Binnenkonsum: Staunen über Deutschlands Shopping-Lust

ThemaKonjunktur

Binnenkonsum: Staunen über Deutschlands Shopping-Lust

von Mark Fehr

Die Deutschen gelten traditionell als pessimistische Konsummuffel, die in Erwartung schlechter Zeiten knausern. Plötzlich ist alles anders. Warum sparen die Deutschen immer weniger?

Selbst abgeklärte Ökonomen staunen derzeit über Deutschlands Konsumenten. Das mickrige Wirtschaftswachstum von 0,1 Prozent im ersten Quartal hat das Land nur der Kauflust seiner Bürger zu verdanken. Die Konsumausgaben dürften 2013 um real 1,0 Prozent wachsen und damit stärker als die Gesamtwirtschaft. Dabei gelten die Deutschen traditionell als pessimistische Konsummuffel, die in ständiger Erwartung schlechter Zeiten lieber knausern und Notgroschen anhäufen, statt Lohn oder Rente unter die Leute zu bringen. In anderen Industrienationen wie den USA oder Japan geben die Verbraucher einen deutlichen höheren Anteil ihrer verfügbaren Nettoeinkommen aus.

So steht es um die deutsche Wirtschaft Ifo-Index und Konsumklima gehen durch die Decke

Die Deutschen kaufen so viel, wie seit Jahren nicht mehr und auch die Stimmung in den Chefetagen hat sich im Mai deutlich aufgehellt. Unsere Infografik zeigt, wohin die Reise der deutschen Wirtschaft geht.

WirtschaftsWoche Konjunkturbarometer Quelle: WirtschaftsWoche Online

Doch wo früher bei den Deutschen in unsicheren Zeiten ein Angstsparen einsetzte, vollzieht sich derzeit das genaue Gegenteil: Die Sparquote, also der Anteil des Einkommens, den private Haushalte nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben für später zurücklegen, ist seit dem Krisenjahr 2008 kontinuierlich gesunken und liegt aktuell mit rund zehn Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 2002. Nach einer neuen Prognose der OECD dürfte die Sparquote 2014 sogar unter die Zehn-Prozent-Schwelle sinken (siehe Grafik). Und in der monatlichen Konsum-Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK bei rund 2000 Verbrauchern hielten es im April so wenig Befragte wie nie zuvor für ratsam, zu sparen.

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Sparneigung deutscher Konsumenten

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Keine kauffreudigen Hedonisten

Werden wir also Zeuge eines historischen Wandels von der Angstgesellschaft asketischer Sparer zu einer Spaßgesellschaft kauffreudiger Hedonisten? Fakt ist: Die Mentalität der Deutschen hat sich nur scheinbar verändert, tatsächlich ist der aktuelle Kaufrausch von der gleichen Motivation getrieben wie zuvor der Geiz – von Unsicherheit.

Eine zentrale Rolle spielen die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) und die damit einhergehenden Mickerzinsen. Die schleichende Enteignung der Sparer durch negative Realzinsen treibt viele Bürger in den Konsum. Banken zahlen aufs Tages- oder Festgeld ihrer Kunden nur noch Zinssätze, die deutlich unter der Inflationsrate von langfristig rund zwei Prozent liegen. Angesichts erodierender Zinsen vernichtet Sparen somit Geld, statt Vermögen zu schaffen.

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