Denkfabrik: Die Ökonomie und die Grenzen der Erkenntnis

Denkfabrik: Die Ökonomie und die Grenzen der Erkenntnis

Bild vergrößern

Christoph Schmidt ist Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und seit Anfang März neues Mitglied im Sachverständigenrat ("Fünf Weise")

Weil sie mit ihren Prognosen oft danebenliegt, steht die Zunft der Ökonomen unter Beschuss. Doch es wäre fatal, auf ihre Expertise zu verzichten, sagt Christoph Schmidt.

Karl Valentin, Mark Twain und Winston Churchill waren sich in einem Bonmot einig: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Davon können derzeit vor allem Ökonomen ein Lied singen. Weite Teile der Öffentlichkeit messen deren Leistungsfähigkeit an der Trefferquote der Prognosen – obwohl das sinnlos ist. Eine Prognose kann immer nur auf Basis bereits bekannter Informationen erfolgen. Unvorhersehbare Ereignisse wie die Pleite der Bank Lehman Brothers können die Wirtschaftsdynamik aber erheblich beeinflussen. Wichtiger als die Trefferquote ist daher die Indikatorfunktion von Prognosen: Als Frühwarnsystem weisen sie auf Handlungsbedarf hin. Dieser Aufgabe sind die führenden Institute auch im turbulenten Herbst des vergangenen Jahres gerecht geworden.

Doch die Feuilletons der Republik und auch der eine oder andere Politiker halten sich mit solchen Reflexionen nicht lange auf. Quasi als Kollateralschaden der zur globalen Rezession ausgeweiteten Finanzmarktkrise werden das „Ende der Ökonomie“ oder der „Bankrott der Ökonomen“ ausgerufen und die Kompetenz der Wirtschaftsforscher, die Politik zu beraten, generell infrage gestellt. Bei nüchterner Betrachtung gilt: Zur Finanzkrise haben in erster Linie die Banken und in zweiter Linie die Politik beigetragen. Die Zunft der Ökonomen hat – von einigen Ausnahmen abgesehen – allerdings nicht energisch genug auf Risiken wie weltwirtschaftliche Ungleichgewichte und Regulierungsmängel der Finanzmärkte hingewiesen. In diesem Punkt haben die Kritiker recht.

Anzeige

Wer jedoch nun eine grundlegende Kehrtwende der Disziplin fordert, der übersieht, dass zumindest die empirische Wirtschaftsforschung und die darauf aufbauende Politikberatung in der jüngeren Vergangenheit erhebliche Fortschritte gemacht haben. Diese liegen vor allem in zwei Bereichen, die im Vergleich zu Konjunkturprognosen öffentlich weniger beachtet werden, gleichwohl für die Wirtschaftspolitik nicht weniger wichtig sind: Erstens die Deskription, also das Erkennen ökonomischer Phänomene durch die sorgfältige Auswertung von Daten. Und zweitens die Evaluation, also die Wirkungsanalyse wirtschaftspolitischer Maßnahmen.

Die Verbesserung deskriptiver Analysen resultiert einerseits aus immer präziseren Daten, die heute auf der sogenannten Mikroebene für einzelne Personen, Haushalte oder Firmen erhoben werden. Andererseits haben Ökonomen ihr Bewusstsein dafür geschärft, dass oft nicht der Durchschnitt für die Wirtschaftspolitik besonders relevant ist, sondern die Abweichungen davon. Ein Beispiel: In der Konjunkturdebatte wurden zwischenzeitlich Konsumgutscheine mit obligatorischem Eigenanteil diskutiert. Deutsche Haushalte hätten ja im Gegensatz zur Situation in den USA eine positive Sparquote von rund elf Prozent, die private Kofinanzierung eines staatlichen Bonus sei daher kein Problem. Teilt man die Gesamtbevölkerung jedoch nach steigendem Einkommen in acht Klassen ein, so weisen die untersten zwei Klassen bis zu einem monatlichen Nettoeinkommen von 1300 Euro negative Sparquoten, also Privatschulden, auf. Erst jenseits dieser Schwelle dreht die Sparquote in den positiven Bereich. Vor diesem Hintergrund hätten Konsumgutscheine mit obligatorischem Eigenanteil für einen erheblichen Teil der Bevölkerung bedeutet, entweder auf das staatliche Geld zu verzichten oder sich zur Ausweitung ohnehin vorhandener Schulden verführen zu lassen.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%