Der Konjunkturkommentar: Maß halten!

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Lohn der Bescheidenheit - Grafik: WirtschaftsWoche

Die Tarifrunde 2008 könnte eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen.

Haben die moderaten Lohnzuwächse der vergangenen Jahre die Sensibilität der Analysten für dieses Thema schwinden lassen? Fakt ist: In der aktuellen Tarifrunde droht ein Dammbruch bei den Löhnen, der der ohnehin abflauenden Konjunktur den Todesstoß versetzen könnte.

In nahezu allen Branchen haben die Gewerkschaften das Ende der Bescheidenheit ausgerufen. Angesichts der Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre und der steigenden Kosten der Lebenshaltung sieht der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, „richtigen Nachholbedarf“ für die Arbeitnehmer. Acht Prozent mehr Lohn fordert er daher für die Beschäftigten von Bund und Kommunen bei den Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, die am 10. Januar beginnen.

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Ebenso hoch fällt die Lohnforderung der IG Metall für die Stahlindustrie aus. Die Krankenhausärzte reklamieren gar zehn Prozent mehr Geld für sich, und die Lokführer wollen im Dauerkonflikt mit der Bahn bis zu 30 Prozent mehr Gehalt erstreiken. Schützenhilfe erhalten die Gewerkschaften von der Politik. Die Arbeitnehmer hätten es verdient, 2008 „mit deutlichen Lohnerhöhungen ihren fairen Anteil am Aufschwung zu erhalten“, sekundierte jüngst Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier.

Dabei ist der Aufschwung – anders als Steinmeier suggeriert – keineswegs an den Arbeitnehmern vorbeigegangen. Die zurückhaltenden Lohnerhöhungen der vergangenen Jahre haben vielmehr die Basis dafür gelegt, dass in den vergangenen zwei Jahren rund eine Million neuer sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze entstanden sind (siehe Grafik).

Auch die bereits Beschäftigten haben vom Aufschwung profitiert, weil mit der steigenden Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften ihre Jobs sicherer geworden sind. Umso wichtiger ist es daher, dass die Gewerkschaften bei der aktuellen Tarifrunde Augenmaß bewahren. Leitschnur für die Lohnabschlüsse muss die Produktivität der Beschäftigten und die Entwicklung der Unternehmensgewinne in den einzelnen Branchen sein.

Für den gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt bedeutet dies, dass die tariflichen Stundenlöhne um nicht mehr als knapp zwei Prozent steigen sollten. Dieser beschäftigungsneutrale Verteilungsspielraum ergibt sich aus dem Zuwachs der Produktivität und dem Teil des Preisniveauanstiegs, der den Unternehmen als Gewinn zufließt.

Für den realen Output je Stunde rechnen Experten im Jahr 2008 mit einem Anstieg von nur knapp einem Prozent. Die Teuerungsrate der Lebenshaltung, die im Dezember bei 2,8 Prozent lag, dürfte in den nächsten Monaten zwar weiter in der Nähe von drei Prozent liegen. Allerdings geht davon mehr als ein Prozentpunkt auf das Konto der höheren Mehrwertsteuer und anderer staatlicher Maßnahmen.

Ein weiterer Prozentpunkt ist auf den kräftigen Anstieg der Energie- und Nahrungsmittelpreise zurückzuführen. Da dieses Geld nicht den Unternehmen, sondern dem Staat beziehungsweise den Ölförderländern und Landwirten zufließt, bleibt als Verteilungsmasse für die Lohnverhandlungen nur eine „Restinflation“ von knapp einem Prozent.

Sollten die Gewerkschaften den Zuwachs der Tariflöhne im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt über den beschäftigungsneutralen Verteilungsspielraum von knapp zwei Prozent treiben, droht eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale. Überwälzen die Unternehmen die höheren Lohnkosten in die Absatzpreise ihrer Produkte und Dienstleistungen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Teuerungsrate der Lebenshaltung in absehbarer Zeit wieder dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp unter zwei Prozent annähert.

Verbraucher, Gewerkschaften und Börsianer würden in diesem Fall ihre langfristigen Inflationserwartungen wohl deutlich nach oben korrigieren. Um dies zu verhindern, dürften sich die Währungshüter der EZB gezwungen sehen, die Zinsen zu erhöhen. Vielen Unternehmen bliebe dann wohl nichts anderes übrig, als ihre Kosten und Gewinne durch den Abbau von Jobs ins Lot zu bringen. Statt der Freude über mehr Jobs ginge dann wieder die Angst vor Arbeitslosigkeit in Deutschland um.

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