Denkfabrik: Amerika mutiert zur Volksrepublik

Denkfabrik: Amerika mutiert zur Volksrepublik

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Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung

Die Spätfolgen der Finanzkrise sind gravierender als erwartet. Das gilt für die USA und ihren Immobilienmarkt, aber auch für das deutsche Bankensystem, sagt Hans-Werner Sinn.

Während sich die Weltwirtschaft allmählich wieder aufrichtet, schnellen die Arbeitslosenzahlen in den USA weiter in die Höhe. Das ist ein untrügliches Zeichen für die Hartnäckigkeit dieser Krise. Noch alarmierender ist die Lage am US-Finanz- und -Immobilienmarkt. So ist der private Markt für immobilienbesicherte Verbriefungen von 2006 bis 2009 um 97 Prozent geschrumpft – von etwa 1900 Milliarden Dollar Neuemissionen auf gerade mal 50 Milliarden.

Auch der private Markt für nicht verbriefte Hypothekenkredite ist praktisch zusammengebrochen. Ersatz hat der Staat geschaffen. 95 Prozent der Immobilienkredite, die in den USA ausgegeben werden, laufen derzeit über die staatlichen Institutionen Fannie Mae, Freddie Mac und Ginnie Mae. Früher nannte man Volkswirtschaften, deren Immobilienfinanzierung zu solchen Prozentsätzen in Staatshand waren, sozialistisch. „Volksrepublik Amerika“ kann ich dazu nur sagen.

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Der institutionelle Schwindel ist inzwischen aufgedeckt

Die immobilienbesicherten Verbriefungen umfassen Mortgage Backed Securities (MBS) und darauf aufbauende Collateralized Debt Obligations (CDO). MBS sind verbriefte Forderungen gegenüber einem Bündel von Immobilienkrediten. Diese Forderungen erinnern auf den ersten Blick an Pfandbriefe, sind aber alles andere als das. Pfandbriefe sind schuldrechtliche Ansprüche gegen eine Bank, die zusätzlich mit einer Immobilie besichert sind.

Der Inhaber eines Pfandbriefs kann die emittierende Bank vor den Kadi ziehen, wenn sie das Geld zum Ende der Laufzeit nicht zurückzahlt. Wenn die Bank pleite ist, kann er sich an die Immobilieneigentümer halten, die die erhaltenen Kredite zurückzahlen müssen. Und wenn die nicht zahlen können, hat er einen Anspruch gegen die Immobilien selbst.

Der Inhaber eines MBS-Papiers hat demgegenüber keinen Anspruch gegen die emittierende Bank, sondern nur gegen die besicherten Immobilien. Er hat zwar formal einen Anspruch gegen die Kreditnehmer, aber dieser Anspruch hängt in der Luft, weil sich die Kreditnehmer wegen der Regressfreiheit der Kredite jederzeit der Rückzahlungsverpflichtung entziehen können, indem sie ihr Haus mitsamt des erhaltenen Kredits an die Bank zurückgeben – was Millionen von Amerikanern in letzter Zeit getan haben.

Die immobilienbesicherten Wertpapiere waren Mogelpackungen höchsten Grades. Zunächst haben viele Hausbesitzer geschummelt, indem sie mit den Hausverkäufern Cash-Back-Kredite vereinbart haben. Um von der Bank einen höheren Kredit zu bekommen, wurde ein überhöhter Kaufpreis in den Kaufvertrag geschrieben, und schon bei der Unterschrift schob der Verkäufer dem Käufer einen Teil des Geldes ohne Beleg wieder über den Tisch.

Sodann wurden bei der Weiterverwurstelung der MBS-Papiere zu CDO-Papieren Honorare mit eingeschoben, sodass die Wurst am Ende dicker war als das Fleisch, das vorne hinein kam. In Einzelfällen wurden Ansprüche sogar Dutzende Male hintereinander verbrieft. Zusammen mit der Regressfreiheit der Immobilienkredite sowie einer ohnehin sehr geringen Bonität vieler sozial schwacher Kreditkunden führte dies zu einer massiven Unterdeckung der Ansprüche, sodass die in die weite Welt verkauften Papiere weitgehend Luftnummern waren. Heute liegt der Marktpreis der mit der Bestnote AAA bewerteten festverzinslichen CDO-Papiere bei gerade mal einem Drittel des Nennwertes. Der Preis wird sich vermutlich nie wieder erholen, weil der institutionelle Schwindel inzwischen aufgedeckt ist.

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