Denkfabrik: Droht die Deflation?

Denkfabrik: Droht die Deflation?

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"Kaiserbau"-Abbruch bei Köln

Droht uns nach der Inflationswelle nun ein Teufelskreislauf der Deflation? Nein, sagt Holger Schmieding. Es sei denn, die Konjunkturkrise wird härter und langlebiger als erwartet.

Es ist gerade mal sechs Monate her, dass die führenden Notenbanken der Welt die Finanzmärkte mit eindringlichen Warnungen vor einer weltweit wachsenden Inflation erschütterten. Jetzt beherrscht plötzlich ein anderes Thema die Debatte: Nach dem Absturz der Weltkonjunktur in die wohl schärfste Rezession seit einem halben Jahrhundert warnen immer mehr Auguren vor – Deflation.

Das Wort Deflation beschreibt einen nachhaltigen und ausgeprägten Rückgang des allgemeinen Preisniveaus. Eine echte Deflation kann die Wirtschaft in den Teufelskreis einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale reißen. Erwarten die Verbraucher, dass die Preise künftig spürbar sinken, halten sie sich bereits jetzt beim Kauf langlebiger Wirtschaftsgüter zurück – was wiederum den Abwärtstrend der Preise und Konjunktur beschleunigt. Da Tariflöhne vielfach nach unten starr sind, können Unternehmen gleichzeitig in eine Kostenklemme zwischen sinkenden Absatzpreisen und gleichbleibend hohen Lohnkosten geraten. Unternehmen können zudem von ihrer Schuldenlast erdrückt werden, weil es ihnen bei abnehmenden Absatzpreisen schwerer fällt, ihre unverändert hohen Schulden zu bedienen. In einer ausgeprägten Deflation kann auch die Geldpolitik ihre Wirkung verlieren, da die Zentralbanken ihre Zinsen nicht unter die Null-Linie senken können.

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Bevor wir ob solch möglicher Gefahren verzagen, sollten wir einen Blick auf die aktuelle Lage werfen. Preise können sinken, wenn das Angebot zu- oder die Nachfrage abnimmt. Das gesamtwirtschaftliche Angebot kann steigen durch günstigere Einfuhren oder aus eigener Kraft, also durch höhere Produktivität. Der Preisrückgang, der sich aus diesen beiden Quellen ergibt, ist für Bürger und Unternehmen ein ökonomisches Geschenk, das wir dankbar annehmen sollten, statt uns darob die Haare zu raufen. Bei niedrigeren Einfuhrpreisen verbleibt uns mehr Kaufkraft, um heimische Güter und Leistungen zu kaufen. Die importierte Deflation stützt die Binnennachfrage.

Im Herbst 2009 wird Inflation anziehen

Das gilt auch für einen produktivitätsgetriebenen Rückgang des Preisniveaus. Können wir bei gleichem Einsatz mehr erzeugen, gibt es mehr zu verteilen. Löhne und Gewinne können dann selbst bei sinkendem Preisniveau problemlos auf gleicher Höhe verharren. Ein Produktivitätsschub erleichtert es Haushalten und Unternehmen, ihre Schulden zu bedienen, sofern das allgemeine Zinsniveau mit den Preisen zumindest etwas nach unten nachgibt.

Eine Angebotsdeflation ist gut. Sie stärkt die Wirtschaft. Echte Gefahren gehen nur von der bösen Nachfragemangel-Deflation aus. Und auch dies gilt in voller Schärfe nur jenseits einer Sicherheitsmarge. Sinken die Preise lediglich moderat, also nicht schneller, als die Produktivität zulegt, können Unternehmen auch in diesem Fall die Schere zwischen gleichbleibenden Lohnkosten und ermäßigten Absatzpreisen durch den produktivitätsbedingten Rückgang der Lohnstückkosten schließen.

In der Euro-Zone wird die Inflationsrate derzeit fast ausschließlich von den Preisen für Energie- und Nahrungsmitteleinfuhren getrieben. Hatte das Rekordhoch der Ölpreise von gut 90 Euro pro Fass Rohöl den Geldwertschwund im Juli auf vier Prozent geschraubt, so wird der aktuelle Verfall der Ölpreise auf knapp 40 Euro diese Rate im Sommer 2009 wohl auf etwa null drücken. Kurzfristig mag die Inflation dabei sogar in den negativen Bereich rutschen. Aber billigeres Benzin ist für Verbraucher das beste aller Konjunkturprogramme. Im Herbst 2009 wird die Inflation ohnehin wieder etwas anziehen, da dann der aktuelle Ölpreisverfall aus der Jahresvergleichsrate des Preisniveaus fällt („Basiseffekt“).

Für die Deflationsdebatte ist allein die Inflationsrate ohne die weitgehend einfuhrabhängigen Energie- und Nahrungsmittelpreise relevant. Sie schwankt seit 2003 zwischen 1,2 und 2,0 Prozent und liegt derzeit bei 1,3 Prozent. Für echte Deflationsgefahren müsste diese Kernrate durch Nachfragemangel für längere Zeit deutlich unter minus ein Prozent fallen. Das ist höchst unwahrscheinlich. Selbst in Japan hatte es nach dem Platzen der Aktien- und Immobilienblasen um 1990 noch sieben Jahre gedauert, bis die dortige Depression im Zeitlupentempo die Preissteigerungsrate auf unter null trieb. Eine richtige Deflation im Sinne eines nachhaltigen und ausgeprägten Rückgangs des binnenbestimmten Preisniveaus hat es in Japans ganzem „verlorenen Jahrzehnt“ nicht gegeben. Und in der Euro-Zone würde es vermutlich einer etwa dreijährigen Depression bedürfen, um die Kernrate der Inflation in die Gefahrenzone unter minus ein Prozent zu drücken.

Nach 1929 hatten drei große wirtschaftspolitische Fehler eine Rezession im Zuge einer geplatzten Kredit- und Aktienmarktblase in eine fatale Depression verwandelt. Die Geldpolitik hatte einen Einbruch der Geldmenge hingenommen, eine restriktive Haushaltspolitik den Nachfragemangel verschärft und ein Protektionswettlauf den größten Wachstumsmotor der Welt, den internationalen Handel, fast lahmgelegt. Diesmal werden diese Fehler nicht wiederholt. Seit Oktober haben die Notenbanken ihre Geldpolitik aggressiv gelockert. Viele Staaten sind dabei, mit fiskalischen Impulsen den Nachfragemangel zu dämpfen. Und im Welthandel konnten bisher protektionistische Anwandlungen vermieden werden.

Sicher, die Rezession wird unangenehm. Aber eine lange Depression ist angesichts der Gegenkräfte, die von niedrigeren Zinsen bis zu niedrigeren Ölpreisen und – hoffentlich – auch niedrigeren Steuern reichen, unwahrscheinlich. Damit bleibt das Risiko einer deflationären Abwärtsspirale gering. Wir haben viele Sorgen. Eine echte Deflation gehört nicht dazu.

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