Der Ökonom: Kotlikoff: Kühler Apokalyptiker

Der Ökonom: Kotlikoff: Kühler Apokalyptiker

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Ein kleines Mädchen schaut nachdenklich aus einem Fenster in Berlin. Laurence Kotlikoff rechnet vor, welche Lasten künftigen Generationen aufgebürdet werden, wenn eine radikale Kurskorrektur ausbleibt.

Wir leben weit über unsere Verhältnisse. Laurence Kotlikoff rechnet vor, welche Lasten künftigen Generationen aufgebürdet werden, wenn eine radikale Kurskorrektur ausbleibt.

What did Dieter say?“ Laurence Kotlikoff traut seinen Ohren nicht. Obwohl seine Zeit als Austauschstudent in Nürnberg lange zurückliegt und sein Deutsch mächtig eingerostet ist, hat er den entscheidenden Begriff mitbekommen: Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus erläutert gerade seine Vision eines „bedingungslosen Grundeinkommens“, das jedem Bürger unabhängig von der Bedürftigkeit zustehen soll. Aus Kotlikoffs Sicht ist eine solche Ausweitung von Leistungen ein Ding der Unmöglichkeit: Eben noch hatte er auf der Konferenz über „Gerechte Generationenverträge“ erläutert, dass wir alle – ob Deutsche, Amerikaner oder Japaner – weit über unsere Verhältnisse leben. Dass wir Sozialleistungen kürzen müssen, statt sie auszuweiten, damit „uns allen der Laden nicht bald um die Ohren fliegt“.

Kotlikoff muss es wissen. Der Wirtschaftsprofessor der Universität Boston ist einer der führenden Finanzexperten der USA – und ein kühl rechnender Apokalyptiker. Anfang der Neunzigerjahre entwickelte er gemeinsam mit seinen amerikanischen Kollegen Alan Auerbach und Jagadeesh Gokhale die sogenannten Generationenbilanzen. Damit lässt sich prüfen, welche Finanzpolitik nachhaltig ist und wie sich finanzielle Belastungen auf verschiedene Generationen verteilen. Das Prinzip ist einfach: Für jeden durchschnittlichen Bürger der heute lebenden Jahrgänge wird ermittelt, was er in jedem Jahr seiner verbleibenden Lebenszeit an den Staat in Form von Steuern, Beiträgen und Gebühren abführen wird. Dem werden alle zukünftigen Leistungen, die er vom Staat erhält, gegenübergestellt: Sachleistungen etwa für Bildung und Gesundheit, aber auch monetäre Transfers wie Sozial- und Arbeitslosenhilfe oder Kindergeld. Diese Beträge werden saldiert, um so die Nettosteuerlasten einzelner Generationen bestimmen zu können.

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Kotlikoff und seine Kollegen entwickelten die neue Methode, weil die traditionelle öffentliche Haushaltsrechnung, etwa die Ermittlung des Budgetdefizits oder des Schuldenstands, in ihren Augen unzureichend ist. Das Raffinierte an den Generationenbilanzen ist nämlich, dass sie auch implizite Zahlungsverpflichtungen berücksichtigen, das sind etwa schwebende Ansprüche an die Sozialversicherungen. Eine Politik kann demnach als nachhaltig bezeichnet werden, wenn sie bis in alle Ewigkeit verfolgt werden kann, ohne die intertemporale Budgetrestriktion des Staates zu verletzen. Das heißt, die Nettosteuerzahlungen aller heute lebenden und zukünftigen Generationen müssen ausreichen, um die heute bestehende Staatsschuld zu tilgen. Sonst besteht eine „Nachhaltigkeitslücke“.

Und diese ist in Kotlikoffs Heimatland Amerika gigantisch – sie beträgt nach seinen Berechnungen sage und schreibe 70 Billionen Dollar (in Zahlen: 70.000.000.000.000) – das entspricht dem Sechsfachen des nationalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). „Die USA sind praktisch bankrott“, sagt er und zieht beängstigende Schlüsse: „Um alle versprochenen staatlichen Leistungen zu finanzieren, müssten unsere Kinder mindestens doppelt so hohe Steuer- und Abgabensätze erleiden wie wir heute.“

Auch in Deutschland sieht es nicht viel besser aus. Hierzulande liegt die Nachhaltigkeitslücke mit rund sieben Billionen Euro immerhin beim 2,8-Fachen des BIPs. Hauptursache sind die wachsenden Ansprüche der Bürger an die Gesundheitssysteme: Die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit wuchsen dies- und jenseits des Atlantiks weit stärker als das BIP pro Kopf. Für Deutschland bedeutet das: Ohne drastische Einschnitte und Reformen müssten die Sozialversicherungsbeiträge bis 2050 von derzeit rund 40 auf weit über 60 Prozent steigen, hat der Freiburger Wirtschaftsprofessor Bernd Raffelhüschen ausgerechnet. Er hat das Handwerkszeug zum Erstellen von Generationenbilanzen bei Kotlikoff gelernt.

Die Schlussfolgerungen sind immer die gleichen: Kosmetische Korrekturen wie die Rente mit 67 reichen nicht, krasse Kürzungen bei den Sozialleistungen oder drastische Steuererhöhungen müssten folgen – von der Unmöglichkeit einer Tagträumerei wie dem bedingungslosen Grundeinkommen ganz zu schweigen. Dass es jemals zu den nötigen Einschnitten kommt, hält Kotlikoff aber für unrealistisch. Er befürchtet daher die Rückkehr der Inflation: „Irgendwann werden die Regierungen einfach Geld drucken, um ihre Zahlungsverpflichtungen zu entwerten.“

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