Denkfabrik: Sinn erwartet Abschwung der Weltkonjunktur

Denkfabrik: Sinn erwartet Abschwung der Weltkonjunktur

Der globale Aufschwung verliert an Tempo. Die Probleme der Weltwirtschaft liegen dabei nicht in den Schwellenländern, sondern in den USA und im Euro-Raum. Es gibt aber auch einen Krisengewinner: Deutschland. Von Hans-Werner Sinn

Die Arbeitslosigkeit in den USA sinkt nicht wirklich, Europa ringt mit seiner Staatsschuldenkrise, in China befürchten nicht wenige Experten eine Überhitzung. Was ist los mit dem globalen Aufschwung? Ist er schon wieder vorüber? Die Antwort lautet: Nein, der Aufschwung geht weiter. Nur ist das Bild nicht mehr einheitlich.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hält die Gangart der Konjunktur in einigen aufstrebenden Volkswirtschaften für zu schnell und nicht nachhaltig. Er führt an, dass die Produktion in vielen dieser Länder bereits deutlich über dem Vorkrisentrend liegt, im Falle Brasiliens und Indiens um etwa sieben Prozent. Auch hält der IWF das Kreditwachstum in einigen Ländern für zu hoch. Speziell für die BRIC-Länder – Brasilien, Russland, Indien, China – diagnostiziert er hohe und wachsende Inflationsraten.

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Man kann diese Sicht der Dinge vertreten. Man kann die Situation aber auch anders bewerten. Schließlich sind die Inflationsraten in diesen Ländern noch lange nicht so hoch wie vor der Finanzkrise. China hatte im Februar 2008 eine Inflationsrate von 8,7 Prozent – im April 2011 waren es 5,3 Prozent.

Auch die These von der Überhitzung des chinesischen Immobilienmarktes wird nicht von den Daten bestätigt. Die Preissteigerungsraten der Bestandsimmobilien in Shanghai und Peking, die vor einem Jahr noch bei acht bis zwölf Prozent lagen, sind heute null. Wenn in China eine Gefahr besteht, so nicht die der Überhitzung, sondern der weiteren Abkühlung. Ob man das schon als Platzen einer Blase bezeichnen kann, wage ich zu bezweifeln. Immerhin hatte die Preisinflation bei den Immobilien auch schon in der jüngeren Vergangenheit Pausen eingelegt. In Shanghai stagnierten die Preise 2007 und fielen 2009 gar. Auch in Peking sind die Immobilienpreise 2009 gefallen. Das Bild ist also nicht eindeutig.

Ähnliches gilt für die Konjunkturlage. Nach dem stürmischen Aufschwung des Jahres 2010 ist wieder etwas mehr Ruhe eingekehrt. Der World Economic Survey des ifo Instituts zeigte im ersten Quartal dieses Jahres eine leichte Abkühlung der BRIC-Länder. Diese fand aber auf hohem Niveau statt, ohne dass ein Umkippen der Konjunktur erkennbar wäre. Selbst in Brasilien, wo die Reise nach einem überschäumenden Boom von höchstem Niveau aus nach unten ging, hat der Aufschwung noch Kraft. In Russland, Indien und China sind ohnehin eher Seitwärts- als Abwärtsbewegungen zu verzeichnen.

Die wirklichen Probleme der Weltwirtschaft liegen in den USA und im Euro-Raum. In den USA enttäuschte das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal dieses Jahres. Statt der zumeist erwarteten annualisierten Wachstumsrate von etwa 4,0 Prozent vermeldete die Statistikbehörde der USA nur 1,8 Prozent. Es dürfte nun schwerfallen, das für dieses Jahr in der Gemeinschaftsdiagnose prognostizierte Wachstum von 3,0 Prozent noch zu erreichen. Die Arbeitslosenquote, die von 2007 bis 2009 von fünf auf zehn Prozent gestiegen war, verharrt bei über neun Prozent. Dahinter könnte sich wegen der etwas anderen Erhebungsmethode in den USA eine wachsende Zahl von Arbeitslosen verbergen, die sich gar nicht mehr melden. Auf jeden Fall verfestigt sich in den USA die Langzeitarbeitslosigkeit auf einem extrem hohen Niveau.

Äußerst problematisch ist der Umstand, dass der Markt für immobilienbesicherte Wertpapiere, also MBS und darauf aufbauende CDO, zerstört wurde. Im Jahr 2006 lag das jährliche Emissionsvolumen noch bei 1874 Milliarden Dollar. 2010 waren es schätzungsweise nur noch gut 60 Milliarden Dollar, was einem Rückgang von etwa 95 Prozent entspricht. 2010 sind rund 97 Prozent der Immobilienkredite, die in den USA vergeben wurden, über drei staatliche Institutionen gelaufen: Ginnie Mae, Freddie Mac und Fannie Mae. Diese Institutionen hatten viele Kredite dann auch noch verbrieft und gegen neu gedrucktes Geld an die Zentralbank verkauft. Wohin das noch führen wird, ist unklar.

Auch in Europa kriselt es gewaltig. Das Euro-System ist angesichts der riesigen Kreditmengen, die die Europäische Zentralbank (EZB) gegen schlechte Sicherheiten in Krisenstaaten hat fließen lassen, gefährdet. Die Gefahr geht weit über die Gefährdung einzelner Länder hinaus. Gebannt schaut man heute auf Länder wie Italien oder Luxemburg, die aus unterschiedlichen Gründen ebenfalls vom Krisenbazillus bedroht sind.

Einigen Ländern im Norden und Osten geht es hingegen prächtig. Auch die Bundesrepublik strotzt derzeit vor Kraft. Sie ist der Krisengewinner, wie sie vor der Krise der Verlierer des Euro war. Weil sich das nach guten Anlagemöglichkeiten suchende Kapital nicht mehr aus Deutschland heraus traut, boomen die Investitionen im Land. Es wird wieder gebaut, die Unternehmen stocken ihre Kapazitäten auf. Zusammen mit der immer noch guten Exportkonjunktur erzeugt das einen der kräftigsten Wirtschaftsaufschwünge, die unser Land je hatte. Deutschland genießt das Glück des Tüchtigen.

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