Boom & Bust: Kein Hebel für den Klassenkampf

kolumneBoom & Bust: Kein Hebel für den Klassenkampf

Bild vergrößern

WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse

Kolumne

Die Lohnquote in Deutschland ist jahrelang gesunken. Jetzt steigt sie plötzlich wieder. Was hat das zu bedeuten?

Es gibt ökonomische Kennziffern, die Gewerkschaften und Kapitalismuskritiker ganz besonders mögen, weil sie – vermeintlich – ihre Weltsicht stützen. Dazu zählt insbesondere die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen. Weil dieser Wert in den vergangenen Boomjahren abnahm, wetterten Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine und andere gegen die „gewaltige Umverteilung“ von unten nach oben. In der letzten Metalltarifrunde bemühte IG-Metall-Chef Berthold Huber die gesunkene Lohnquote, um eine Lohnforderung von acht Prozent zu rechtfertigen.

Seit Kurzem sind diese Stimmen weitgehend verstummt. In den ersten drei Monaten dieses Jahres ist die Lohnquote nämlich auf fast 70 Prozent in die Höhe geschnellt. Das ist der vierte Anstieg in Folge und höchste Quartalswert seit mehr als fünf Jahren. Der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen, der bis 2007 stetig zugelegt hatte, schrumpfte hingegen im ersten Quartal auf 30,3 Prozent. Er liegt damit so niedrig wie zuletzt Ende 2003. Dass sich im zweiten Quartal daran etwas dramatisch ändert, ist kaum zu erwarten.

Anzeige

Problematischer Indikator

Grafik: Arbeitnehmerentgelt

Grafik: Arbeitnehmerentgelt

Ist das nun gut oder schlecht? Zunächst einmal ist die Lohnquote ein nicht unproblematischer Indikator, um Verteilungsgerechtigkeit zu messen. Die Quote erfasst nicht die Kapitaleinkommen der Haushalte wie Zinsen, Dividenden oder Mieten – wohl aber die Spitzengehälter angestellter Top-Manager. Umgekehrt verbucht die amtliche Statistik die Einkünfte von Freiberuflern als Kapitaleinkommen, obwohl dies faktisch deren Arbeitslohn ist. Die Analyse der Lohnquote kann mithin nur annährungsweise Aufschlüsse über die Einkommensposition der Haushalte geben.

Aber so viel zumindest lässt sich aus den aktuellen Zahlen sehr wohl herauslesen: Die Anpassungslast der Wirtschaftskrise tragen bisher vor allem die Unternehmen, deren Gewinne wegbrechen. Die Arbeitnehmer, deren Tariflöhne 2008 erstmals seit fünf Jahren stärker stiegen als Inflation und Arbeitsproduktivität, erhalten relativ gesehen ein größeres Stück vom (kleineren) Kuchen.

Das soll keine Verharmlosung der aktuell prekären Lage vieler Arbeitnehmer sein: Wenn die Gewinne sinken, brechen irgendwann auch die Jobs weg. Nur: Als Klassenkampf-Argument sollte die Lohnquote endgültig ausgedient haben.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%