Denkfabrik: Die Messung des Wohlstands

Denkfabrik: Die Messung des Wohlstands

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Martin Binder, 32, ist Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena. Für seine Doktorarbeit erhält er von der Körber-Stiftung im November den "Deutschen Studienpreis"

Wirtschaftswachstum ist nur ein unvollkommenes Maß für Wohlstand und Fortschritt. Die Wohlfahrtstheorie braucht vor allem ein realistischeres Menschenbild, sagt Martin Binder.

Dampfmaschine, Elektrizität, Computer, Internet, Laser- und Biotechnologie: Innovationen wie diese haben in den vergangenen zwei Jahrhunderten in den westlichen Volkswirtschaften ein beispielloses Wirtschaftswachstum ermöglicht. Dieses aber war sehr ungleichmäßig verteilt: Langfristig stieg das Pro-Kopf-Einkommen zwar, aber eben nur im Durchschnitt, also nicht für alle Teile der Bevölkerung, und nur unter heftigen kurz- und mittelfristigen Schwankungen. Die jüngsten Krisen, das Platzen der Dotcom-Blase 2000 oder die globale Finanzkrise 2008, sind ja noch gut in Erinnerung.

Mit dem technischen Fortschritt waren und sind zudem große und unvorhersehbare gesellschaftliche Umwälzungen verbunden, ein „ewiger Sturm schöpferischer Zerstörung“, wie es Joseph Schumpeter treffend formulierte. Angesichts des rastlosen Wandels stellt sich daher die Frage nach einem alternativen, adäquateren Maß für gesellschaftlichen Fortschritt und Wohlfahrt, welches über das in der Volkswirtschaftslehre vorherrschende Maß des Pro-Kopf-Einkommens hinausgeht – also nicht nur auf Wirtschaftswachstum abstellt.

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Der Standardansatz der Volkswirtschaftslehre greift hier in zwei Grundannahmen zu kurz. Einerseits begreift die Ökonomik das Individuum als „Homo oeconomicus“, den hyperrationalen Nutzenmaximierer, der zwischen Handlungsalternativen entscheidet. Andererseits ist das ökonomische Kalkül im Kern eine statische und zeitlose Theorie, in der kein systematischer Platz für Innovation und Dynamik ist. Beide Grundannahmen werden schon lange von prominenten Wirtschaftswissenschaftlern kritisiert, wie etwa Amartya Sen, Douglass North oder Anthony Atkinson. Die Gefahr ist, auf der Basis falscher oder fiktiver Annahmen wirtschaftspolitisch irrelevant zu werden oder unfundierte Ad-hoc-Politikempfehlungen zu liefern. Im schlimmsten Fall leitet man konsistent falsche Politikimplikationen aus solchen Modellen ab.

Wie könnte neue Wohlfahrtstheorie aussehen?

Wie aber könnte eine neue Wohlfahrtstheorie aussehen, die ein solides Fundament hat und vor dem Hintergrund innovativen Wirtschaftswandels politisch relevant sein kann? Eine solche Theorie benötigt zwei Grundpfeiler – ein realistischeres Bild des Menschen und eine explizit dynamische Orientierung. Mit einem realistischeren Menschenbild meine ich die Abkehr vom Homo oeconomicus, dem Menschen als rationalem Bündel fixer, aber inhaltlich unspezifizierter Präferenzen. Zwar ist es attraktiv, die Präferenzen der Souveränität des jeweiligen Individuums zu überlassen. Aber schießt eine solche Theorie nicht übers Ziel hinaus, wenn sie nicht einmal die systematische Unterscheidung zwischen Grundbedürfnissen und Luxuspräferenzen erlaubt? Wenn die Annahme statischer Präferenzen im Kontext des oben skizzierten Wirtschaftswandels gar nicht in der Lage ist, konsistente Wohlfahrtsbewertungen zu liefern? Welche Präferenzen zählen denn für die Wohlfahrtsbewertung – die vor einer Innovation oder die durch Innovationen oder Politikempfehlungen induzierten neuen Vorlieben?

Biologie, Psychologie und Neurowissenschaften können der Ökonomie viel über den „Homo discens“ erzählen, den lernenden Menschen, der zwar angeborene Bedürfnisse hat, aber viele seiner Präferenzen erst mit der Zeit entwickelt. Ein solches Individuum passt sich an eine sich rasch wandelnde Umwelt mehr oder weniger gut an, lernt neue Produkte zu schätzen oder auch nicht, irrt sich über seine Wünsche und Bedürfnisse. Die Befriedigung seiner Präferenzen ist ihm nur von Wert, wenn sie Freude beschert oder Leid vermeidet. In Anlehnung an solche verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnisse lässt sich Wohlfahrt als Genießen und Leiden verstehen; ein Gedanke der sich schon bei den alten Utilitaristen findet, wenngleich deren Theorien im Detail heute nicht mehr dem Stand der Psychologie entsprechen. Eine solche hedonistische Wohlfahrtstheorie des Homo discens macht eine dynamische – evolutionäre – Sichtweise nötig. Und wirft die Frage auf, wie sich die Wohlfahrt der Individuen, deren Freuden oder Glück über den Zeitablauf verändert, zum Beispiel durch das Lernen von neuen Präferenzen oder durch hedonische Anpassung an bestehende Freuden.

Einige Beispiele: Während die Freude aus Einkommenssteigerungen schnell fade wird für den Menschen, ist dies nicht der Fall für Freuden im sozialen Bereich. Sollte Letzteres dann nicht einen höheren Stellenwert in einem Wohlfahrtskalkül erhalten? Hohe wirtschaftspolitische Relevanz haben auch Erkenntnisse der Glücksforschung, dass fortgesetzte Arbeitslosigkeit das Glück der Individuen stärker und dauerhafter verringert, als durch den bloßen Verlust des Einkommens zu erwarten wäre. Umgekehrt lässt sich nachweisen, dass höheres Lebensglück zu höherem Einkommen, besserer Gesundheit, besserem Arbeits- und familiärem Erfolg beiträgt. Auch dies kann ein Hebel für wirtschaftspolitische Rahmensetzungen sein.

Natürlich ist Vorsicht geboten mit wirtschaftspolitischen Implikationen, solange es noch derart viel Forschungsbedarf im Bereich der evolutionären Wohlfahrtsökonomik gibt. Die oben aufgeworfenen Fragen zeigen aber, welch fruchtbares Feld sich Ökonomen hier bietet.

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