Denkfabrik: Lohnerhöhungen: Gedämpfte Erwartungen

Denkfabrik: Lohnerhöhungen: Gedämpfte Erwartungen

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Angestellte nehmen am Dienstag, 19. Feb. 2008, an einer zentralen Protestkundgebung der Beschaeftigten der Bundesverwaltung zur Einkommensrunde im oeffentlichen Dienst vor Bundesfinanzministerium in Berlin teil. Die Gewerkschaften fordern eine Lohnerhoehung von acht Prozent.

Nach Jahren des Maßhaltens ist die Zeit reif für kräftige Lohnerhöhungen, sagen die Gewerkschaften. Die Mehrheit der Deutschen sieht das anders, sagt Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Die Tarifverhandlungen dieses Jahres begannen im Januar mit einem Paukenschlag, dem zweistelligen Abschluss für die Lokführer. Isoliert betrachtet wäre diese Tarifeinigung für die Wirtschaft insgesamt eher von marginaler Bedeutung. Die unmittelbaren Reaktionen zeigten jedoch, dass diesem Abschluss Signalwirkung zugeschrieben wurde, als Einstieg in generell höhere Lohnforderungen bei den anstehenden Tarifverhandlungen.

Dies kann angesichts der Entwicklung von Konjunktur, Unternehmensgewinnen und Löhnen in den letzten Jahren kaum überraschen. Die moderaten Lohnsteigerungen haben in hohem Maße dazu beigetragen, den Standort Deutschland zu stärken, Arbeitsplätze in Deutschland zu halten und auch neue zu schaffen. Die nominalen Erhöhungen der letzten Jahre wurden jedoch durch Preissteigerungen weitgehend aufgezehrt, teilweise übertroffen. Der Betrag, der den Haushalten im Durchschnitt nach Begleichen der notwendigen Lebenshaltungskosten zur freien Verfügung bleibt, stagniert nominal seit sechs Jahren und liegt entsprechend real mittlerweile deutlich unter dem Niveau von 2002.

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Vor diesem Hintergrund lösen kräftige Preissteigerungen in Bereichen, in denen die Haushalte kurzfristig wenig Möglichkeiten zu Einsparungen sehen, Besorgnis aus. Dies gilt insbesondere für die gestiegenen Kraftstoffpreise und Heizkosten, die rund zwei Drittel als starke Belastung für ihr Budget empfinden. Dazu kommen erhöhte Aufwendungen für Alters- und Risikovorsorge, teilweise für kommunale Abgaben und Lebensmittel. Dies macht verständlich, warum trotz stark rückläufiger Arbeitslosenzahlen und einer höheren Sicherheit der bestehenden Arbeitsplätze die große Mehrheit nach wie vor den Eindruck hat, dass der Aufschwung an ihr vorbeigeht. Nur sieben Prozent der Bevölkerung ziehen die Bilanz, dass sie von dem derzeitigen Aufschwung erheblich profitieren, weitere 29 Prozent sehen sich zumindest begrenzt als Nutznießer der positiven Konjunktur. Die große Mehrheit ist überzeugt, dass sie persönlich kaum oder gar nicht profitiert.

Es wäre daher kaum überraschend, wenn weite Teile der Bevölkerung nach dem Tarifabschluss der Lokführer die Hoffnung hegten, dass die kommenden Abschlüsse generell sprunghafte Lohn- und Gehaltssteigerungen erwarten lassen. Tatsächlich sind jedoch die Erwartungen der meisten abhängig Beschäftigten relativ moderat. Nur 36 Prozent sind überzeugt, dass die wirtschaftliche Lage großen Spielraum für Lohnerhöhungen bietet. Was die Spielräume in der eigenen Branche angeht, wächst die Skepsis noch: Nur 22 Prozent der abhängig Beschäftigten sind überzeugt, dass es in der eigenen Branche zurzeit großen Spielraum für Lohnerhöhungen gibt. Gebeten, diese Erwartung exakter zu beziffern, veranschlagen nur 28 Prozent den Spielraum auf mehr als vier Prozent. Damit werden die Verteilungsspielräume heute zwar größer veranschlagt als noch vor zwei, drei Jahren. Insgesamt lassen die Erwartungen der abhängig Beschäftigten jedoch kaum den Schluss zu, dass sie den Abschluss im Januar als Signal für generell sprunghaft steigende Gehälter und Löhne deuten.

Dies liegt nicht zuletzt an der Verunsicherung über die Konjunktur. Trotz der positiven Auftragslage der Unternehmen ist der Anteil der Bevölkerung, der die wirtschaftlichen Perspektiven für die kommenden Monate günstig einschätzt, seit Mitte 2007 von 51 auf 28 Prozent gesunken. Nach wie vor stellt sich nur eine Minderheit kurzfristig auf einen konjunkturellen Abwärtstrend ein. Der Optimismus ist nicht Pessimismus gewichen, sondern einer gewissen Skepsis, ob die Turbulenzen auf den Finanzmärkten, die Entwicklung des Euro, die Energiepreise und die Lage der US-Wirtschaft nicht doch den Aufschwung gefährden. Die jahrelange Wachstumsschwäche und die in diesem Zeitraum kontinuierlich steigende Arbeitslosigkeit sitzen den meisten offenbar noch in den Knochen – und dämpfen auch die Erwartungen an die bevorstehenden Tarifrunden.

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