Deutsche Wirtschaft: Können wir dem Aufschwung trauen?

ThemaKonjunktur

Deutsche Wirtschaft: Können wir dem Aufschwung trauen?

Bild vergrößern

Angela Merkel (Mitte links) und der indische Premierminister Narendra Modi (links) bekommen von den Siemens-Vorständen Joe Kaeser (mitte-rechts) und Klaus Helmrich (rechts) einen frisch produzierten Parfumflakon gezeigt.

von Tim Rahmann, Nora Jakob und Sebastian Schaal

Die deutsche Wirtschaft feiert sich und geht von steigendem Wachstum aus. Analysten verweisen auf den schwachen Euro und das billige Öl – sowie einen Aufschwung in Südeuropa. Doch Vorsicht ist geboten.

„Angelas Dream“ wird wohl ein Einzelstück bleiben. Beim traditionellen Rundgang über die Hannover Messe führte Siemens-Chef Joe Kaeser stolz Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, wie in seiner Vision die Produktion der Zukunft aussehen wird. Mit der vollautomatischen Produktionsanlage auf dem Messestand füllte Kaeser mitten in der Massenherstellung ein individuelles Parfüm-Fläschchen für Merkel ab – „Angelas Dream“. Intelligente und vernetzte Maschinen machen diese Flexibilität möglich.

Die Hannover Messe ist für Mittelständler und Konzerne aus aller Welt ein Schaulaufen der Techniken von morgen und übermorgen. Roboter, die Hand in Hand mit den Menschen arbeiten. Werkstücke, die der Maschine sagen, was zu tun ist. Besonders die Maschinenbauer – mit gut einer Million Beschäftigten die Branche mit den meisten Arbeitsplätzen in Deutschland noch vor Auto- und Chemieindustrie – rechnen mit kräftigem Rückenwind durch das Zusammenwachsen von Produktion und IT. Bis 2018 könnten dadurch 10.000 neue Jobs entstehen, sagte der Präsident des Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge.

Anzeige

Die deutsche Wirtschaft strotzt vor Selbstvertrauen. Mittel- wie kurzfristig. So überraschte es auf der Hannover Messe niemanden, dass der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) seine Konjunkturprognose deutlich angehoben hat. Die Wirtschaftsvertreter rechnen im laufenden Jahr nun mit einem Wirtschaftswachstum von zwei Prozent. „Der niedrige Ölpreis, der günstige Wechselkurs und der starke private Konsum treiben die Konjunktur an“, erklärt BDI-Präsident Ulrich Grillo. Zuletzt hatte der BDI ein Wachstum von rund 1,5 Prozent erwartet. Ende März hatten auch die fünf „Wirtschaftsweisen“ ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum für 2015 auf 1,8 Prozent angehoben.

Können wir dem Aufschwung trauen?

Sind die Konjunkturaussichten tatsächlich derart rosig? Wahr ist: Der Einbruch des Ölpreises und der niedrige Euro wirken wie ein Konjunkturpaket für die deutsche Wirtschaft. Vor allem weil günstiges Tanken und Heizen den Verbrauchern Spielraum für zusätzliche Ausgaben lässt – und der Binnenkonsum ungebremst stark ist. Die Stimmung der Konsumenten ist nach Berechnungen der GfK-Marktforscher derzeit so gut wie seit mehr als 13 Jahren nicht mehr.

Das spricht für eine anziehende Konjunktur

  • Niedriger Euro - billiges Öl

    Der Einbruch des Ölpreises und der niedrige Euro wirken wie ein Konjunkturpaket für die Wirtschaft. Vor allem günstiges Tanken und Heizen lässt den Verbrauchern Spielraum für zusätzliche Ausgaben. Die Stimmung der Konsumenten ist nach Berechnungen der GfK-Marktforscher derzeit so gut wie seit mehr als 13 Jahren nicht mehr. Viele Unternehmen werden auf der Kostenseite entlastet. Ihnen spielt zudem der billige Euro in die Karten, der die Exporte nach Übersee günstiger macht. Dies dürfte sich nach Ansicht von Experten künftig auch stärker in den Außenhandelszahlen niederschlagen.

    Quelle: Reuters

  • Guter Arbeitsmarkt

    2015 dürfte es wieder einen Beschäftigungs-Rekord geben. Zudem sank die Zahl der Arbeitslosen im vorigen Monat auf 2,93 Millionen - dies ist die geringste Arbeitslosigkeit in einem März seit 1991. "Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist sehr, sehr gering", sagt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit. Die Jobsicherheit schiebt - zusammen mit niedrigen Zinsen und höheren Löhnen - den Konsum der Deutschen an.

