Der Ökonom: Grün, liberal, konservativ

Der Ökonom: Grün, liberal, konservativ

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Wilhelm Röpke (1899–1966) stritt für freien Wettbewerb und eine Dezentralisierung der Wirtschaft

Der Ökonom Wilhelm Röpke zählt zu den wichtigsten Vordenkern der sozialen Markt-wirtschaft – und ist heute mit seiner ökonomischen Morallehre aktueller denn je.

Ob Wilhelm Röpke heute CDU, FDP oder die Grünen wählen würde? Schwer zu sagen. Am ehesten darf man behaupten, dass er mit einer SPD Probleme hätte, die sich noch immer als Partei fortschrittlicher Gesellschaftsingenieure versteht. Nichts war Röpke mehr zuwider als der Gedanke an Kollektivismus und Zentralverwaltungswirtschaft. Aber sonst?

Als Ordnung der Wirtschaft kam für Röpke nur die Marktwirtschaft infrage, und das heißt „freie Preisbindung, Konkurrenz, Verlustrisiko und Gewinnchance, Selbstverantwortung, freie Initiative und Privateigentum“. Gleichzeitig gehörte er zu den frühesten Kritikern der kulturellen und ökologischen Folgen der Industriegesellschaft. Monopole und Machtballungen lehnte er ebenso ab wie sinnentleerte Fließbandarbeit und ein naturfernes Leben in Großstädten. Wenn der US-Soziologe Richard Sennett in seinem Bestseller „Handwerk“ den verlorenen Bezug des Arbeiters zu seiner Tätigkeit betrauert oder die Dienstleistungsgesellschaft erkennen muss, dass die überwunden geglaubte Proletarisierung eines Teils der Gesellschaft zurückzukehren droht, dann sind das aktuelle Themen, auf die Röpke Antworten fand. Für ihn war das noch möglich: ein grünliberaler Konservativer mit Sinn für die soziale Frage zu sein, ein neoliberaler Kapitalismuskritiker, ein ökonomisch denkender Naturschützer, ein antisozialistischer Anwalt des Proletariats. Vielleicht war er damit so etwas wie die personifizierte Vorwegnahme einer Jamaika-Koalition.

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Röpke wurde 1899 in Schwarmstadt am Südrand der Lüneburger Heide geboren und wuchs im bäuerlich-bürgerlichen Umfeld einer Landarztfamilie auf. Er studierte Staats- und Rechtswissenschaften, später Nationalökonomie, und wurde im Alter von 24 Jahren als damals jüngster Professor Deutschlands nach Jena berufen. Von Beginn an zeichnete er sich durch vulkanische Schaffenskraft, Unerschrockenheit und einen brillanten, die Öffentlichkeit suchenden Stil aus. Wie unbeirrt sein Denken war, zeigen seine frühen Warnungen vor dem Nationalsozialismus. 1933 beurlaubt und in den Ruhestand versetzt, emigrierte Röpke 1937 über Istanbul nach Genf, wo er bis zu seinem Tod 1966 lehrte.

Dezentralisation war der zentrale Begriff in Röpkes Denken. Aus ihm leitete er nicht nur eine wirtschaftspolitische Agenda, sondern eine ökonomische Morallehre ab. Dabei griff er weit über die ordnungspolitischen Grundsätze der Freiburger Schule hinaus. Keiner unter den Vätern der sozialen Marktwirtschaft hat die katholische Soziallehre, die Prinzipien von Personalität, Solidarität und Subsidiarität, so konsequent ins Ökonomische übersetzt wie er – und umgekehrt keiner die Marktwirtschaft so antitotalitär am „Individualprinzip“ ausgerichtet. Weil Röpke dem Christentum „die revolutionäre Tat“ zuschrieb, „die Menschen als Kinder Gottes aus der Umklammerung des Staates zu lösen“, war für ihn aus anthropologisch notwendigen Gründen klar, dass der Kollektivismus ein „Irrweg“ sei, „der uns nur immer weiter vom Ziele einer funktionierenden, gerechten und die Kräfte des Menschen entbindenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entfernt“. Die zerstörerischen Kräfte des Kollektivismus sah Röpke auch im Wirtschaftsliberalismus am Werk: „Effektenbörsen, Zins oder freie Devisenmärkte sind keine Endzwecke, für die es sich lohnte, auf die Barrikaden zu steigen“, konstatierte er. „Man kann sich sehr wohl eine liberale Gesellschaft vorstellen, die im Wesentlichen aus selbstgenügsamen Bauern besteht.“ Das Problem war, dass Röpke sich diese Welt der Selbstgenügsamkeit nicht nur vorstellen wollte, sondern dass sie sein romantisches Sehnsuchtsziel war. Am Ende musste er eingestehen, dass seine Lehre von einer Wirklichkeit überholt wurde, die ihn als Idealisten entlarvte: Eben weil seine Vorstellung von Wettbewerb und fairer Preisbildung auf dem ewiggültigen Prinzip der Menschenwürde fußte, hielt sie dem Realitäts-check nicht mehr stand.

Und doch schallt uns Röpkes „anthropologische Marktwirtschaft“ heute wieder allerorts entgegen. Wer sähe derzeit nicht die „Selbstzerstörungskräfte“ der freiheitlichen Ordnung am Werk, die Röpke fast noch mehr fürchtete als ihren sozialistischen Feind? Röpke hat die Gefahren des Wohlfahrtsstaates gewissermaßen vor seinem Erscheinen eindrucksvoll beschrieben: als „Stallfütterung durch den Staat“, der die Bevölkerung „widerstandslos“ mache gegen „Mythen, Programme und soziale Erlösungslehren“ – und der sie ihrer Personalität und Würde zu berauben drohe. Umgekehrt war es Röpke eben deshalb oberste Pflicht, die Menschen mit ausreichend Arbeit (und Geld!) zu versorgen, damit sie Eigentum bilden, für sich selbst (vor-)sorgen können. Den Sozialisten richtete er dieses aus: „Die Misere des Kapitalismus“ bestehe nicht darin, „dass die einen Kapital haben, sondern darin, dass die anderen es nicht haben“.

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