Boom & Bust: Europäische Fliehkräfte

kolumneBoom & Bust: Europäische Fliehkräfte

Kolumne von Malte Fischer

Die Länder des Euro-Raums driften wirtschaftlich immer weiter auseinander. Das erschwert der Europäischen Zentralbank den Job. Deutschland aber könnte davon kurzfristig profitieren.

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WirtschaftsWoche-Redakteur Malte Fischer

Zehn Jahre herrschte Friede, Freude, Eierkuchen. Nach der Euro-Einführung 1999 schien es, als ob sich so etwas wie ein einheitlicher Währungsraum entwickelte.

Die Zinsen für Staatsanleihen, die Inflationsraten und die Wachstumsraten der Mitgliedsländer näherten sich einander an. Die Befürworter der gemeinsamen Währung, die darauf gesetzt hatten, dass die Euro-Klammer zu ökonomischer Konvergenz zwingt, sahen sich bestätigt.

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Dass es unter der Oberfläche brodelte und die Länder der südlichen Peripherie die Zügel schleifen ließen, darüber sahen die Euro-Befürworter und die Finanzmärkte gerne hinweg. Vor allem den Regierungen von Portugal, Italien, Griechenland und Spanien (PIGS-Länder) fehlte es an haushaltspolitischer Disziplin.

Außerdem schlugen diese Länder bei den Löhnen über die Stränge. Das trieb die Lohnstückkosten in die Höhe und zerstörte die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Fliehkräfte in der Währungsunion

Jetzt – Finanzkrise sei Dank – haben die Märkte den Schlendrian erkannt und begonnen, die Risiken eines Zahlungsausfalls der einzelnen Euro-Länder adäquat zu bewerten.

Die Hoffnung auf wirtschaftliche Konvergenz aber ist damit ebenso geplatzt wie zuvor die Spekulationsblasen. Denn die Fliehkräfte in der Währungsunion dürften sogar noch größer werden.

Der Grund: Die PIGS-Länder müssen die Defizite in ihren Staatshaushalten durch Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen drastisch herunterprügeln. Die Ökonomen der Commerzbank kalkulieren, dass der Sparkurs das Wirtschaftswachstum in Griechenland und Spanien in diesem Jahr um rund 2,5 beziehungsweise 1,0 Prozent nach unten drücken wird.

In Spanien kommt noch hinzu, dass die Bürger die hohen Schulden abbauen müssen, die sie sich während der Immobilien-Bonanza in den vergangenen Jahren aufgeladen haben. Die Konjunktur in den PIGS-Ländern dürfte daher weit hinter die in den Kernländern zurückfallen.

Der Job der Europäischen Zentralbank, eine Geldpolitik aus einem Guss für die Euro-Zone zu entwerfen, wird dadurch noch schwieriger.

Je weiter die Wirtschaft der Euro-Länder auseinandertreibt, desto unsinniger ist es, den Leitzins am Durchschnitt zu orientieren. Denn ein solcher „Durchschnittszins“ wird weder den Kernländern noch den schwachbrüstigen PIGS-Ländern gerecht.

Die EZB könnte daher geneigt sein, aus Sorge um den Fortbestand der Währungsunion den Leitzins lieber etwas zu niedrig als zu hoch anzusetzen. Das dürfte die Binnenkonjunktur in Deutschland anheizen – und die Wachstumsdivergenzen in der Eurozone noch verstärken.

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