Denkfabrik: Enormes Potenzial für deutsche Unternehmen

kolumneDenkfabrik: Enormes Potenzial für deutsche Unternehmen

Kolumne

Die Welt ist viel weniger globalisiert, als wir glauben. Viele Unternehmen exportieren ihre Güter am liebsten in die Nachbarschaft. Und in der Bevölkerung haben sich Globalisierungsmythen festgesetzt, die das notwendige Fortschreiten der internationalen Vernetzung erschweren.

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Pankaj Ghemawat, 52, ist Professor für globale Strategie an der IESE Business School München/Barcelona. Sein neues Buch "World 3.0" ist bei Harvard Business Review Press erschienen

Deutschland, die zweitgrößte Exportnation der Welt, soll nicht hinreichend globalisiert sein? Diese Vorstellung mag viele Leser verwundern. Gemessen an der Intensität und Reichweite seiner Handels-, Kapitals-, Migrations- und Informationsströme, steht Deutschland immerhin auf Platz 13 von 125 Staaten, zeigt der DHL Global Connectedness Index, den ich gerade erarbeitet habe. Doch Globalisierungslücken bestehen in Deutschland sehr wohl – und die Unternehmen sollten sich mit ihnen intensiv befassen.

Das Potential ist vorhanden

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Schauen wir uns die deutsche Wirtschaftsstruktur und die Exportströme einmal nüchtern an: Rund 70 Prozent der Wertschöpfung verbleiben im Land, rund 90 Prozent in Europa. Deutschland repräsentiert lediglich fünf Prozent der Weltwirtschaft, Europa rund 32 Prozent. Und laut Prognosen dürften die Anteile am Welthandel bis zum Jahr 2030 auf 3 beziehungsweise 21 Prozent fallen. Solche Größenverhältnisse zeigen nicht nur, wie abwegig die Vorstellung ist, es gebe bereits eine „flache“ Welt ohne wirkliche Grenzen. Sie deuten auch an, welche enormen Potenziale deutsche Unternehmen nutzen könnten, wenn sie künftig noch globaler agierten.

Die Statistik besagt zwar, dass deutsche Exporte stolze 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen; 38 Prozent entfallen dabei auf die Ausfuhr von Gütern, sieben Prozent auf Dienstleistungen. Diese Zahlen überbewerten aber den Beitrag der Exporte zur Wirtschaftsleistung, denn sie verschweigen, dass rund die Hälfte des Ausfuhrwerts auf importierte Vorleistungen entfällt. In Wahrheit dürften lediglich rund 30 Prozent der deutschen Wertschöpfung ins Ausland gehen. Zudem legen die Exporte überwiegend kurze Distanzen zurück: 67 Prozent der aus Deutschland ausgeführten Waren bleiben auf dem europäischen Kontinent – und 40 Prozent gehen in die Nachbarländer.

Konjunktur Anteil

"Der Anteil von Deutschland und Europa am Welthandel wird sinken"

Regionalisierung statt Globalisierung

Die viel gerühmte deutsche Globalisierungsleistung verdient daher wohl eher die Bezeichnung „Semiglobalisierung“ oder gar „Regionalisierung“. BASF zum Beispiel generiert 40 Prozent der Erträge in Deutschland und weitere 15 Prozent in Europa. Die Allianz verbucht 28 Prozent ihrer Prämien-Einnahmen im Inland und noch einmal 50 Prozent in Europa. Die Deutsche Bank hält hierzulande 67 Prozent ihres Kreditportfolios und weitere 29 Prozent in anderen europäischen Ländern. Sogar der als globales Unternehmen par excellence geltende Daimler-Konzern erwirtschaftet derzeit noch mindestens 40 Prozent seiner Erträge in Deutschland und Europa.

Damit stehen die deutschen Unternehmen freilich nicht allein; solche Zahlen sind im internationalen Vergleich nicht ungewöhnlich: Von den 500 größten Unternehmen der Welt verkaufen 88 Prozent mehr als die Hälfte ihrer Produkte im Heimatmarkt.

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