Boom & Bust: Neue Zuverdienstgrenzen ändern nichts

kolumneBoom & Bust: Neue Zuverdienstgrenzen ändern nichts

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WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse

Kolumne von Bert Losse

Der Aufschwung geht an den Langzeitarbeitslosen vorbei. Neue Zuverdienstgrenzen ändern daran nichts.

Am 28. Oktober wird Frank-Jürgen Weise kurz vor 10 Uhr den schicken Konferenzsaal im ersten Stock der Bundesagentur für Arbeit (BA) betreten und die neuesten Arbeitslosenzahlen präsentieren. Der BA-Vorstandschef dürfte dann noch besserer Laune sein als in den Vormonaten. Denn erstmals seit fast zwei Jahren, so pfeifen es die Spatzen von den Nürnberger Dächern, ist die Arbeitslosenzahl unter die Drei-Millionen-Grenze gefallen. So weit die gute Nachricht.

Die schlechte lautet: Der aktuelle Aufschwung geht an den Langzeitarbeitslosen weitgehend vorbei. Rund eine Million Menschen, also ein gutes Drittel des aktuellen Arbeitslosenheers, hat den Anschluss verloren. Der empirische Befund: Wer länger als zwölf Monate ohne Job ist, hat eine viermal geringere Chance auf eine neue Stelle als "frische" Erwerbslose. Von 1998 bis 2010 konnten jeden Monat durchschnittlich 8,5 Prozent der Kurzzeitarbeitslosen, aber nur 1,7 Prozent der Langzeitarbeitslosen eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt antreten, ermittelten Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

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Kein Wunder also, dass Arbeitsmarktpolitiker jedweder Couleur darüber nachdenken, wie sich das Missverhältnis ändern lässt. Im Fokus stehen derzeit vor allem die Hinzuverdienstgrenzen. Bislang dürfen Hartz-IV-Empfänger, die einen 400-Euro-Job annehmen, von ihrem Lohn 160 Euro behalten, der Rest wird auf die Stütze angerechnet. Die Koalition will das nun ändern. In dieser Woche trifft sich dazu eine Arbeitsgruppe von Union und FDP, am 20. Oktober will das Kabinett darüber beschließen. Im Gespräch ist ein Modell, bei dem die Freibeträge im unteren Lohnbereich sinken, dafür jedoch oberhalb eines Hinzuverdienstes von 400 Euro steigen.

Qualifikation zählt

Doch dies ist ein ökonomischer Nebenkriegsschauplatz. Natürlich macht es Sinn, Langzeitarbeitslose wieder an einen geregelten Arbeitsalltag zu gewöhnen, und sei es nur für ein paar Stunden und für ein paar Euro. Doch für die langfristigen Jobchancen ist das Verschieben von Freigrenzen unerheblich. Eine Reintegration in den ersten Arbeitsmarkt lässt sich (neben Sanktionen für Arbeitsverweigerer) nachhaltig nur auf eine Weise erzielen – durch Qualifikation. Über die Hälfte der Langzeitarbeitslosen hat keine Berufsausbildung, mehr als jeder Fünfte nicht mal einen Schulabschluss. Auf sie hat kein Chef gewartet. Und selbst wer einen Abschluss und Berufserfahrung vorweisen kann, gerät schnell in eine Spirale nach unten, weil der Wert des Wissens mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit abnimmt. "Um eine Reihenfolge der Bewerber auf eine offene Stelle zu bilden, ziehen Arbeitgeber häufig die Dauer der Arbeitslosigkeit als ein Signal für den Verlust von Humankapital und geringe Produktivität heran", schreibt das IAB.

Sicher: Es wird im Weiterbildungssektor viel Schindluder getrieben, viele Kurse sind teurer Unfug. Trotzdem ist Aus- und Weiterbildung für viele Jobsuchende die letzte Chance.

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