Denkfabrik: Die Industrie muss unverwechselbar abheben

Denkfabrik: Die Industrie muss unverwechselbar abheben

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Dr. Burkhard Schwenker ist Sprecher des Executive Committee bei Roland Berger Strategy Consultants

Die industriefreie Dienstleistungsgesellschaft ist eine Illusion. Die Industrie muss sich aber wandeln – und auf wissensintensive Kernbereiche setzen, sagt Experte Burkhard Schwenker.

Die Deutschen fürchten die Globalisierung: 51 Prozent der Menschen meinen, dadurch ihre Arbeit zu verlieren. Nur 30 Prozent glauben an Wettbewerb und an die soziale Marktwirtschaft – und lediglich 13 Prozent vertrauen noch ihren Managern oder Unternehmern. Nicht ohne Grund, wie jüngste Beispiele zeigen.

Realität ist aber auch: Das weltweite Bruttoinlandsprodukt ist seit 1990 jährlich um drei Prozent gewachsen. Zeitgleich stiegen ausländische Direktinvestitionen pro Jahr um elf Prozent. Wer überdurchschnittlich wachsen will, muss also internationalisieren. Internationalisierung zahlt sich aus – gerade auch für deutsche Unternehmen. Seit 1994 haben die großen, international tätigen Firmen Deutschlands ihren Umsatz im Schnitt um 64 Prozent gesteigert, vor allem durch verstärkte Präsenz auf den Weltmärkten. Die Dax-30-Unternehmen erwirtschaften heute mehr als 70 Prozent ihrer Umsätze im Ausland. Seit 2001 hat sich dieser Anteil nahezu verdoppelt. Außerdem hat heute jedes sechste der 50 weltweit größten Unternehmen seinen Sitz in Deutschland.

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Angesichts des Spannungsfelds zwischen wachsenden Globalisierungsängsten und faktischem Globalisierungszwang stellen sich zwei zentrale Fragen: Welche Arbeitsformen können und müssen wir hier halten, um mehr Beschäftigung zu erzielen? Und welche Rolle spielt dabei unsere Industrie? Diese Fragen haben wir in der Studie „Systemkopf Deutschland Plus“ untersucht, gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie und dem Institut der deutschen Wirtschaft. Die Hypothese: Wettbewerbsrelevante Schlüsselfunktionen, die viel Wissen benötigen, haben eine Zukunft am Standort Deutschland. Zu diesen Systemkopffunktionen zählen Forschung und Entwicklung, Fertigungsplanung und -steuerung, Vertriebssteuerung, Marketing, Design – und auch hochwertige Produktion! Auf diese Bereiche sollten sich Unternehmen konzentrieren, um globale Aktivitäten erfolgreich zu steuern und sich von ihrer internationalen Konkurrenz unverwechselbar abzuheben.

Unsere Hypothese stützt sich auf harte Fakten. In Bereichen, in denen viel Wissen gefragt ist, liegen deutsche Unternehmen weit vorn. In den Ranglisten des World Economic Forum etwa belegen sie in den Kategorien „Innovationskapazität“, „Niveau der Produktionsprozesse“, „Qualität lokaler Zulieferer“ und „Einzigartigkeit des Wettbewerbsvorteils“ Platz eins. Das bedeutet doch, dass Forschung, Entwicklung und Produktion in Deutschland ausgesprochen wettbewerbsfähig sind. Die Studie, die auf Umfragen in mehreren Tausend Firmen und ausführlichen Interviews mit den Vorstandschefs führender deutscher Unternehmen basiert, hat die These ebenfalls bestätigt. Die Befragten setzen auf Systemkopffunktionen in der Heimat und bauen dabei auf Qualität, Innovation und Individualität. Sie wachsen dadurch schneller, sind profitabler und innovativer. Wissensintensive Systemkopffunktionen sind viel weniger von Verlagerung betroffen als andere Unternehmensbereiche. Und das wird auch so bleiben.

Von einem Ende der Industrieproduktion in Deutschland kann mithin keine Rede sein. Seit Mitte der Neunzigerjahre ist der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Wirtschaftsleistung nicht gesunken. 2007 hat die Industrie so viele neue Stellen geschaffen wie seit 1995 nicht mehr: Die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe stieg im Jahresschnitt um 85.800 auf 5,24 Millionen, ermittelte das Statistische Bundesamt. Die industriefreie Dienstleistungsgesellschaft hingegen ist eine Illusion. Die Tertiarisierung führt – entgegen einem weitverbreiteten Glauben – nicht zwangsläufig zu einer sinkenden Bedeutung der Industrie. Dienstleistungen brauchen Industrie und vice versa. Die Zukunft gehört der intelligenten Verknüpfung von Industrieprodukten mit Dienstleistungen, die so die wachsende Nachfrage nach Systemlösungen befriedigt.

Systemkopfunternehmen sind häufiger als andere in lokale Zulieferer-, Produktions- oder Entwicklungsverbünde eingebunden. Gute Beispiele für erfolgreiche Cluster sind etwa Hamburg in den Bereichen Luftfahrt, Logistik und Werften sowie Leipzig und Dresden mit Logistik-, Automobil- und High-Tech-Clustern. Die Unternehmen müssen ihre Systemkopffunktionen identifizieren und durch dauernde Investitionen – personell und finanziell – stärken. Bei der Analyse der Wertschöpfungskette ist kluge Unternehmensführung gefragt: Welche Teile sind wichtig, um im Wettbewerb zu bestehen? In welchen Bereichen ist die Wissensintensität besonders entscheidend? Die Unternehmen müssen zudem ihre Organisation umstellen, das heißt marktnahe Funktionen dezentralisieren und Systemkopffunktionen zentralisieren.

Der Staat wiederum muss die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Dazu gehört: die Akzeptanz für Technik steigern. Bürokratie abbauen. Genehmigungsverfahren beschleunigen. In Infrastruktur investieren. Industrie und Institute bei Forschungsvorhaben fördern. Regionenübergreifende Industriecluster aufbauen beziehungsweise unterstützen. Außerdem bei Bildungsinitiativen nicht nur auf frühkindliche Erziehung und exzellente Universitäten setzen, sondern die Stärken des dualen Ausbildungssystems nutzen und in nichtakademische Fachausbildung investieren. Nur so können wir exzellente Produktion sicherstellen und hochwertige Arbeit in Deutschland halten!

Trotz fortschreitender Internationalisierung und globaler Arbeitsteilung gibt es ein Beschäftigungspotenzial in Deutschland. Und wir können es erschließen. Das ist eine gute Nachricht, und vielleicht kann sie dazu beitragen, die negative Diskussion über Globalisierung umzudrehen und mehr Vertrauen in ihre Chancen zu erzeugen – auch am Standort Deutschland.

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