Der Ökonom: Bruno Frey und die Ökonomie des Glücks

Der Ökonom: Bruno Frey und die Ökonomie des Glücks

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Antel der Befragten, die mit ihrem Leben "sehr zufrieden" sind in Prozent

Konsumenten handeln irrational, wachsender Wohlstand macht nicht glücklich: Der Ökonom Bruno Frey forscht im Grenzbereich zwischen Psychologie und Wirtschaftswissenschaft.

Würden Sie auch gerne mit dem Rauchen aufhören, tun es aber nicht? Hocken Sie lange Abende vor dem Fernseher, schaufeln Chips in sich hinein und zappen sich durch belanglose Sendungen, die Sie gar nicht interessieren? Seien Sie unbesorgt: Dem ökonomischen Standard-Modell zufolge machen Sie alles richtig. Die Lehrbuchökonomie geht nämlich davon aus, dass die Menschen stets vollkommen rational handeln: Alles, was wir tun, entspricht unseren Präferenzen.

Einer der prominentesten Kritiker dieses sterilen Menschenbilds ist der Schweizer Ökonom Bruno Frey, 66. Der gebürtige Basler, der an der Universität Zürich lehrt und forscht, ist — gemessen an der Qualität und Anzahl seiner Veröffentlichungen — der führende Ökonom in Europa. Schon sein Werdegang offenbart den Schnelldenker: Mit 24 wurde er promoviert, mit 28 trat er seine erste Professur in Basel an, ein Jahr später wurde er ordentlicher Professor in Konstanz. Zu Freys Spezialitäten zählt das Grenzland zwischen Ökonomie und Psychologie – und anders als viele Fachkollegen ist er sich nie zu schade dafür, auch mal den Elfenbeinturm zu verlassen. Dafür hat er im Herbst als Erster den nach Gustav Stolper (Gründer des „Deutschen Volkswirts“, aus dem die WirtschaftsWoche hervorgegangen ist) benannten Preis des Vereins für Socialpolitik erhalten, der für hervorragende Leistungen beim Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Öffentlichkeit vergeben wird. Populär wurde Frey vor allem durch seine Beiträge zur Ökonomie des Glücks. Ausgangspunkt sind psychologische Untersuchungen zur Bestimmung der subjektiven Zufriedenheit der Menschen. „Glück lässt sich heute messen“, sagt Frey. Und dabei kommt heraus, dass die Menschen eben doch nicht immer das tun, was ihrem Wohlbefinden zuträglich ist: Ungesundes Essen, Rauchen und exzessives Fernsehen machen die Menschen nach eigener Einschätzung zwar weniger glücklich – sie tun es aber trotzdem. Das liegt daran, so Frey, dass Menschen dazu neigen, den sofortigen bequemen Nutzen höher zu veranschlagen als die langfristigen Folgen. Der TV-Knopf zum Beispiel ist schnell gedrückt. Wenn wir aber zu oft und zu lange fernsehen, vernachlässigen wir soziale Kontakte – und die sind für ein glückliches Leben wichtiger als alles andere, haben Glücksforscher herausgefunden.

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Solche Beispiele lassen auch wirtschaftspolitische Maßnahmen in einem anderen Licht erscheinen: Wie Frey in einem neuen Beitrag schreibt, kann zum Beispiel die Tabaksteuer den Menschen helfen, „ihre Probleme der Selbstkontrolle in den Griff zu bekommen“ – und damit ihre Zufriedenheit erhöhen. Umgekehrt müssten die Subventionen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland hinterfragt werden, weil sie eben auch TV-Exzesse begünstigen und die Menschen dadurch weniger glücklich machen. Das Privatfernsehen verbreitet seine gleichermaßen schädliche Wirkung immerhin ohne Hilfe durch Steuer- und Gebührenzahler. Auch die Pendlerpauschale ist falsch. Viele Menschen unterschätzen das Frustpotenzial eines weiten Wegs zur Arbeit, und die Steuersubvention unterstützt diese Fehlentscheidung bei der Wahl des Wohn- und Arbeitsorts.

Die Implikationen der Glücksökonomie gehen aber weit über solche Einzelbeispiele hinaus: Ein zentrales Ergebnis dieses Forschungszweigs lautet, dass die Menschen mit steigendem Wohlstand überhaupt nicht glücklicher geworden sind. Dieses nach dem US-Ökonomen Richard Easterlin benannte Paradox hat zum einen damit zu tun, dass uns materielle Güter oft nur kurze Zeit Freude bereiten. „Nach zwei, drei Wochen“, sagt Frey, „ist das Fahren im Maserati Gewohnheit.“ Vor allem aber hat das Easterlin-Paradox damit zu tun, dass Menschen sich mit anderen vergleichen: Sind die Grundbedürfnisse gedeckt, macht sie größerer Reichtum nur dann glücklicher, wenn sie auch relativ zu anderen reicher geworden sind. Daraus resultiert ein sinnloser Wettlauf – ein „Rattenrennen“, wie es im Englischen heißt: Wir arbeiten immer mehr, um uns immer mehr materiellen Wohlstand leisten zu können, der uns aber nicht glücklicher macht.

Einige Ökonomen haben daraus den Schluss gezogen, dass sich der Staat stärker einmischen sollte. Der Brite Richard Layard zum Beispiel plädiert für höhere Steuern auf Arbeitseinkommen und Konsum, um das Rattenrennen zu verlangsamen. Davon ist Frey weit entfernt. „Gegen den Staat als Glücksmaximierer hätte ich allergrößte Bedenken“, sagt er. Trotzdem könne der Staat einiges dazu beitragen, die Menschen glücklicher zu machen. So hat Frey herausgefunden, dass die Menschen dort glücklicher sind, wo Politik nah bei den Menschen ist und regelmäßig Volksbefragungen zu konkreten Fragen stattfinden. In Deutschland, so Frey, hätte eine so wichtige Entscheidung wie die Einführung des Euro „niemals ohne Volksbefragung“ getroffen werden dürfen.

Vielleicht kommen solche Erkenntnisse ja irgendwann bei der Politik an. Und vielleicht wird Frey eines Tages der erste Schweizer, der den Nobelpreis für Ökonomie gewinnt. Es würde ihn, der einen zufriedenen Eindruck macht, bestimmt noch glücklicher machen.

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