung der EFSF-Mittel rechnen, sondern allenfalls dem Faktor drei. Mit vielleicht nur 750 Milliarden Euro hätte der Fonds viel zu wenig Munition, um gigantische Rettungsaktionen für die unter Beschuss stehenden Schwergewichte Italien und Spanien zu stemmen. Von einer Sprengkraft über einer Billion Euro traut sich keiner mehr zu reden.

An den Finanzmärkten stiegen die Anleihen auf italienische und spanische Anleihen weiter. Die Krisenabwehr der Euro-Zone wird zunehmend skeptisch gesehen. Die Analysten der Rabobank gaben zu bedenken, der EFSF müsse inzwischen deutlich höhere Zinsen für seine Anleihen bieten als Deutschland, habe bei seiner letzten Auktion Mühe gehabt, die erwünschte Summe einzusammeln und gerate außerdem unter Druck, falls Frankreichs
Bestnote fallen sollte. „Das stellt sämtliche Pläne zum EFSF in Frage. Das ist eine Lösung von gestern, die Märkte sind schon weiter“, hieß es in dem Kommentar der Bank.
„Das Hauptaugenmerk liegt weiter auf der Frage, woher das Geld kommt", gab Junya Tanase, Chef-Devisenstratege von JPMorgan Chase in Tokio, mit Blick auf die jetzige Zentralbanken-Intervention zu bedenken. Hierzu habe es keine neuen Informationen gegeben. "Schlussendlich hängt alles davon ab, ob sich die EZB stärker in der Schuldenkrise engagiert, da sie der einzige belastbare Geldgeber ist“, ist sich Tanase sicher.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%