Daron Acemoglu: "Chinas Modell ist nicht nachhaltig"

InterviewDaron Acemoglu: "Chinas Modell ist nicht nachhaltig"

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Daron Acemoglu sieht in "guten Institutionen" den Schlüssel zum Erfolg der arabischen Revolution - und warnt vor ihrem Scheitern, weil es der Region genau an diesen Institutionen mangele

von Malte Fischer

Der amerikanische Nobelpreis-Anwärter sieht im Machtmissbrauch korrupter Politiker den wichtigsten Grund für Armut. Länder ohne gute Institutionen werden auf Dauer scheitern.

WirtschaftsWoche: Professor Acemoglu, nach der Revolution im Nahen Osten vor gut einem Jahr hegten viele die Hoffnung, mit der politischen Freiheit werde auch der wirtschaftliche Wohlstand in die Region kommen. Mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt. Was haben die Länder falsch gemacht?

Acemoglu: Der politische und wirtschaftliche Umbruch im Nahen Osten ist eine Zeitenwende, und er wird das Gesicht der Länder nachhaltig verändern. Allerdings herrscht nach wie vor Unsicherheit, wohin die Reise geht. Entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung ist nicht, ob die Menschen frei wählen können – sondern ob es ihnen gelingt, gute Institutionen aufzubauen.

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Was verstehen Sie darunter?

Gute Institutionen sind sogenannte Inklusiv-Institutionen. Ich fasse den Institutionsbegriff sehr weit; es geht hier nicht nur um fähige Behörden wie eine unabhängige Zentralbank, sondern vor allem um Rechtsstaatlichkeit und ein freiheitliches Normenkorsett. Das bedeutet etwa, dass die politische Macht gleichmäßig verteilt ist und keine Gruppe andere Gruppen politisch oder wirtschaftlich ausbeuten kann. In den meisten Ländern des Nahen Ostens hat eine kleine Elite die Kontrolle über die Ressourcen. Die Möglichkeit, Unternehmen zu gründen, ist ebenfalls nur einer kleinen Schicht vorbehalten. Die Herausforderung ist nun, diese Strukturen völlig umzukrempeln.

Und wie groß sind dabei die Erfolgschancen?

Acemoglu: Die historischen Erfahrungen sind nicht ermutigend. Wenn Eliten aus ihren Ämtern vertrieben werden, nutzen die neuen Machthaber die Strukturen der alten Eliten häufig für ihre eigenen Zwecke.

Wo zum Beispiel?

Man muss sich nur das Schicksal vieler Länder südlich der Sahara oder in Südasien anschauen. Nach der Unabhängigkeit von ihren Kolonialherren fielen sie in die Hände einheimischer Machteliten, die das Land ebenso ausbeuteten wie zuvor die Kolonialherren. Sogar in den USA gab es ähnliche Entwicklungen. Nach dem Bürgerkrieg wurde die Sklaverei verboten, und die Farbigen durften wählen. Doch die alten Eliten des Südens konnten ihre Machtstrukturen erhalten. Das war ein Grund dafür, warum sich die Südstaaten wirtschaftlich kaum weiterentwickelten.

Viele Länder des Nahen Ostens sind reich an Öl und Gas. Erleichtert das nicht die wirtschaftliche Entwicklung?

Man darf die Bedeutung natürlicher Ressourcen nicht überschätzen. Die Mehrheit der libyschen Bevölkerung ist bitterarm, obwohl das Land reich an qualitativ hochwertigem Öl ist. Die Institutionen entscheiden, ob der Reichtum an natürlichen Ressourcen Fluch oder Segen ist. Dienen Politik, Verwaltung und Justiz dem Machterhalt einer mächtigen Clique, ist die Gefahr groß, dass diese sich an den Rohstoffen bereichert. Für Libyen etwa könnte sich der Ölreichtum als Nachteil erweisen, wenn es dem Land nicht gelingt, seine innere Struktur zu ändern. Verfügt ein rohstoffreiches Land dagegen über funktionierende Institutionen wie zum Beispiel Norwegen oder Botswana, ist der Reichtum an Ressourcen ein Segen.

Auf welche Institutionen kommt es konkret an?

Inklusiv-Institutionen, die den Wohlstand fördern, sind solche, die allen Menschen die Möglichkeit geben, ihre wirtschaftlichen Leistungspotenziale voll zu entfalten. Elementar sind verlässliche Eigentumsrechte, die Gleichheit vor dem Gesetz, gleiche politische Mitwirkungsrechte für alle Gruppen der Gesellschaft sowie die Bindung politischen Handels an Regeln. Ebenso wichtig sind soziale Normen und das Wertesystem, etwa die Bereitschaft, sich an Gesetze zu halten.

Welche Rolle spielt die Kultur?

Ich halte nichts davon, die Probleme im Nahen Osten auf die arabische Kultur zurückzuführen. Sicherlich können religiöser Extremismus und starke ethnische Fragmentierung die Entwicklung von Demokratie und sozialen Normen erschweren. Meist ist die Qualität der Institutionen aber das Resultat der Geschichte. Nehmen Sie Großbritannien. Dort gibt es wie selbstverständlich demokratische Mitwirkungsrechte der Bürger und eine Kontrolle der Eliten durch die freie Presse. Das fiel nicht vom Himmel, sondern ist das Ergebnis einer über 400 Jahre langen Entwicklung.

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