Denkfabrik: Wechselkurs: Schmerzgrenze für deutsche Exporte bei 1,55 Dollar

Denkfabrik: Wechselkurs: Schmerzgrenze für deutsche Exporte bei 1,55 Dollar

Die aktuelle Stärke des Euro könnte die deutsche Exportwirtschaft spürbar belasten. Ab einem Wechselkurs von 1,55 Dollar lohnt sich für viele Unternehmen das Ausfuhrgeschäft kaum noch, schreibt DIW-Ökonom Ansgar Belke.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eines der Krisenländer der Euro-Zone mit neuen Hiobsbotschaften aufwartet. Die Teilnehmer an den Devisenmärkten scheint das jedoch kaltzulassen. Statt den Euro auf Talfahrt zu schicken, treiben die Anleger den Wechselkurs der Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar immer weiter in die Höhe. Vergangene Woche näherte er sich der Marke von 1,50 Dollar. So stark war die Gemeinschaftswährung zuletzt im November 2009. Seit Juni 2010 hat sie um rund 24 Prozent gegenüber dem Dollar zugelegt.

Allerdings ist die Stärke des Euro in erster Linie eine Schwäche des Dollar. Denn die US-Notenbank hält die Leitzinsen bei nahezu null Prozent und schwächt so die Attraktivität von Dollar-Anlagen. Dagegen hat die Europäische Zentralbank die Zinswende eingeleitet. Der Leitzins in der Währungsunion liegt aktuell bei 1,25 Prozent. Tendenz steigend. Hinzu kommt, dass auch in den USA die Staatsschulden rasant steigen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat den Ausblick für die Bonität Amerikas von stabil auf negativ gesenkt.

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Kritische Schwelle

In den nächsten Wochen könnte der Euro weiter aufwerten. Wird der Wechselkurs damit zu einer Gefahr für die deutschen Exporte?

Noch hält sich das Wehklagen der heimischen Industrie in Grenzen. Der Grund dafür ist, dass die Ausfuhren erfahrungsgemäß erst oberhalb bestimmter Wechselkurs-Schwellenwerte massiv auf Änderungen des Außenwertes reagieren. Das rührt daher, dass Einstieg und Ausstieg aus einem Exportmarkt für die Unternehmen mit Kosten verbunden sind. Sie bilden Eintritts- beziehungsweise Austrittsbarrieren, die je nach Betrieb und Branche unterschiedlich hoch ausfallen.

Wertet der Euro auf, sinken die in Euro gerechneten Stückerlöse. Allerdings erwägen die Exporteure nur dann, aus dem Markt auszutreten, wenn die Verluste die Austrittskosten übersteigen. Überschreitet der Wechselkurs den kritischen Schwellenwert, ab dem das der Fall ist, kommt es zu Sprüngen in der gesamtwirtschaftlichen Exportaktivität. Man kann das mit dem mechanischen Spiel eines Autolenkrads vergleichen. Erst ab einer Mindestdrehung des Lenkrads schlagen die Vorderräder ein.

Die Wechselkurs-Schmerzgrenze kann sich im Zeitablauf verschieben je nachdem, welche Exporteure sich im Markt befinden. Ist einer Aufwertung beispielsweise eine ausgeprägte Abwertungsphase vorausgegangen, so hat diese Akteure mit geringen Einstiegskosten in den Markt gelockt. Diese können schon bei relativ geringen Aufwertungen wieder den Markt verlassen.

Wo aber liegt die aktuelle Schmerzgrenze für die deutschen Exporteure? Wir sind dieser Frage mithilfe eines nicht linearen Regressionsmodells auf den Grund gegangen.* Dieser Schätzansatz berücksichtigt, dass sich die Exporte plötzlich stark beschleunigen oder verringern können, wenn Änderungen des Wechselkurses eine kritische Schwelle überschreiten. Es zeigt sich, dass die kritische Schwelle derzeit bei etwa 1,55 Dollar je Euro liegt. Wird dieser Wechselkurs einige Wochen überschritten, dürfte die Nachfrage nach deutschen Exporten deutlich fallen, die Ausfuhren in den Dollar-Raum lohnen sich für viele Exporteure dann kaum noch.

Der aktuelle Wechselkurs des Euro ist nicht mehr weit von dieser Schmerzgrenze entfernt. Seit dem Höhepunkt der Finanzkrise hat die makroökonomische Unsicherheit stetig abgenommen, und die Binnenwirtschaft hat sich belebt. Die Unternehmen könnten daher geneigt sein, sich aus dem Exportgeschäft zurückzuziehen, wenn der Euro-Wechselkurs die Schmerzgrenze überschreitet und der Export sich nicht mehr lohnt.

Unser Ergebnis gilt unabhängig davon, ob wir die deutschen Gesamtexporte in die USA oder einzelne Sektoren wie Maschinenbauerzeugnisse und Fahrzeuge, die mit einem Anteil von etwa zwei Dritteln den deutschen Export dominieren, untersuchen.

Sollte der Außenwert des Euro im Zuge der sich ausweitenden Zinsdifferenz zum Dollar-Raum weiter steigen – und hierauf deutet gegenwärtig vieles hin –, wird die Nachfrage nach deutschen Produkten sinken. Für manche Unternehmen könnte es dann sinnvoll sein, die Exporte einzustellen oder die Produktion in den Dollar-Raum zu verlagern. Der Wiedereinstieg dürfte durch hohe Fixkosten behindert werden – selbst wenn der Euro zukünftig wieder abwertet. Im Extremfall ist nicht ausgeschlossen, dass einige Unternehmen entscheiden, gar nicht wieder in den Exportmarkt einzutreten, oder es vergeht zumindest einige Zeit, bis sie wieder in der Lage dazu sind.

So könnte die Euro-Stärke dramatische Konsequenzen für die deutschen Exporte haben, die in vielen Standardmodellen nicht berücksichtigt sind.

* Ansgar Belke, Matthias Goecke, Martin Guenther: When does it hurt? The Exchange Rate „Pain Threshold“ for German Exports, DIW Discussion Paper 943

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