Denkfabrik: Europäische Währungsunion: Stabiler Club

Denkfabrik: Europäische Währungsunion: Stabiler Club

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Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank in Frankfurt

Bricht die Europäische Währungsunion als Folge der Finanzkrise auseinander? Nein, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Denn die Nachteile eines Austritts übersteigen die Vorteile deutlich.

Vor einem Jahr musste der griechische Finanzminister den Käufern seiner zehnjährigen Staatsanleihen nur 0,34 Prozentpunkte mehr Zinsen zahlen als sein deutscher Kollege. Mittlerweile muss er schon 1,67 Prozentpunkte mehr berappen.

Der Zinsabstand ist dramatisch gestiegen. Einige Investoren sehen bereits das Risiko, dass Länder wie Griechenland oder Italien irgendwann die Währungsunion verlassen könnten.

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Die Sorgen kommen nicht von ungefähr. So hat die italienische Wirtschaft seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren – schließlich stagniert die Arbeitsproduktivität der Italiener seit Jahren. Die Folge: Italiens Anteil am Welthandel ist seit 1999 um ein Drittel geschrumpft.

Geringe Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie ein chronisch ineffizientes Rechtssystem sind weitere Gründe, warum das italienische Bruttoinlandsprodukt seit 1999 jährlich um lediglich 1,25 Prozent zugelegt hat. Diese Erosion der wirtschaftlichen Basis schwächt Italiens Fähigkeit, seine Schulden in Zukunft weiter pünktlich zu bedienen.

Griechenland ist in den zurückliegenden zehn Jahren stärker gewachsen als Italien. Aber das Land lebt stark auf Pump. Glaubt man den griechischen Haushaltsdaten (das Land hatte im Vorfeld der Euro-Einführung falsche Daten gemeldet), dann hat der Staat seit 1999 in jedem Jahr neue Schulden in Höhe von durchschnittlich 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gemacht, drei Prozent gelten als gerade noch konform mit dem Stabilitätspakt.

Nicht nur der griechische Staat, sondern auch Unternehmen und Konsumenten geben zu viel aus. Das Defizit der gesamten Volkswirtschaft, also das Leistungsbilanzdefizit, dürfte sich in diesem Jahr auf mehr als 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts belaufen.

Italien und Griechenland haben keine eigene Währung, gegen die misstrauische Anleger spekulieren könnten. Aber sie könnten ihre Skepsis dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie sich zurückhalten, den beiden Ländern Staatsanleihen abzukaufen. Dann würden die Zinsen steigen, die zunehmenden Zinskosten würden die Staatshaushalte belasten, die Kreditwürdigkeit schwächen, was wiederum zu höheren Zinsen führen würde.

Ein Austritt aus der Währungsunion würde alles jedoch nur schlimmer machen. Denn die südeuropäischen Länder haben keine eigene Stabilitätstradition. Verließen sie die Währungsunion, würden die Anleger sofort vermuten, dass sie eine lockere Geldpolitik betreiben, sie würden mit hohen Inflationsraten rechnen, der griechische oder italienische Finanzminister müsste noch viel höhere Zinsen zahlen.

Kehrten die Renditen auf das Niveau von Mitte der Neunzigerjahre zurück, würde sich der Schuldendienst für Italien um etwa vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erhöhen, bei Griechenland beliefe sich der Anstieg sogar auf etwa zehn Prozent des BIPs. Das Verlassen der Währungsunion wäre teuer.

Gegen einen Austritt spricht ein weiteres Argument: Griechenland oder Italien haben ihre Staatsschulden ursprünglich in Euro begeben, und sie müssen sie deshalb auch in Euro zurückzahlen.

Verließen sie die Währungsunion und werteten ihre eigene Währung gegenüber dem Euro massiv ab, dann müssten sie viel mehr eigene Währung aufbringen, um die Anleihen zu tilgen. Es bestände die Gefahr einer Überschuldung. Auch Unternehmen mit auf Euro lautenden Anleihen wären wohl betroffen. Auch dies macht einen Austritt teuer und damit unwahrscheinlich.

Aber könnte nicht Italien dadurch von einem Austritt profitieren, dass es seine Währung gegenüber dem Euro massiv abwertet und seine darbende Exportwirtschaft mit einem Schlag wettbewerbsfähig macht?

Italien könnte das Problem seiner dramatisch gesunkenen Wettbewerbsfähigkeit mit einer Abwertung nur für ein oder zwei Jahre kaschieren.

So wertete die Lira Anfang 1976 innerhalb von vier Monaten um mehr als 20 Prozent ab. Italienische Produkte wurden aus Sicht des Auslandes mit einem Schlag billiger, die Nachfrage stieg. Allerdings ließen die lockere Geldpolitik und die Abwertung die Inflation nach und nach anziehen, der Preisvorteil italienischer Produkte sank wieder. Bereits Anfang der Achtzigerjahre war der Preisvorteil aufgebraucht, der reale Außenwert war wieder auf das Niveau von Ende 1975 gestiegen.

Das Beispiel zeigt, dass eine Abwertung der Exportwirtschaft dauerhaft nicht hilft. Italien hat keine Alternative, als seinen Arbeitsmarkt zu liberalisieren, mehr in Forschung und Entwicklung zu investieren und das Rechtssystem zu reformieren. Kurzum: Nur eine wirtschaftliche Rosskur, nicht ein Verlassen der Währungsunion und eine Abwertung würde dem Land helfen.

Drohende Überschuldung und in die Höhe schießende Anleiherenditen sind nur ein Teil der Kosten, die ein austretendes Land tragen müsste. Hinzu käme, dass sich Investoren zurückziehen dürften, die für das Wachstum der Wirtschaft so wichtigen Direktinvestitionen würden einbrechen.

Schließlich hätte ein Austrittsland gegen den Maastricht-Vertrag verstoßen und wäre damit auf Jahre politisch isoliert. Die Analyse zeigt: Träte ein Land aus der Währungsunion aus, hätte es immense wirtschaftliche und politische Kosten zu tragen, die die nur kurzfristigen Vorteile einer Politik des billigen Geldes und der Abwertung bei Weitem übersteigen.

Das gilt besonders für Länder wie Italien oder Griechenland, die vor Eintritt in die Währungsunion keine stabile Währung hatten.

Die Wahrscheinlichkeit eines Austritts ist deshalb niedrig. Allerdings bleibt ein Restrisiko, weil es noch keinen europäischen Staat als ultimativen Stabilisator der Währungsunion gibt.

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