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Der Ökonom: Rezessionen sind ein ökonomisches Naturgesetz

von Bert Losse

Rezessionen sind keine Katastrophe, sondern ein ökonomisches Naturgesetz – und eine Chance zum Neuanfang. Diese Erkenntnis haben wir Nikolai Kondratieff zu verdanken.

Wartende vor Arbeitsamt: Quelle: dpa
Wartende vor Arbeitsamt: Rezessionen sind laut Nikolai Kondratieff ein ökonomisches Naturgesetz Quelle: dpa
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Es ist der 7. September 1938, als Uniformierte den Häftling Nikolai Dmitrijewitsch Kondratieff vor ein russisches Militärtribunal zerren. Die Verhandlung ist kurz, das Urteil wird noch am selben Tag vollstreckt: Kondratieff wird erschossen. Das Verbrechen des langjährigen Leiters des Moskauer Konjunkturinstituts: Er hatte nachgewiesen, dass kapitalistische Wirtschaftssysteme nicht zwangsläufig zusammenbrechen, sondern sich in Krisen dank der Marktkräfte aus sich selbst heraus erneuern können. Das machte ihn in den Augen des kommunistischen Diktators Josef Stalin zum Konterrevolutionär.

Der 1892 geborene Kondratieff gilt heute als Pionier der Konjunkturtheorie. In aufwendigen empirischen Studien untersuchte er, wie sich über einen Zeitraum von rund 140 Jahren die Produktion, Preise, Zinsen, Löhne, Wertpapierkurse und Außenhandelsströme in England, Frankreich und den USA entwickelt hatten. Dabei entdeckte er einen immer wiederkehrenden langfristigen Zyklus, ein geradezu zwangsläufiges Auf und Ab der Wirtschaft im Zeitraum von 45 bis 60 Jahren.

Wie kommen diese langen Wellen zustande? Was sind ihre Bestimmungsfaktoren? Kondratieff sieht als wichtigste Antriebskraft eine systemimmanente Dynamik des Kapitalismus. Für den Ökonomen ist jede Produktionsweise irgendwann ausgereizt. Wenn Produktionsfaktoren knapper und teurer werden und die Gewinne der Unternehmen dauerhaft zurückgehen, beginnt ein makroökonomischer Suchprozess nach neuen Wachstumspotenzialen und Produktionsmethoden. Am Ende jedes großen Zyklus steht zwar zunächst eine große Rezession. Daran aber schließen sich sowohl fundamentale wirtschaftliche als auch gesellschaftliche und institutionelle Umwälzungen an, die einen Produktivitätssprung und neuen Aufschwung generieren.

Diese Theorie hat der Ökonom Joseph A. Schumpeter später verfeinert und den langen Wellen den Namen „Kondratieff-Zyklus“ verpasst. Heute lassen sich historisch fünf lange Wellen identifizieren, an deren Anfang stets eine wegweisende Basisinnovation stand. Dies waren zunächst Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrotechnik und chemische Synthese (siehe Grafik). Nach dem Zweiten Weltkrieg begann nach Ansicht vieler Ökonomen eine vierte Welle mit dem Vormarsch des Autos als Massenverkehrsmittel. Dieser Zyklus wurde in den Siebzigerjahren durch das Zeitalter der Informations- und Kommunikationstechnik abgelöst.

Und auf welcher Welle befinden wir uns jetzt? Für viele Ökonomen markiert das Platzen der New-Economy-Blase um die Jahrtausendwende das Ende des fünften Zyklus. Der renommierte US-Ökonom Robert Gordon warnt deshalb vor der Hoffnung, die US-Wirtschaft werde nach dem Ende der derzeitigen Wirtschaftskrise rasch wieder zu Wachstumsraten von drei bis vier Prozent wie in den vergangenen 15 Jahren zurückkehren. In empirischen Studien zeigt Gordon, dass die Produktivitätszuwächse durch den Einsatz von Computer und Internet immer geringer werden. Erst eine neue technologische Revolution könne die US-Wirtschaft wieder auf einen höheren Wachstumspfad hieven. Wissenschaftler wie Leo Nefiodow, Autor des Buches „Der sechste Kondriatieff“, sehen vor allem Branchen wie Gesundheit und Biotechnologie als möglichen Träger eines neuen Zyklus, da dort enorme Produktivitätsreserven schlummerten.

