Denkfabrik: Jobboom ist harte Arbeit, kein deutsches Wunder

kolumneDenkfabrik: Jobboom ist harte Arbeit, kein deutsches Wunder

Kolumne

Der Jobboom hält an. Dass der Arbeitsmarkt die historische Wirtschaftskrise unbeschadet überstand, haben wir nicht primär der Kurzarbeit zu verdanken – sondern der gewachsenen Flexibilität auf Betriebsebene.

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Arbeiter

Die jüngst veröffentlichten Zahlen zum Wachstum im ersten Quartal 2011 bestätigen es eindrucksvoll: Die deutsche Wirtschaft hat die tiefste Rezession der Nachkriegszeit mit unerwartet viel Schwung hinter sich gelassen. Das Vorkrisenniveau ist wieder erreicht, die Unternehmen durchschreiten nach dem tiefen Fall in der Krise den Korridor der gesamtwirtschaftlichen Normalauslastung ohne nennenswerte Bremsspuren. Dies ist im internationalen Vergleich mit anderen Industrieländern bemerkenswert.

Besonders hervorstechend und mit Blick auf frühere konjunkturelle Schwächephasen historisch beispiellos ist die Entwicklung am Arbeitsmarkt. Die Erwerbsbeteiligung hat in der Krise sogar weiter zugenommen, und die gegenwärtigen Frühindikatoren lassen auf eine anhaltende Beschäftigungsexpansion schließen. Dabei galt der deutsche Arbeitsmarkt vor der Krise doch als vergleichsweise starr und inflexibel. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass manche Experten von einem deutschen Arbeitsmarktwunder sprechen.

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Temporärer Schock

Wunder ereignen sich jedoch auch im Ökonomischen eher selten. Wir haben es vielmehr mit dem Zusammenspiel unterschiedlicher ökonomischer Faktoren zu tun. Der massive Einbruch der deutschen Wirtschaft Ende 2008/Anfang 2009 ging nahezu ausschließlich auf einen zyklischen Rückgang der Nachfrage aus dem Ausland zurück. Dass man es nur mit einem temporären Schock zu tun haben würde, war jedoch zum Zeitpunkt des Einbruchs nicht klar. Zwar litt die deutsche Wirtschaft nicht unter gravierenden heimischen Ungleichgewichten, vor allem nicht am Immobilienmarkt. Die rasche Erholung der Weltwirtschaft – getragen von den Schwellenländern – war so aber nicht unbedingt zu erwarten. Zweitens erlaubte die flexible Reaktion der Tarifparteien im Verbund mit wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen den Unternehmen eine Strategie der Arbeitskräftehortung. Drittens schließlich wurden durch das Festhalten am vorhandenen Arbeitskräftebestand negative Rückkoppelungen des drastischen Auftragsrückgangs auf primär binnenwirtschaftlich orientierte Wirtschaftsbereiche vermieden.

Im vom Export besonders abhängigen verarbeitenden Gewerbe kam es zwar zu Jobverlusten. Im Aggregat wurden diese jedoch nicht sichtbar, weil der wachsende Bereich der öffentlichen und privaten Dienstleistungen die Einbußen in der exportnahen Industrie mehr als kompensierte. Der Beschäftigungsverlust in der Industrie blieb auch deshalb moderat, weil es zu einer massiven Verringerung der Arbeitszeiten kam.

Die staatlich subventionierte Kurzarbeit spielte dabei eine wichtige Rolle – jedoch nicht die Hauptrolle. So erklärt die Kurzarbeit nur rund ein Viertel der gesunkenen Arbeitszeit während der Krise. Der maßgebliche Anteil entfiel hingegen auf die Nutzung von betrieblichen Arbeitszeitkonten und auf tarifliche Optionen der Unternehmen, die reguläre Arbeitszeit herunterzufahren – bei gleichzeitig sinkenden nominalen Entgelten.

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