Denkfabrik: Den Wohlstand richtig messen

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Euro-Geld: Neue Indikatoren für Wohlstand finden

Das Bruttoinlandsprodukt sagt wenig über die Lebensqualität der Menschen aus. Es ist Zeit, neue Indikatoren zur Messung des Wohlstands zu entwickeln, sagt Stefan Bergheim.

Über das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gibt es seit seiner Einführung einen breiten Konsens: Es ist kein Maß für Wohlstand, Wohlergehen oder Lebensqualität der Menschen eines Landes, da es lediglich den Wert aller am Markt gehandelten Güter für den Endverbrauch misst. Schon der Vater des BIPs, Simon Kuznets, ließ 1934 den amerikanischen Kongress wissen, „dass man vom BIP nicht auf das Wohlergehen eines Landes schließen“ kann.

Dennoch wird von der Höhe des BIPs regelmäßig auf den gesellschaftlichen Erfolg von Ländern geschlossen. Warum? Vermutlich weil es noch immer kein umfassendes und allseits akzeptiertes Maß für Wohlstand und Lebensqualität gibt. Zwar richten sich Politik und Gesellschaft heute an einer Vielzahl von Indikatoren aus: PISA-Ergebnisse, Arbeitslosen- und Armutsquoten, Kriminalitätsrate, Emission von Treibhausgasen und so weiter. Die relative Bedeutung der verschiedenen Größen für den Fortschritt bleibt aber offen und es gibt bisher keine Gesamtbewertung.

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Die neuen Initiativen zur Messung des gesellschaftlichen Fortschritts und Wohlergehens sollen das ändern, stehen aber vor gewaltigen Herausforderungen: In Frankreich hat eine Kommission kürzlich einen 300-seitigen Bericht vorgelegt, die Europäische Kommission will bis 2012 neue Maße präsentieren, und das Fortschrittsprojekt der OECD wird Ende des Monats ein Handbuch der Fortschrittsmessung veröffentlichen.

Auch Glücksforschung kann helfen

Die aktuellen Projekte haben viel damit zu tun, dass sich die Prioritäten der Menschen im Laufe der Entwicklung verändern. Darauf wies schon Abraham Maslow mit seiner 1943 vorgestellten Bedürfnispyramide hin: Wenn die körperlichen Bedürfnisse wie Nahrung, Schlaf und Wärme befriedigt sind, richtet sich die menschliche Aufmerksamkeit auf Sicherheit und dann auf die sozialen Bedürfnisse. Ganz oben in der Pyramide stehen Individualbedürfnisse wie Status und die persönliche Entfaltung. Je weiter wir in der Pyramide nach oben kommen, umso weniger relevant wird aber das BIP.

Aufbauend auf Maslows Analysen entwickelten der amerikanische Politikwissenschaftler Ronald Inglehart und sein deutscher Kollege Christian Welzel ihre Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung: Je besser die materiellen Bedürfnisse der Menschen erfüllt sind, umso mehr streben sie nach immateriellen Werten wie Freiheit, Vertrauen, Mitsprache. In den vergangenen 50 Jahren hat sich das Einkommen der Menschen in Deutschland mehr als vervierfacht. Es ist also kein Wunder, dass sie sich immer mehr für Dinge interessieren, die nicht im BIP berücksichtigt werden.

Stefan  Bergheim ist Gründer und Direktor des Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt, einer unabhängigen Denkfabrik in Frankfurt am Main.

Stefan Bergheim ist Gründer und Direktor des Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt, einer unabhängigen Denkfabrik in Frankfurt am Main.

Auf der Suche nach Elementen für breite Wohlfahrtsmaße kann auch die Glücksforschung helfen. Sie erforscht, was für die Lebenszufriedenheit der Menschen wichtig ist – und kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen. Zwei Beispiele: Lebenszufriedenheit ist zwischen Menschen vergleichbar. Und Arbeit zu haben ist etwas ausgesprochen Positives, dessen Effekt weit über das Einkommen hinausgeht.

Ein bekannteres Ergebnis der Glücksforschung führt immer wieder zu Fehlinterpretationen. Der US-Ökonom Richard Easterlin stellte bereits 1974 fest, dass das amerikanische BIP zwar immer weiter gestiegen ist, die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung jedoch stagnierte. Daraus auf einen Konstruktionsfehler des Kapitalismus oder auf die Irrelevanz des BIPs zu schließen wäre jedoch ein Fehler. Schließlich kann die Lebenszufriedenheit nicht immer weiter steigen, da sie mithilfe von Befragungen auf einer fest vorgegebenen Skala gemessen wird. Auf einer Skala von 1 bis 10 kann niemand eine 11 oder 12 ankreuzen.

Warum hat nun die französische Kommission nach über einem Jahr Arbeit kein Maß für den Fortschritt der französischen Gesellschaft vorgestellt? Die politischen und technischen Herausforderungen sind einfach noch zu groß. Die erste Herausforderung liegt darin, dass es sich um ein hochpolitisches Thema handelt. Wer darf festlegen, welche Elemente in einen Index hineinkommen und wie sie gewichtet werden? Zudem sollte ein Wohlergehens-Index auch Verhältnisse in verschiedenen Ländern vergleichbar machen. Dazu wären Elemente notwendig, die in allen Ländern mit gleichem Gewicht einfließen. Aber politische Einigkeit über die Elemente zu finden ist nicht leicht.

Zu den technischen Herausforderungen gehört die Frage, wie man verschiedene Daten zusammenfasst, die ganz unterschiedliche Einheiten haben: Euro, Lebensjahre, Kilogramm zum Beispiel. Für ein einzelnes Jahr lässt sich das ganz gut lösen, aber für Veränderungen im Zeitablauf wird es richtig kompliziert. Zudem haben nicht nur die Zahlen über die Lebenszufriedenheit vorgegebene Ober- und Untergrenzen. Ähnliches gilt für Arbeitslosenquoten.

Die bisher beste Antwort auf diese Herausforderungen legt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen seit 1990 jährlich für rund 180 Länder vor: Der Index menschlicher Entwicklung umfasst drei Bereiche: Einkommen, Gesundheit und Bildung. Nach diesem Index waren im Jahr 2007 Norwegen, Australien und Kanada unter den fortschrittlichsten Ländern. Deutschland belegte Platz 22, hinter Belgien, Italien und Großbritannien. Eine breite Fortschrittsmessung ist für die hoch entwickelten Länder eine wichtige Aufgabe, die insbesondere von der OECD weiter vorangebracht werden sollte. Die öffentliche Debatte darüber, was Fortschritt ist und wie man ihn misst, sollte in Deutschland deutlich an Fahrt gewinnen.

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