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Arbeitsmarkt: Kleine Völkerwanderung aus Osteuropa

von Christian Schlesiger, Henryk Hielscher, Harald Schumacher und Anke Henrich

Vom 1. Mai 2011 an können Arbeitskräfte und Unternehmen aus acht östlichen EU-Ländern frei in Deutschland agieren – für deutsche Betriebe eher Risiko oder Chance?

Ab Mai können mehr Quelle: dpa
Ab Mai können mehr Arbeitskräfte aus Osteuropa nach Deutschland kommen Quelle: dpa

Ulrich Marseille kann den 1. Mai 2011 kaum erwarten: „Wir stehen schon in Kontakt mit den Landesregierungen in Ostpolen, um Personal zu finden und Deutschkurse zu organisieren.“ In Estland, Lettland und Tschechien hat der Gründer der Marseille-Kliniken und Herr über 61 Pflege- und Wohnanlagen Kontakte geknüpft, um sich Fachkräfte zu sichern.

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Ulrich Kolodzey aus dem bayrischen Neutraubling blickt mit Sorge auf den 1. Mai 2011: „Wenn osteuropäische Zeitarbeitnehmer in Deutschland unter den gültigen Tarifen beschäftigt werden, sind Wettbewerbsverzerrungen unvermeidbar“, fürchtet der Chef des Zeitarbeitsunternehmens Nextime. „Besonders bei einfachen Tätigkeiten wird es einen starken Preisdruck geben und werden Aufträge in erheblichem Umfang wegfallen.“

In fünf Monaten gilt für Arbeitnehmer aus acht 2004 beigetretenen EU-Ländern – Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn – EU-weit die Arbeitnehmer-Freizügigkeit und für ihre Unternehmen die Dienstleistungsfreiheit. Gut 100 000 wanderungswillige Osteuropäer erwartet Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, im ersten Jahr bis Mai 2012 in Deutschland. Ob das deutsche Unternehmen bedroht oder ihnen Chancen eröffnet, hängt von der Branche ab – vor allem davon, ob es für diese Mindestlöhne gibt, die unliebsame Konkurrenz aus dem Ausland fernhalten.

Dumpinglöhne befürchtet

Zeitarbeitsunternehmer Kolodzey etwa betont die Risiken, weil seine Branche keinen Mindestlohn hat. So könnten polnische Wettbewerber – oder polnische Ableger deutscher Firmen – in Deutschland zu Dumpinglöhnen anbieten.

Über Mindestlöhne verhandelte gerade der Vermittlungsausschuss des Bundestages. Die SPD fordert von der Regierung für ein Entgegenkommen im Streit um die Hartz-IV-Sätze die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns. Die Sozialdemokraten wissen Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, mehrere Industrieverbände und den Deutschen Gewerkschaftsbund hinter sich.

Die unheilige Allianz verschweigt jedoch gern, dass sie vor allem Wettbewerber aus ihren Reihen fürchten, die nicht verbandsgebunden sind. Würden diese in Osteuropa Niederlassungen gründen und mit Billigkräften von dort hier angreifen, ginge es so manch etabliertem Anbieter ans Geschäft.

22 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 01.03.2013, 15:53 UhrVolvotrucker

    Noch billiger
    In Italien arbeiten Ost-Europäer für €380,- im Monat.
    Einige Blätter zeigen eine Beschäftigung auf, in zweifacher Ausfertigung erstellt und unterzeichnet in tschechischer Sprache von einer Spedition. LKW-Fahrer, welche von italienischen Unternehmen gemietet werden. Nun, dank dieser anonymen Berichterstattung scheint es ganz klar zu sein, warum Hunderte von italienischen Transportunternehmen sich für Entlassungen der Fahrer unseres Landes (Italien) einsetzen, die inclusive aller Steuern und Beiträge mehr als 4000 EUR im Monat kosten,donnert Doriano Baguio, Direktor der Fai Conftrasporto. Der Ersatz durch einen rumänischen Staatsbürger kostet nur ein Zehntel dieser Zahl. Und wer kümmert sich darum, wenn Tausende von italienischen Arbeitern gehen müssen, nicht mit mehr Geld in den Taschen, die aber weiterhin Leben müssen, wenn soziale Sicherheit in den Italienischen Kassen krümelt, es entsteht eine tiefe Kluft, die die Risiko Pensionen der italienischen Bürger gefährden würden. Und wer kümmert sich um diese armen 'Importierten', die am Steuer vielleicht nicht zur wirklichen Hilfe werden und deshalb Profis zur Risiko-Bekämpfung von Tausenden von Menschen eingesetzt werden müssen?

