Denkfabrik: Der optimale Pfad in der Lohnpolitik

Denkfabrik: Der optimale Pfad in der Lohnpolitik

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Gustav Adolf Horn ist Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf

Die Lohnpolitik muss klaren Regeln folgen und darf nicht überziehen. Aber es ist volkswirtschaftlich ebenso schädlich, die Nachfrageseite zu vernachlässigen, sagt Gustav Horn.

Der Herr gab uns zwei Augen – um Angebot und Nachfrage zu sehen.“ Diesen berühmten Satz des Nobelpreisträgers Paul Samuelson kann man nicht oft genug wiederholen, denn Deutschlands Ökonomen neigen zur Einäugigkeit. Das gilt besonders in Fragen der Lohnpolitik, und das gilt leider auch für ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, der in der vergangenen Woche an dieser Stelle zu dem bemerkenswerten Schluss kam, höhere Löhne seien das sicherste Mittel, um die Binnennachfrage kaputt zu machen.

Er vernachlässigt dabei, dass Löhne nicht nur Kosten sind, die die Rendite der Unternehmen belasten, sondern auch Einkommen, die die Nachfrage und damit letztlich auch wieder die Rendite der Betriebe steigern. Es gilt, jenen Grat zu bestimmen, auf dem sich die Löhne bewegen sollten, ohne Angebot oder Nachfrage zu schädigen. Dazu gibt es eine Orientierungslinie: Die Nominallöhne sollten sich an der Produktivitätstendenz plus einer Inflationsrate orientieren, die dem Ziel der Zentralbank entspricht. Im Euro-Raum beträgt diese Rate zwei Prozent. Dies ist das Konzept einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik, bei der die Löhne dem gesamtwirtschaftlichen Leistungszuwachs folgen. So profitieren Angebot und Nachfrage vom Zuwachs an Leistungsfähigkeit in gleicher Weise. Diesem Wegweiser sollten die Tarifparteien in der Tendenz folgen.

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Was aber passiert, wenn sie die Orientierungslinie verlassen? Wird sie überschritten, schrumpfen entweder die Gewinne der Unternehmen und damit ihre Investitionen. Wenn es den Unternehmen gelingt, die höheren Lohnkosten auf die Preise zu überwälzen, gerät die Preisstabilität in Gefahr – was die Zentralbank zu höheren Zinsen zwingen könnte. Dies hätte gleichfalls negative Konsequenzen für die Investitionen und auch für den Konsum.

"Wer die Wirtschaft mit zwei Augen sieht, dem erschließt sich die Komplexitiät"

Für beide Fälle gilt aber auch: Die Produktions- und Beschäftigungszuwächse fielen zwar niedriger aus als beim Einhalten der Orientierungsmarke. Doch sie wären innerhalb einer Bandbreite – anders als Herr Sinn behauptet – noch positiv. Dies liegt an der Nachfrage, insbesondere dem Konsum. Dieser wird durch die höheren Löhne stimuliert, während der Export aufgrund von Wettbewerbsproblemen nachlässt. Die Nachfragestimulanz kommt also – wie Sinn zu Recht analysiert – in einer derartigen Situation nicht voll zum Tragen, weil Preisüberwälzungen die Realeinkommen belasten und einzelne Unternehmen vor allem in Exportsektoren Beschäftigung abbauen. Daher ist es auf Dauer schädlich, die Orientierungslinie zu überschreiten.

Aber: Das gilt auch für das Unterschreiten, also eine fortgesetzte Lohnzurückhaltung. Der Grund liegt wiederum in der Nachfrage. Zwar erhöht sich in diesem Fall für sich genommen die Rentabilität der Unternehmen. Doch wird als Folge der geringen Lohnsteigerungen die Nachfrage belastet. Die Einkommen und damit der Konsum steigen schwächer; dies trifft über sinkende Absatzaussichten die Gewinne der Unternehmen. Die wirtschaftliche Lage ist also auch in diesem Fall schlechter als bei Einhaltung der Lohnregel. Im Gegensatz zum Überschreitungs-Szenario wird wegen einer höheren Wettbewerbsfähigkeit der Export boomen und wegen der geringen Lohnzuwächse die Binnennachfrage lahmen. Auch dies führt insgesamt zu einer schwächeren Beschäftigungsentwicklung – und ist gleichfalls auf Dauer nicht zu empfehlen.

Eine Rechtfertigung für eine längere Phase der Lohnzurückhaltung bestünde nur, wenn es zuvor zu lang anhaltenden Übersteigerungen bei den Lohnzuwächsen gekommen wäre. Sinn behauptet, dies sei über 30 Jahre hinweg der Fall gewesen. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Nimmt man die skizzierte Regel als Maßstab, so sind die Löhne seit der deutschen Vereinigung um rund 17 Prozent hinter den optimalen Zuwächsen zurückgeblieben. Während der ersten Jahre des Vereinigungsprozesses kam es zwar tatsächlich zu Übersteigerungen durch eine rasche Lohnangleichung zwischen Ost und West. Diese wurde aber mittlerweile mehr als kompensiert. Seit 1995 blieben die Löhne um mehr als 24 Prozent hinter dem optimalen Pfad zurück. Die Lohnkosten sind in keinem anderen EU-Mitgliedsland so schwach gestiegen wie in Deutschland. Die positive Folge war ein boomender Export. Die negative war eine binnenwirtschaftliche Nachfrageschwäche. Dies hat uns per saldo über 600.000 Arbeitsplätze gekostet.

Nun wartet Herr Sinn mit einem konstruktiven Vorschlag zur Lohnentwicklung auf, nämlich der Gewinnbeteiligung. Das klingt gut, hilft aber nicht. Zum Ersten ist es eine Milchmädchenrechnung zu unterstellen, eine Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer wäre aus Sicht der Unternehmen kostenlos. Sie muss entweder über eine Kapitalerhöhung oder durch Rückkauf eigener Aktien finanziert werden.

Zum Zweiten lösen Sinn’sche „Sparlöhne“ nicht das Nachfrageproblem. Da diese Einkommen nicht liquiditätswirksam sind, werden sie zumindest kurzfristig nicht die Nachfrage erhöhen und damit die wirtschaftliche Entwicklung nicht beflügeln. Zum Dritten ist eine an der Produktivität orientierte Lohnentwicklung de facto nichts anderes als eine Beteiligung am gesamtwirtschaftlichen Leistungszuwachs – mithin eine Gewinnbeteiligung. Der Unterschied ist, dass man es dem Arbeitnehmer überlässt, ob und wann und wo er sein Einkommen konsumiert oder investiert.

Mit der Wirtschaft ist es eben wie mit der ganzen Welt: Nur wer sie mit zwei Augen sieht, dem erschließt sich ihre Komplexität. Dem Einäugigen erscheint sie immer flach.

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