Chefsache: Ciao, Aufschwung

Roland Tichy über das Leben mit der Finanzkrise.

Passanten auf der Straße diskutieren, ob eine holländische Direktbank genauso gefährlich ist wie die Zinsschnäppchenklitsche aus Island, deren Namen wir vor sechs Monaten zum ersten Mal gelesen haben: Die Folgen der Finanzkrise sind in der Wirklichkeit angekommen. Moderne Krisen haben eine lange Vorlaufzeit. Sie sind sinnlich unverstehbar, man kann sie nicht anfassen. Die Klimaerwärmung ist auch unverstehbar, daher die gewagt konstruierten Bilder von Eisbären auf schmelzendem Eis. Wir sollen verdichteten Diagrammen glauben, deren Umsetzung durchschaubar manipulativ angelegt ist – und doch Abbilder der Wirklichkeit darstellen. Die Finanzkrise ist bisher auch unbebildbar – außer mit den gefeuerten Jungs von Lehman Brothers mit ihren Umzugskisten, die gar nicht so traurig in die Pleite gehen.

Krise beginnt, wenn Tom Buhrow in den „Tagesthemen“ ernster als sonst ins Wohnzimmer guckt. Aber das Leben geht weiter. Mein ICE hat wieder Verspätung. Das Gute daran ist: Es ist nur ein angeblicher Riss im Rad der Bahn; es hat nichts mit der Finanzkrise zu tun. Es gibt Semmeln beim Bäcker und Scheine am Bankautomat; Benzin an der Tankstelle sogar etwas billiger; und Kollegen schreiben gutgelaunt Karten aus Mauritius mit bunten Fischen drauf und braunen Bikinischönheiten (eigentlich zu gewagt fürs Büro).

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In vielen Unternehmen stecken zwar die Controller schon wieder die Köpfe verschwörerisch zusammen, mit Mienen wie ein Hinrichtungskommando. Wenn die sich wichtigmachen dürfen, wird es gefährlich. Aber wo; verdammt, geht’s hier zur Krise? Wie kann man sie packen? 500 Milliarden für die Banken, so viel wie eine halbe DDR – ist Geld eigentlich beliebig vermehrbar? Warum streiten wir über ein paar läppische Millionen für Hartz-IV-Empfänger und haben dann Hunderte Milliarden über Nacht zur Hand? Die Finanzkrise ist ein seltsames Konstrukt: Sie ist da, bedrohlich und doch Theorie, eine Schimäre in Gestalt schwindender Zahlen auf dem Depotauszug. Die Sozialarbeiterin von nebenan ist dabei am entspanntesten. Arbeit mit Behinderten war schon immer schwierig; und Geld, das man verlieren könnte, ist bei ihrem Gehalt nicht ansparbar.

Irgendwie klammert sich jeder an die Hoffnung, dass die Krise wieder weggeht, so wie sie gekommen ist: Wir haben doch gelebt auch ohne intime Kenntnisse von CDS und Subprime, Interbanken-Markt und Collateralized Dept Obligations, Begriffe, mit denen wir heute so charmant parlieren wie Peer Steinbrück über das Grauen, wenn er sagt, dass er in immer neue Abgründe schaut. Was sieht man da eigentlich?

Zunächst verdichten sich nur die Meldungen über stornierte Aufträge, gestoppte Fließbänder, gefeuerte Zeitarbeiter, eingefrorene Konten, sinkende Umsätze. Ciao, Aufschwung! Tschüss, Wohlstand! Aber oft wird man den Verdacht nicht los: Es ist auch eine gute Ausrede für allerlei Murks und Maßnahmen, was man sich sonst nicht zu sagen und schon gar nicht anzupacken traute. Nicht einmal in Sindelfingen, wo keine Autos mehr gebaut werden, ist die Krise sichtbar. In Kronberg im Taunus surren die schwarzen Limousinen wie ehedem und werden Pinscher Gassi geführt. Deutschland ist auch in der Krise noch solide. Nicht so wie in China, wo Hunderttausende ohne Lohn morgen vor verschlossenen Fabriken stehen, die gestern noch auf Hochtouren für das Weihnachtsgeschäft in New York und Frankfurt Ware lieferten.

So kriecht also eine Krise heran. Sie kriecht wie Kälte in die Kleider und drückt auf die Stimmung, wird so Wirklichkeit. Die WirtschaftsWoche beginnt in dieser Ausgabe mit einer Serie über die Zukunft des Kapitalismus - mit einem Aufsatz unseres Mutterblatts, des „Deutschen Volkswirts“ aus dem Jahre 1932, zur damaligen Weltwirtschaftskrise.

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