Denkfabrik: Ifo-Chef fordert schärfere Vorschriften

Denkfabrik: Ifo-Chef fordert schärfere Vorschriften

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ifo-Chef Hans-Werner Sinn

Marktwirtschaft ist keine Anarchie. Um künftige Finanzkrisen zu vermeiden, brauchen wir im Bankensektor schärfere Eigenkapital- und Haftungsvorschriften, sagt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Nachdem der US-Kongress das umstrittene 700-Milliarden-Dollar-Programm zur Rettung seines Finanzsystems abgesegnet hat, ist es an der Zeit, nach vorne zu blicken und Lehren aus der Krise zu ziehen. Dazu muss man ihre Ursachen verstehen. Behauptungen, hier sei das Modell des amerikanischen Kapitalismus zugrunde gegangen, sind genauso wenig zielführend wie Hinweise auf die Gier der Investmentbanker oder anderer gesellschaftlicher Gruppen. Sie bewegen sich an der Oberfläche des Geschehens.

In ihrem Kern liegt die Ursache der Krise beim Rechtsinstitut der Haftungsbeschränkung, also dem Umstand, dass Gläubiger von Kapitalgesellschaften nicht auf das persönliche Eigentum der Inhaber dieser Gesellschaften zurückgreifen können. Die Haftungsbeschränkung führt zu einer systematischen Vernachlässigung von Katastrophenrisiken, also Ereignissen, die zwar zunächst nur mit kleiner Wahrscheinlichkeit auftreten, dafür aber riesige Verluste bringen. Investoren, die statt sicherer Projekte mit mäßigem Gewinn unsichere Projekte mit hohen Gewinn- und Verlustmöglichkeiten wählen, profitieren – weil sie einen Teil der möglichen Verluste gar nicht tragen müssen. Wenn die Dinge gut laufen, erzielt man den vollen Gewinn. Wenn die Dinge schlecht laufen, verliert man schlimmstenfalls das eingesetzte Eigenkapital, aber nicht mehr, weil ein Durchgriff auf das Privatvermögen ausgeschlossen ist. Diese Asymmetrie erzeugt Wagemut und Risikovorliebe.

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Es wäre voreilig, hieraus zu schließen, man müsse die Haftungsbeschränkung abschaffen, denn Wagemut hat ja auch sein Gutes. Die Haftungsbeschränkung wurde im 19. Jahrhundert in den USA und Europa eingeführt, um unkontrollierbare Belastungen der Anteilseigner zu vermeiden und den Unternehmen mutige wirtschaftliche Entscheidungen zu ermöglichen, die zu treffen sie sich andernfalls nicht getraut hätten. Erst dadurch erhielt der Kapitalismus die Möglichkeit, die Produktivkräfte der Volkswirtschaften zu entfesseln.

Bei hoher wirtschaftlicher Unsicherheit kann die Haftungsbeschränkung allerdings zum Problem werden, weil sie den Wagemut zum Glücksrittertum übersteigert. Wie immer geht es um eine Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen und um das richtige Maß der Dinge. Das Problem des Glücksrittertums ist besonders gravierend, wenn die Kapitalgesellschaften selbst über das Ausmaß ihrer Haftung bestimmen dürfen, indem sie ihr Eigenkapital im Verhältnis zu ihrem Geschäftsvolumen nach eigenem Gutdünken wählen. Sie arbeiten dann in der Tendenz mit zu wenig Eigenkapital und schütten zu hohe Gewinnanteile an die Aktionäre aus. Die fünf großen US-Investmentbanken, von denen bisher drei der Krise zum Opfer fielen, haben hemmungslos auf diese Strategie gesetzt, frei nach der Devise, dass man nicht verlieren kann, was man nicht hat. Die Risiken schufen Anreize, das Eigenkapital zu minimieren, und die geringe Höhe des Eigenkapitals schuf Anreize, besonders hohe Risiken zu suchen. Im Wechselspiel zwischen diesen Anreizen liegt die eigentliche Ursache der Krise – und damit auch der Ansatzpunkt für Reformen.

Selbst Fachleute sind in Bewertung oft überfordert

Das Privileg der Haftungsbeschränkung ist nicht im Markt entstanden, sondern vom Gesetzgeber gewährt worden, und weil das so ist, muss der Gesetzgeber auch definieren, was er wirklich damit meint. Er kann die Definition nicht den Begünstigten selbst überlassen. Wie man gesehen hat, definieren sie die Beschränkung dann so, dass sie fast keinerlei Haftung mehr übernehmen. Die US-Investmentbanken, die der amerikanischen Bankenaufsicht nicht unterworfen waren, haben ihr Geschäft mit Kernkapitalquoten in der Gegend von vier Prozent betrieben, was viel weniger als die Quote ist, mit der private Geschäftsbanken operieren. Zudem haben sie sehr komplexe Kreditoperationen außerhalb ihrer Bilanzen durchgeführt und der Kontrolle ihrer Anleger entzogen.

Man mag entgegenhalten, dass das Glücksrittertum durch die Ratingagenturen vermieden werde. Die dahinter stehende Idee: Ratingagenturen erteilen bei übermäßigen Risiken schlechte Bewertungen, sodass die Banken gezwungen sind, für die selbst aufgenommenen Gelder höhere Zinsen zu zahlen. Insofern, so das Argument, helfe der Markt sich selber und erzeuge das richtige Maß an Vorsicht. Das klägliche Versagen der Ratingagenturen bei der jetzigen Krise zeigt aber, wie illusorisch dieses Argument ist. Die Agenturen haben nicht rechtzeitig gewarnt und ihre Triple-A-Bewertungen erst dann zurückgezogen, als es gar nicht mehr anders ging. Da sie selbst ihr Einkommen von den bewerteten Finanzinstitutionen erhalten und auf deren Gunst angewiesen sind, konnten sie es sich nicht leisten, die Wahrheit zu sagen. Fast bankrotte Großkunden der Agenturen in Amerika wurden schöngeschrieben, während vergleichsweise robuste, aber kleinere Kunden in Europa abgewertet wurden. Auch die Kreditpakete mit Ansprüchen gegen amerikanische Hauseigentümer, die schon lange im Risiko standen, wurden auf diese Weise den deutschen Landesbanken weit über Wert angedient.

Der beste Beweis dafür, dass die Ratingagenturen und andere Informationskanäle nicht funktionieren und außerstande sind, die Käufer von Bankschuldverschreibungen und Kreditpaketen über die wahren Verhältnisse aufzuklären, liegt in dem Umstand, dass Eigenkapital auf dem Kapitalmarkt stets viel teurer ist als Fremdkapital. Wären die Käufer von Bankschuldverschreibungen über die Rückzahlungswahrscheinlichkeiten korrekt informiert, würden sie risikogerechte Zuschläge auf die Zinsen oder Abschläge auf die Preise dieser Schuldverschreibungen verlangen, die das Fremdkapital für die Banken genauso teuer wie das Eigenkapitel machen. Die Finanztheorie bezeichnet diese Erkenntnis nach ihren Urhebern als Modigliani-Miller-Theorem. Davon kann aber in der Praxis nicht die Rede sein. Jeder nutzt die Hebelwirkungen billigen Fremdkapitals bis zu dem Limit, dass die Ratingagenturen setzen, um dem Eigenkapital höhere Erträge zu verschaffen. Wer es nicht tut und durch höhere Kapitalunterlegung die Rückzahlungswahrscheinlichkeit für die verkauften Finanzprodukte steigert, wird dafür vom Kapitalmarkt nicht belohnt.

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