Denkfabrik: Chinas Wirtschaft im grundlegenden Wandel

Denkfabrik: Chinas Wirtschaft im grundlegenden Wandel

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Denkfabrik

Aus Angst vor Inflation wird China seine Währung aufwerten lassen. In den nächsten Jahren könnte der gewaltige Überschuss in der Leistungsbilanz verschwinden – und China als Käufer ausländischer Staatsanleihen ausfallen.

Kein anderes Land der Welt hat einen derart hohen Leistungsbilanzüberschuss wie China. Mit einem Saldo der Handelsbilanz von 190 Milliarden Dollar und den Einkünften aus seinem beinahe drei Billionen schweren Portfolio an Auslandsinvestitionen beläuft sich das Plus in der Leistungsbilanz derzeit auf 316 Milliarden Dollar. Das sind stolze 6,1 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Da der Überschuss in ausländischer Währung vorliegt, investiert China diese Gelder im Ausland, in erster Linie in von den USA und europäischen Ländern ausgegebene Anleihen. Dadurch sind die Zinsen in diesen Ländern niedriger, als es ohne die chinesische Nachfrage der Fall wäre.

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Hohe Sparquote

Diese Situation könnte sich allerdings bald grundlegend verändern: Die Politik, die sich China im Rahmen seines neuen Fünfjahresplans verordnet, soll die Überschüsse spürbar zurückfahren. Es ist gut möglich, dass sich Chinas Leistungsbilanzüberschuss bis zum Ende des Jahrzehnts sogar in ein Defizit verwandelt – wenn das Land künftig mehr importiert als exportiert und seine Einnahmen aus Auslandsinvestitionen statt für ausländische Wertpapiere für Importe ausgibt. In diesem Fall wäre China kein Nettokäufer von ausländischen Anleihen mehr – was die Zinsen in diesen Ländern nach oben drücken würde.

Obwohl dieses Szenario derzeit noch wenig einleuchtend erscheinen mag, glaube ich daran. Im Mittelpunkt steht die enorme Sparquote Chinas. Die Leistungsbilanz eines Landes entspricht der Differenz zwischen den nationalen Ersparnissen und den nationalen Investitionen in betriebliche Ausrüstung, Wohnungen und Lagerbestände. Dies ist eine grundlegende Gleichung innerhalb der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die für jedes Land und in jedem Jahr gilt. Daher fällt stets der Leistungsbilanzüberschuss, wenn ein Land seine Sparquote verringert, ohne seine Investitionen zurückzufahren.

Chinas nationale Sparquote – die Ersparnisse der privaten Haushalte und der Unternehmen – beträgt derzeit etwa 45 Prozent des BIPs; dies ist der höchste Stand weltweit. Doch nun will Peking die Konsumausgaben und den Lebensstandard der Bevölkerung steigern. Der neue Fünfjahresplan sieht unter anderem höhere Reallöhne vor, sodass der Anteil der Haushaltseinkommen am BIP steigen wird. Darüber hinaus sollen Unternehmen in Staatsbesitz einen größeren Anteil ihrer Einnahmen als Dividende ausschütten. Die chinesische Regierung ihrerseits will die staatlichen Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Wohnungen erhöhen.

Konsum soll steigen

Diese Politik hat vor allem innenpolitische Ursachen: Die chinesische Regierung ist bestrebt, den Lebensstandard schneller zu heben als die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts. Netto würde dies einen steigenden Konsumanteil am BIP und eine verringerte nationale Sparquote bedeuten – und somit einen geringeren Leistungsbilanzüberschuss.

Da Chinas Leistungsbilanzüberschuss derzeit sechs Prozent vom BIP beträgt, wird sich der Überschuss in ein Defizit verwandeln, sobald die Sparquote von gegenwärtig 45 Prozent auf weniger als 39 Prozent sinkt (was immer noch mehr wäre als in jedem anderen Land). Der Rückgang der nationalen Sparquote dürfte dazu führen, dass die chinesische Regierung eine schnellere Aufwertung des Renminbi zulässt. Anderenfalls nämlich würden die höheren Konsumausgaben in China zusätzlichen Inflationsdruck aufbauen – ein Szenario, das der politischen Führung angesichts der schon jetzt hohen Inflationsrate von über fünf Prozent großes Unbehagen bereitet.

Ein starker Renminbi würde die Kosten für Importe, einschließlich Öl und anderer Produktionsmittel, verringern und zugleich chinesische Waren für ausländische Käufer verteuern. Werden ausländische Waren für die chinesischen Verbraucher attraktiver, kommt es im Land zu einer Verlagerung von Exportaktivitäten hin zur Produktion für den inländischen Markt – was den Handelsüberschuss verringert und zugleich die Inflation bremst.

Vorsicht, Nebeneffekt

Handelsbilanzen und Wechselkurse standen denn auch weit oben auf der Themenliste, die Präsident Hu Jintao und US-Präsident Barack Obama bei Hus Besuch in Washington im Januar besprachen. Die Amerikaner sind sehr darauf bedacht, dass China seinen Überschuss verringert und eine schnellere Aufwertung seiner Währung zulässt. Aber sie sollten sich bei dieser Strategie über die ökonomischen und finanziellen Nebeneffekte im Klaren sein: Sinkt der chinesische Überschuss und steigt der Renminbi, ist auch der Zeitpunkt nicht mehr weit, an dem sich China als Nettokäufer von US-Staatsanleihen zurückzieht. Die USA sollten anfangen, sich darauf vorzubereiten.

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