Die vergangenen Jahrhunderte haben aber auch gezeigt, dass lange Kondratieff-Zyklen unstet verlaufen und von kurzfristigeren konjunkturellen Schwankungen durchzogen sind. Forscher haben drei weitere – kürzere – Zyklen identifiziert. Der nach dem US-Nobelpreisträger Simon Kuznets benannte Kuznets-Zyklus umfasst 15 bis 20 Jahre. Der Juglar-Zyklus dauert zwischen sieben und zwölf Jahre und der Kitchin-Zyklus zwischen drei und fünf Jahre. „Was wir derzeit in den USA erleben, ist das Ende eines Juglar-Zyklus“, sagt Ökonom Nefiodow. Die Rezession komme spätestens Ende 2008 und werde mit Verzögerung auch Deutschland treffen. Bleibt zu hoffen, dass danach der sechste Kondratieff schnell an Tempo gewinnt.

16 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.02.2009, 09:57 UhrAnonymer Benutzer: Ralf

    Wenn die Auftragsbücher voll sind dann lässt die auch die Motivation für Forschung, innovationen für die Zukunft und Optimierung der organisatorischen Strukturen nach. Dann kommt der Punkt, wo ein Stillstand der Entwicklung erreicht ist, welcher letztendlich zu der so gennanten "Rezession" führt. An diesem Punkt steht auch wieder jeder Unternehmer unter dem Druck von Veränderungen. Leider fehlt den meisten in diesem Moment das Kapital um eine nötige Umstrukturierung des eigenen Firma zu vollziehen. Es kommt zu einer insolvenz und auch einer bereinigung im Markt. Verlieren werden immer die Unternehmer und Konzerne, die Gewinne aufteilen und nicht rechtzeitig in neue Technologien und Optimierungen investieren. Das beste beispiel hierzu ist die Automobilindustrie. Technologie war dort vorhanden aber man hat bewusst die Gewinne großzügig verteilt. Das hat nichts mit ökonomischen Naturgesetzen zu tun, sondern mit modernen Raubrittertum. Rezession ist in der heutigen Zeit ein Ergebnis von mangelnder Auffassung an Verantwortung und Weitsicht.

  • 13.11.2008, 11:40 UhrAnonymer Benutzer: Breadspider

    Man mag über den Artikel und den Kommentaren denken was man will, doch der letzte Satz in dem bericht ist eingetroffen. Wir haben Ende 2008 und eine Rezession.

  • 14.10.2008, 17:10 UhrAnonymer Benutzer: S. Skrutator

    Obwohl ich bei dem "Kondratieff-Zyklus" westliche, vieleicht sogar entscheidende Faktoren vermisse stimme ich dem begriff „Zyklus“ zu. Eigenartigerweise fehlen bei dieser betrachtungsweise alle „Umweltbedingungen“. Diese bedingungen haben die Welt geprägt und nachhaltig verändert. Wie wurden die Faktoren 1. Krieg, 2. Kommunismus (Kalter Krieg) und für die Neuzeit 3. börsen und banken in die Zyklusdauer integriert. börsen und banken binden große Mengen an Kapital. Ein großes binden des Kapitals ist eine „unnatürliche“ Veränderung des tatsächlichen Marktes und es wird sich zeigen, ob diese Stützung des „Geldes“ für die produktive Wirtschaft einen wesentlichen Nutzen hat. ich bezweifle diesen Nutzen, da in vielen bereichen die Sättigungsphase der Produkte schon weit überschritten ist. Die Rezession ist daher meines Erachtens kein Naturgesetz sonder ein bewusstes nicht beachten des Produktlebenszykluses.

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