Aufschwung: War's das jetzt?

Finanzmarktkrise, steigende Zinsen, starker Euro, teure Energie – geht der Aufschwung schon zu Ende? Trübsal zu kultivieren ist nicht die Sache von Elmar Duffner. Auch wenn die Umsätze in Deutschland im abgelaufenen Jahr weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, bleibt der Geschäftsführer des Küchenherstellers Poggenpohl zuversichtlich. Denn der gute Absatz im Ausland hat die Flaute im Inlandsgeschäft mehr als wettgemacht. „Wir liefern über 75 Prozent unserer Küchen ins Ausland, und da brummt das Geschäft“, sagt Duffner. Der Hersteller von Luxusküchen will daher in den nächsten vier Jahren 40 bis 60 weitere eigene Verkaufsstudios rund um den Globus eröffnen. Auch in der Zentrale in Herford soll die Belegschaft weiter wachsen.

Den deutschen Markt schreibt Duffner trotz des Nachfrageeinbruchs nach der Mehrwertsteuererhöhung Anfang 2007 noch nicht ab: „Wir setzen darauf, dass sich der Inlandsmarkt 2008 normalisiert und die Kunden ihre Zurückhaltung ablegen.“

Auch die Manager anderer Unternehmen blicken – der sich abzeichnenden Wolken am Konjunkturhimmel zum Trotz – noch zuversichtlich in die Zukunft. In einer Exklusiv-Umfrage des Münchner ifo Instituts für die WirtschaftsWoche unter rund 570 Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Handel, Bau und Dienstleistungen rechnen 71 Prozent der Befragten mit einem weiteren Wachstum der deutschen Wirtschaft im nächsten Jahr, wenn auch nicht mehr so schnell wie 2007 (siehe Seite 30). Nur sieben Prozent der Manager fürchten, die Konjunktur könnte einbrechen.

Anzeige

Deutschlands Unternehmen geben sich so selbstbewusst wie schon lange nicht mehr. Nach den harten Restrukturierungen der vergangenen Jahre fühlen sie sich fit und stark genug, den konjunkturellen Widrigkeiten zu trotzen. Doch wie realistisch ist diese Selbsteinschätzung? Perlen die Belastungen durch die schwächere Weltkonjunktur, den starken Euro, die steigenden Zinsen, die Rekordstände beim Ölpreis und die Finanzmarktkrise wirklich bei den Unternehmen ab wie an einer Teflonhaut?

Wie widerstandsfähig ist das neue deutsche Wirtschaftswunder wirklich?

In den Analyseabteilungen der Banken und Forschungsinstitute stehen die Experten dem Optimismus der Unternehmenslenker eher skeptisch gegenüber. „2008 kommt der Lackmustest, wie widerstandsfähig das neue deutsche Wirtschaftswunder wirklich ist“, glaubt Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt der italienischen Bank UniCredit.

Vor allem die Finanzmarktkrise habe das Zeug, der deutschen Konjunktur einen kräftigen Dämpfer zu verpassen, fürchten Ökonomen. „Den starken Euro und die höheren Ölpreise hätte die deutsche Wirtschaft vielleicht noch weggesteckt. Aber durch die Finanz- und Kreditmarktkrise ist jetzt auch noch der Zins für kurzfristige Kredite auf fast fünf Prozent in die Höhe geschnellt“, warnt Ralph Solveen, Ökonomen bei der Commerzbank.

Mit jedem Tag, den die Verspannungen an den Finanzmärkten anhalten und die Zinsen hoch bleiben, wird der konjunkturelle Bremseffekt stärker. „Die Erfahrung zeigt, dass höhere Zinsen und eine restriktivere Kreditvergabe mit zeitlicher Verzögerung auf die Realwirtschaft durchschlagen“, erläutert Thomas Mayer, Euroland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank Global Markets. Der guten Stimmung in den Betrieben traut er daher nicht über den Weg. „Mit der Finanzkrise ist es wie mit einem Wasserrohrbruch: Oben im Wohnzimmer läuft noch die Party, während der Keller schon unter Wasser steht“, unkt Mayer.