    http://www.camionistionline.com/forum/viewtopic.php?f=2&t=2671


  • 26.11.2012, 17:10 UhrVolvotrucker

    LKW Fahrer " Billiger wie Dreck "
    System beruht auf Ausbeutung

    Nämlich zu nichts anderem als einem „Race to the bottom“, das eine Spirale der kontinuierlichen Verschlechterung des Lebensstandards in Gang setzt. Eine Spirale, die, wie der Fall der bulgarischen oder rumänischen Lkw-Fahrer zeigt, geradewegs in die Verelendung führen kann.

    Die ETF-Demonstranten haben am Montag deutlich gemacht, dass sich ihre Proteste nicht gegen die osteuropäischen Kollegen richten: Diese sind in der Tat die Opfer und nicht die Täter in diesem kriminellen Ausbeutungssystem.

    Wie ETF-Generalsekretär Eduardo Chagas am Montag erklärte, verschlechtert sich die Lage in diesem Sektor zusehends. Und zwar nicht, weil es in Europa keine Regeln gäbe, sondern ganz einfach weil deren Einhaltung nur höchst unzureichend überwacht wird: Überladene Laster und übermüdete Fahrer gehören deshalb auf Europas Straßen zum Alltag.

    Schlimmer noch: Die systematische Missachtung der Sicherheitsbestimmungen und die rücksichtslose Ausbeutung der Fahrer sind geradezu das Fundament eines Systems, das garantieren soll, dass der Gütertransport über die Straße billig wie Dreck bleibt.

    Nun mögen niedrige Transportkosten ja auf den ersten Blick als eine wunderbare Sache für Konsum und Konjunktur erscheinen.

    Doch darf man nie aus den Augen verlieren, welchen realen Preis die Allgemeinheit dafür zahlt: Armeen von miserabel bezahlten Fahrern, gigantische Kosten, die durch Unfälle verursacht werden, sowie die vom alltäglichen Wahnsinn auf unseren Straßen verursachten ökologischen Zerstörungen sind die direkten Konsequenzen einer liberalen Transportpolitik, in der die Profite grundsätzlich über das Wohl der Menschen gestellt werden.

  • 26.10.2012, 17:10 UhrVolvotrucker

    Berufskraftfahrer Ausbildung lohnt sich !!
    Märchenstunde, gelesen bei PacLease

    Die Verdienstunterschiede zeigten sich auch im Lohnvergleich der Bundesländer. In Baden-Württemberg verdienen ausgebildete Fahrer 14,15 Euro pro Stunde. Dem gegenüber stehen die Löhne in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Hier erhalten Fahrer mit der gleichen Ausbildung lediglich einen Stundenlohn von 9,42 Euro.

    Einzige Ausnahme ist die Deutsche Post AG. Aufgrund eigener Tarifverträge verdienen Fahrer mit und ohne Berufskraftfahrerausbildung sowohl in Ost und West 11,14 Euro in der Stunde.
    [Quelle: DEKRA.net informiert 28.08.2012]

    Tatsache ist doch, daß die Fahrer, nur die Hälfte des Ihnen zustehenden Tariflohn pro Stunde erhalten. Überstunden – und Nachtzuschläge sowie Weihnachtsgeld unter den Teppich gekehrt werden und jetzt wundert sich die Branche, daß sich kein Nachwuchs mehr findet

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