Boom and bust: Tarifpolitischer Drahtseilakt

kolumneBoom and bust: Tarifpolitischer Drahtseilakt

Kolumne

Der Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie gibt den Betrieben überraschend viel Spielraum. Trotzdem birgt er Arbeitsplatz-Risiken.

Im September besuchte Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Ulrich Brocker die Firma Diehl Aerospace in Frankfurt und durfte dort einen Flugsimulator ausprobieren. Der Flug des Arbeitgeberfunktionärs geriet ziemlich unruhig. Er schaffte es aber mit letzter Kraft, eine Bruchlandung zu verhindern.

Genau so dürfte sich das gesamte Lager der Metallarbeitgeber seit vergangenem Mittwoch fühlen. Nach einem 23- stündigen Verhandlungsmarathon einigten sich die Tarifparteien in Baden-Württemberg auf einen Pilot-Tarifvertrag. 2009 erhalten die 3,6 Millionen Beschäftigten in zwei Schritten 4,2 Prozent mehr Geld. Hinzu kommen eine Einmalzahlung von 510 Euro und zwei weitere Boni 2009 und 2010. Laufzeit: 18 Monate. Die Streikleibchen bleiben im Schrank.

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Ist das gut oder schlecht? Die Metall- und Elektroindustrie ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von fast einer Billion Euro. Seit 2006 ist die Zahl der Beschäftigten um 250 000 auf 3,64 Millionen gestiegen, das ist der höchste Stand seit 1995. Dass die Metaller angesichts der vergangenen fetten Jahre in ihrer Branche einen Zuschlag verdient haben, stellen selbst Hardcore-Ökonomen nicht infrage.

Dennoch ist der Abschluss ein tarifpolitischer Drahtseilakt. Viele Betriebe mögen damit zunächst leben können, und die lange Laufzeit gibt Planungssicherheit. Auch dass schwächelnde Betriebe die zweite Stufe (ab Mai) um bis zu sieben Monate nach hinten schieben dürfen, ist ein Zugeständnis der IG Metall, das man ihr nach dem Klassenkampfgeklingel der vergangenen Wochen eigentlich nicht zugetraut hat.

Fakt ist aber auch: Die Auftragseingänge brechen dramatisch ein. Wenn das Auftragspolster in einigen Monaten verschwunden ist, alle Stundenkonten der Belegschaft geräumt und alle Zeitarbeiter zu ihren Verleihfirmen zurückgeschickt wurden, dann geht es ans Eingemachte. Wenn die Controller und Sparkommissare anrücken, könnten steigende Löhne sehr wohl dazu führen, dass Unternehmen bei der Stammbelegschaft den Rotstift ansetzen, die Produktion ins billigere Ausland verlagern – oder gleich aus dem Arbeitgeberverband austreten, um künftig ihre eigene Lohnpolitik zu machen.

Zumal auch das Argument Unfug ist, dass höhere Löhne den Metallbetrieben nützten, weil sie die Nachfrage ankurbeln. Verbraucher kaufen keine Kräne, Kraftwerke und Werkzeugmaschinen. Die Metallbetriebe, die nun höhere Löhne zahlen müssen, profitieren kaum von Mehrausgaben ihrer Mitarbeiter. Und die Autoindustrie ist so tief im Tal der Tränen, dass selbst eine achtprozentige Lohnerhöhung den Absatz nicht angekurbelt hätte.

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