Exporte erlahmen. In den vergangenen Wochen haben die meisten Volkswirte ihre Wachstumsprognosen daher deutlich nach unten revidiert. Gingen sie im Sommer noch davon aus, dass die deutsche Wirtschaft 2008 mit deutlich über zwei Prozent wachsen werde, so liegen ihre Prognosen derzeit im Schnitt nur noch bei etwa 1,7 Prozent. Der Grund: Die Immobilien- und Finanzmarktkrise hat sich von ihrem Epizentrum in den USA längst über den ganzen Globus ausgebreitet und andere Länder angesteckt.

US-Wirtschaft am Rande der Rezession

In den USA steht die Wirtschaft bereits am Rande der Rezession. Die sukzessiven Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed in den vergangenen Jahren haben die Immobilienpreisblase in der größten Volkswirtschaft der Welt zum Platzen gebracht.

Nun fürchten Ökonomen, dass die US-Bürger auf den Vermögensverlust mit Kaufzurückhaltung reagieren. Der private Konsum, mit einem Anteil von rund 70 Prozent am Bruttoinlandsprodukt wichtigste Stütze der US-Konjunktur, könnte einbrechen und die Wirtschaft endgültig in die Rezession stürzen.

Geht der US-Konjunktur die Puste aus, wird es auch für den Rest der Weltwirtschaft ungemütlich. Zwar haben sich in den vergangenen Jahren Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien und China als neue globale Kraftzentren etabliert. Noch aber reicht ihre Kraft nicht, um die Weltkonjunktur am Laufen zu halten, wenn die USA ein oder zwei Gänge zurückschalten. So trugen die BRIC-Länder im Zeitraum von 2000 bis 2006 lediglich 32 Prozent zum weltweiten Nachfragewachstum bei, deutlich weniger als die USA mit 38 Prozent.

China von US-Wirtschaft abhängig

Vor allem China ist vom wirtschaftlichen Wohl und Wehe der USA abhängig. Das Land der Mitte liefert 21 Prozent seiner Ausfuhren in die USA, das sind 7,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts. „Wegen der großen globalen Bedeutung der USA ist es kaum vorstellbar, dass das Wachstum im Rest der Welt von einer Abkühlung in den Vereinigten Staaten nicht beeinträchtigt wird“, sagt Jim O’Neill, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs. 

Zudem spricht einiges dafür, dass auch von der chinesischen Wirtschaft bald weniger Impulse für die Weltwirtschaft ausgehen. In den vergangenen Wochen haben die Regierung und die Zentralbank in Peking zusätzliche Maßnahmen ergriffen, um die Konjunktur zu dämpfen und der Inflation entgegenzuwirken. „Dadurch ist die Gefahr gestiegen, dass die Wirtschaft in China just zu dem Zeitpunkt abkühlt, wo der US-Wirtschaft die Puste ausgeht und der Welt ein doppelter Schock bevorsteht“, sorgt sich O’Neill.

Lässt der Dampf im Kessel der Weltwirtschaft nach, geht auch in der erfolgsverwöhnten deutschen Exportindustrie das Tempo zurück. Zumal der Höhenflug des Euro ihre Waren für Kunden außerhalb der Währungsunion deutlich verteuert hat. In der ifo-Umfrage gaben daher 46 Prozent der Exportunternehmen an, der starke Euro bereite ihnen Probleme. Mehr als ein Drittel von ihnen sieht die Schmerzschwelle bei 1,40 Dollar je Euro.

Die Konjunkturforscher des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel haben wegen der schwächeren Weltwirtschaft und des fortgesetzten Höhenflugs des Euro ihre Exportprognose reduziert – für 2008 rechnen sie mit einem Ausfuhrplus von nur noch 4,2 Prozent, halb so viel wie in diesem Jahr.

Auch private Haushalte leiden unter höheren Zinsen

Die höheren Zinsen treffen nicht nur die Banken. Auch Unternehmen und private Haushalte leiden darunter. Ein Drittel aller Unternehmenskredite in Euroland weist kurze Laufzeiten auf, bei denen sich der Zins am Geldmarktsatz orientiert. In Ländern wie Spanien und Irland werden zudem Hypothekenkredite meist variabel verzinst. Mit jedem Zehntel, das der Geldmarktzins steigt, fehlt den Häuslebauern das Geld für anderweitige Anschaffungen.