  • Krisenländer holen auf

    Nach Jahren der Rezession geht es in vielen ehemaligen Krisenstaaten wieder spürbar bergauf - allen voran in Irland und Spanien. Auch Portugal und Griechenland kommen besser in Schwung. Davon könnte Deutschland als Exportnation profitieren.

Insgesamt gilt: Da die Gewinner des Preisrückgangs, die Verbraucher, einen höheren Ausgabe-Multiplikator haben, als die Verlierer, nämlich die Ölproduzenten, ist der Netto-Effekt für die Weltwirtschaft positiv. Vor allem die Länder der Euro-Zone profitieren; Deutschland ebenso wie Österreich oder Estland.

Selbst in Südeuropa hellt sich nach Jahren des Verzichts die Stimmung spürbar auf – nicht nur aufgrund von Euro-Kurs und Ölpreisrutsch. „In den Krisenländern der Euro-Zone gab es mehr Strukturreformen auf den Arbeits- und Produktmärkten als gemeinhin angenommen“, sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Spanien, Irland und Portugal zeigen, dass der Reformkurs erste und teils schon durchaus ansehnliche Erfolge bringt.“

Das könnte die Konjunkturerholung bremsen

  • Krisen in Griechenland und Russland

    Die Schuldenprobleme Griechenlands und der Konflikt zwischen Russland und dem Westen bleiben Unsicherheitsfaktoren für die deutsche Konjunktur. Denn ein Eskalieren der Griechenland-Krise mit einem Ausstieg aus dem Euro dürfte für Turbulenzen an den Finanzmärkten sorgen und Investoren verschrecken. Zudem brechen die deutschen Exporte nach Russland wegen der westlichen Sanktionen immer stärker ein. Die Warenausfuhren sanken im Januar um rund 35 Prozent - einen stärkeren Rückgang gab es zuletzt im Oktober 2009.

  • Wichtige Absatzmärkte USA und China schwächeln

    In den beiden größten Volkswirtschaften läuft es derzeit nicht so rund wie von vielen erhofft. "Seit Jahresbeginn haben viele US-Konjunkturdaten enttäuscht", sagt Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Dafür seien vor allem der strenge Winter verantwortlich und Streiks bei Hafenarbeitern an der Westküste. Dies habe die Baubranche gebremst und die Industrie belastet. Die Commerzbank geht zwar davon aus, dass die US-Konjunktur im Frühjahr wieder in Schwung kommt, senkte aber ihre Wachstumsprognose für die USA auf 2,8 von 3,2 Prozent.

     

    Zudem kühlt sich die chinesische Wirtschaft zunehmend ab. Von Reuters befragte Experten gehen davon aus, dass sie zwischen Januar und März binnen Jahresfrist um sieben Prozent gewachsen ist - dies wäre so wenig wie seit rund sechs Jahren nicht mehr.

  • Investitionsschwäche

    Trotz der extrem niedrigen Zinsen kommen die Investitionen der Unternehmen kaum in Gang. Viele Firmen halten sich wohl auch wegen der vielen geopolitischen Risiken und internationalen Konflikten mit Ausgaben eher zurück. "Die Investitionen dürften - angesichts eingetrübter Absatzperspektiven auf den Exportmärkten und weiter hoher globaler Konjunkturrisiken - nur vergleichsweise moderat zulegen", sagt der Konjunkturchef des Berliner DIW-Instituts, Ferdinand Fichtner.

Spanien wird in diesem Jahr nach Prognosen der EU-Kommission um 2,3 Prozent wachsen, im kommenden Jahr gar um 2,5 Prozent. „Spanien dürfte konjunktureller Spitzenreiter in der Euro-Zone sein“, unterstreicht Ulrike Kastens, Analystin Volkswirtschaft bei Sal. Oppenheim. Insgesamt aber rechnet sie nur mit einem BIP-Zuwachs in der Euro-Zone von 1,3 Prozent. Der Grund: „Frankreich und Italien bleiben Sorgenkinder.“

Der Aufschwung in Europa, er ist uneinheitlich. Insbesondere Frankreich schwächelt – der größte und wichtigste Außenhandelspartner Deutschlands. Momentan geht Paris noch von einem Wachstum von 1,0 Prozent in diesem Jahr aus – doch diese Zahlen könnten zu optimistisch sein.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%