Denkfabrik: Können Schwellenländer die USA als Konjunkturlokomotive der Welt ersetzen?

Denkfabrik: Können Schwellenländer die USA als Konjunkturlokomotive der Welt ersetzen?

Bild vergrößern

Weil der US-Bazillus über mehrere Kanäle auch China & Co. erreicht.

Können Schwellenländer die USA als Konjunkturlokomotive der Welt ersetzen? Nein, sagt Rolf Langhammer, Vizepräsident des Instituts für Weltwirschaft in Kiel. Weil der US-Bazillus über mehrere Kanäle auch China & Co. erreicht.

Vor 29 Jahren vertrat der Wirtschaftsnobelpreisträger Arthur Lewis in einem Vortrag eine interessante These. Das nachlassende Wachstum in den Industrieländern, so der Ökonom, beeinträchtige auch die Wachstumschancen der Entwicklungsländer. Daher sei neben dem Nord-Süd-Handel ein neuer Wachstumsmotor erforderlich: der verstärkte Handel zwischen Entwicklungsländern (Süd-Süd-Handel). Ihn gelte es handelspolitisch durch Freihandelszonen zu fördern. Dies ist zwar nicht so eingetreten, wie es sich Lewis vorgestellt hatte. Dennoch glauben viele Ökonomen, die Schwellenländer des Südens seien vor der Ansteckung durch eine Rezession in den USA geschützt – und könnten gar als eigenständige Wachstumsmotoren dafür sorgen, dass die Weltwirtschaft den amerikanischen Schwächeanfall glimpflich übersteht.

Hinter dieser optimistischen These stehen eindrucksvolle Verschiebungen in der Wachstumsdynamik, im internationalen Handel und in den Finanzströmen zugunsten der Schwellenländer, die von den rohstoffexportierenden ärmeren Entwicklungsländern zu unterscheiden sind. Jüngere Untersuchungen zeigen drei Befunde. Erstens: Die Abhängigkeiten zwischen Schwellen- und Industrieländern sind heute symmetrischer als früher, es gibt also auch eine Abhängigkeit des Nordens vom Süden. Zweitens: Die nationalen Konjunkturzyklen sind innerhalb der beiden Länderblöcke synchroner geworden, während sie zwischen den Gruppen stärker auseinanderdriften. Und drittens: Es haben sich nicht nur die Volumina der Finanzströme in die Schwellenländer erhöht, sondern auch deren Struktur – weg von risikoreichen Krediten, hin zu Direktinvestitionen und weniger risikoreichen Portfolioinvestitionen. Dieses Kapital stammt sowohl aus den Industrieländern als auch aus den Schwellenländern selbst und gilt in wirtschaftlichen Schlechtwetterperioden als stabiler als die Kredite.

Anzeige

Viel schwerer zu beurteilen ist die Ansteckungsgefahr über Zahlungsströme

Können sich die Schwellenländer also von einer US-Krise abkoppeln? Um diese Frage zu beantworten, muss man die Ansteckungskanäle einer US-Rezession offenlegen und prüfen, ob sie auf dem Weg zu den Schwellenländern versanden oder nicht. Zu unterscheiden ist zwischen Ansteckungseffekten über den Handel, über Zahlungsströme und über Vermögensbewertungen. Beim Handel gibt es einen Preis- und Einkommenseffekt. Wertet der Dollar ab, beeinträchtigt dies die Wettbewerbsfähigkeit konkurrierender Produkte aus den Schwellenländern, sofern deren Währungen zum Dollar floaten. Die Exporte müssten abnehmen. Freies Floaten lassen die meisten Schwellenländer freilich nicht zu, bestenfalls eine kontrollierte Aufwertung wie in China. Zudem konkurrieren US-Produkte nicht intensiv mit Schwellenländerprodukten. Der Preiseffekt dürfte daher keine gravierende Ansteckung auslösen.

Der Einkommenseffekt läuft über eine rezessionsbedingt schwächere Nachfrage in den USA nach Schwellenländerprodukten, und zwar direkt (nach Produkten) wie indirekt (über Vorleistungsverflechtungen zwischen den Schwellenländern). China würde also auch darunter leiden, wenn die US-Nachfrage nach Produkten aus Korea zurückgeht. Einer Schätzung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zufolge hätte eine rezessionsbedingte zehnprozentige Abnahme der US-Importe die asiatischen Exporte in die USA 2005 direkt und indirekt um drei Prozent schrumpfen lassen. Laut BIZ hätte eine US-Rezession negativere Folgen auf die Schwellenländer als ein Wachstumseinbruch in China.

Viel schwerer zu beurteilen ist die Ansteckungsgefahr über Zahlungsströme. Erstens sind die Wirkungen kurzfristig heftiger, weil die Märkte zum Über- oder Untertreiben neigen und Herdenverhalten an den Tag legen. Zweitens können politische Reaktionen destabilisierend wirken. Die Abkoppelungsthese wäre leichter zu vertreten, hätten die Schwellenländer hoch entwickelte Finanzmärkte, auf denen Produkte in eigener Währung gehandelt würden. Noch aber dominiert der Dollar als Fakturierungs-, Anlage- und Ankerwährung. Regionale Anleihemärkte in den Währungen etwa südostasiatischer Staaten sind noch im Aufbau.

Eine plötzlich auftretende Wechselkursschwäche des Dollar schlägt daher auf die Schwellenländer durch, wenn Verpflichtungen in Nicht-Dollar-Währungen zu erfüllen sind. Die Dollar-Reserven Chinas etwa dienen im Notfall der Bedienung potenziell notleidender Kredite an Staatsbetriebe, die in heimischer Währung bestehen. Dieses Sicherheitspolster könnte rasch dünn werden, wenn der Dollar stark abwertet.

Nicht zuletzt gibt es den Ansteckungskanal über veränderte Vermögensbewertungen. Aktien- und Grundstücksmärkte sind grenzüberschreitend integrierter als früher. Fondsmanager könnten die Krise auf dem US-Markt zum Anlass nehmen, in Schwellenländern aus dem Markt zu gehen – entweder antizipatorisch oder um Gewinne mitzunehmen, mit denen Verluste auf dem amerikanischen Markt ausgeglichen werden. Dieser Ansteckungskanal (in der Asienkrise 1997 „wake up call“ genannt) ist gefährlich. Zudem haben auch private Akteure aus Schwellenländern in den Vereinigten Staaten Vermögensanlagen getätigt, deren Werteinbußen jetzt ihr Konsumverhalten zu Hause beeinflussen.

Im Gesamturteil kommt man an einer skeptischen Einschätzung der These von der wirtschaftlichen Abkopplung zwischen Industrie- und Schwellenländern nicht vorbei. Solange der zweite Wachstumsmotor seine Kraft (zwar nicht mehr ausschließlich wie zu Arthur Lewis’ Zeiten, aber doch noch in nennenswertem Maße) dem ersten Motor verdankt, kann er Letzteren nicht ersetzen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%