Kein Wunder, dass die vom ifo Institut befragten Unternehmen in höheren Zinsen eines der größten Risiken für die Konjunktur sehen. Schon haben sich die Ausgaben der Unternehmen für Maschinen und Anlagen deutlich verlangsamt. Steckten die Betriebe im ersten Quartal 2007 noch knapp vier Prozent mehr Geld in neue Maschinen als im Vorquartal, waren es im dritten Quartal nur noch magere 0,4 Prozent.

Shop ’til you drop? Umso wichtiger wäre es deshalb, dass der private Konsum anspringt und die Rolle des Konjunkturmotors von den Exporten und Investitionen übernimmt. Doch danach sieht es bisher » nicht aus. Im Gegenteil. Obwohl seit Anfang 2006 knapp eine Million zusätzliche sozialversicherungspflichtige Jobs entstanden sind und die Löhne in wichtigen Branchen wie der Metall- und Chemieindustrie zuletzt kräftig gestiegen sind, wird der private Konsum in diesem Jahr wohl hinter seinen Vorjahreswert zurückfallen. Hauptgrund ist die kräftige Erhöhung der Mehrwertsteuer zu Jahresbeginn, die 18 Milliarden Euro aus den Taschen der Bürger in die Kassen des Staates umgeleitet hat.

Inflationsrate steigt

Dazu kommt, dass die hohe Teuerungsrate den Bürgern immer weniger Geld in der Tasche lässt. Im November sprang die Inflationsrate auf 3,1 Prozent – den höchsten Stand seit Januar 1994. Preistreiber Nummer eins waren Energie und Nahrungsmittel. Doch die meisten Volkswirte verteilen weiter Beruhigungspillen. „Der aktuelle Preisschub beruht vor allem auf Sonderentwicklungen, die 2008 wieder auslaufen“, prophezeit Gustav Horn, Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf.

Auch die Hoffnungen auf sinkende Ölpreise dürften enttäuscht werden. In ihrem jüngsten Monatsbericht sagt die Internationale Energieagentur für 2008 einen Anstieg der Ölnachfrage um 2,5 Prozent auf 87,8 Millionen Fass am Tag voraus. Die Erdölförderung hingegen steigt aufgrund von Kapazitätsengpässen schon seit drei Jahren nicht mehr. Derzeit beläuft sie sich auf 84,3 Millionen Fass am Tag. Jochen Hitzfeld, Rohstoffspezialist bei UniCredit, erwartet daher, „dass die Nachfrage 2008 in allen Quartalen signifikant über den gegenwärtigen Produktionsmöglichkeiten liegt“. Seine Ölpreisprognose für 2008 hat Hitzfeld daher von 85 auf 95 Dollar je Fass erhöht. 

Wachsender Konsum als Stütze der Konjunktur

Trotz dieser Belastungen setzen Experten darauf, dass der private Konsum im nächsten Jahr anspringt und zur Stütze für die Konjunktur wird. So erwartet die Gesellschaft für Konsumforschung, dass die nominale Kaufkraft der Bundesbürger um 3,8 Prozent steigt, ein Plus von durchschnittlich 700 Euro pro Kopf. Abzüglich der erwarteten Preissteigerungsrate von etwa 2,3 Prozent ergibt sich ein Plus bei den Realeinkommen von 1,5 Prozent.

Für viele Bürger dürften solche Rechenspiele jedoch kaum nachvollziehbar sein. Ihre Lebenswirklichkeit sieht anders aus. Ob beim Einkauf im Supermarkt oder beim Tanken an der Zapfsäule – überall werden sie kräftig zur Kasse gebeten. Kein Wunder, dass die Deutschen sich da beim Einkaufsbummel zurückhalten.

Lieber legen sie einen steigenden Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante. Denn eines ist ihnen klar: Um ihren Lebensstandard im Alter zu halten, müssen sie mehr privat vorsorgen.

Gewerkschaften fordern „knackigen“ Lohnzuwächse

Daran werden auch die von den Gewerkschaften geforderten „knackigen“ Lohnzuwächse bei der Tarifrunde 2008 nichts ändern. Sollten sich die Arbeitnehmervertreter mit ihren Vorstellungen durchsetzen, werden die Währungshüter der EZB nicht lange zögern, die Zinsschraube anzuziehen, um eine Preis-Lohn-Spirale zu verhindern. Auch in der Vergangenheit hat es solche Konflikte zwischen der Lohn- und der Geldpolitik gegeben. Sie endeten stets gleich: in der Rezession.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%