Die Freytags-Frage: Was können die Instrumente der Spieltheorie?

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Die Daseinsberechtigung des Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ist umstritten- zu recht?

Kolumne von Andreas Freytag

Lloyd Shapley und Alvin Roth haben den Wirtschafts-Nobelpreis erhalten - und der Spieltheorie und der experimentellen Ökonomik zu neuer Popularität verholfen. Zu Recht?

Immer wieder wird angemerkt, der „Preis für Wirtschaftswissenschaften der Schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel“, in Kurzform etwas unpräzise auch als der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bezeichnet, sei überflüssig, schließlich sei die Ökonomik keine harte Wissenschaft. Und überhaupt zeigten ja die jüngsten Krisen, dass die Ökonomik keine eindeutigen Antworten auf drängende Fragen und deshalb keine klaren Lösungen geben könne. Deshalb brauche man sie eigentlich nicht. Dies stellen vor allem Politiker immer wieder fest.

Alles richtig und alles Unsinn! Natürlich kann eine Sozialwissenschaft wie die Ökonomik keine harte Wissenschaft sein. Sie kann es deshalb nicht sein, weil das menschliche Verhalten zu komplex ist, um mit Experimenten unter Laborbedingungen für alle möglichen Situationen klare und eindeutige Voraussagen zu treffen. Um bei der Krise zu bleiben: Wer hätte denn geglaubt, dass sich europäische Wirtschaftspolitiker dazu hinreißen lassen, sämtliche Regeln des Europäischen Vertragswerks zu umgehen und ihre Entscheidungen volatil und unberechenbar zu machen. Wenn man also das menschliche Verhalten in ein Modell einspeisen will, muss man diesem viel Spielraum einräumen; dies gilt gerade in der Theorie der Wirtschaftspolitik!

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Das gerade ist die Stärke der Arbeiten der beiden Nobelpreisträger Lloyd Shapley und Alvin Roth. Sie haben die Bedingungen analysiert, unter denen Menschen kooperieren und konkurrieren. Prof. Shapley hat – mit mathematischen Methoden – das Kooperationsverhalten in Situationen mit bisweilen ungleich verteilten Gewinnen oder Stimmrechten untersucht. Wer sich mit dem Abstimmungsverhalten innerhalb der Europäischen Union beschäftigt, kann dabei den Shapley-Shubik-(Macht)-Index verwenden um herauszuarbeiten und zu verstehen, wie sich einzelne Ländervertreter verhalten. Das hat praktische Relevanz und erlaubt recht gute Prognosen von Abstimmungen in der EU.

Erforderliche Machtfreiheit

Diese eher positive Theorie hat Prof. Roth dazu veranlasst, konkrete Märkte zu analysieren und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten, die ebenfalls eine hohe praktische Relevanz haben. Zumal es sich auch um Märkte handelt, die auf den ersten Blick gar keine sind, weil auf ihnen kein Geld als Tauschmittel verwendet wird. So hat Roth Zuteilungsmechanismen für junge Ärzte zu Kliniken und für angehende Schüler zu Schulen vorgeschlagen, die mit Erfolg umgesetzt wurden. Auch für den Organhandel hat er Lösungen gefunden. Gerade im letzten Fall zeigt sich eindrucksvoll, dass die Ökonomik Beiträge zu Problemen hat, bei denen Sensibilität in ethischen Fragen auf konkret existierende Knappheit trifft und Machtfreiheit erforderlich ist.

Dabei haben die beiden Wissenschaftler sich die Instrumente der Spieltheorie sowie der experimentellen Ökonomik zunutze gemacht, also zweier Ansätze, die Menschen als strategisch denkende Akteure sehen, die miteinander über Preise verhandeln, politische Kompromisse aushandeln oder ein gemeinsames Ziel wie den Klimaschutz anstreben. Dabei wird der einzelne die Aktionen seines Gegenübers in seine Überlegungen einbinden und so die beste Lösung für sich selber finden. Die experimentelle Ökonomik zeigt dabei auch, dass ein gewisser Grad an Fairness je nach Entscheidungssituation und Umfeld eher die Regel als die Ausnahme menschlichen Verhaltens ist.

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Nicht immer hatte die Königliche Akademie der Wissenschaften in Stockholm ein so glückliches Händchen wie am Montag. Die aktuelle Wahl zeigt das enorme Potential und die Vielfalt der Wirtschaftswissenschaften auf. Es sind nicht nur die Modelle mit der Annahme vollständig rationaler Akteure und permanenter Markträumung, die die Ökonomik kennzeichnen. Im Gegenteil, derartige Modelle sind eher randständig – zumindest für die Erklärung der Welt und zur politischen Orientierung. Mit theoretisch fundierten praktikablen Lösungen zu kleineren oder größeren Problemen können Wirtschaftswissenschaftler wie Lloyd Shapley und Alvin Roth nicht nur ihre Daseinsberechtigung belegen sondern auch für ihre Wissenschaft eine angemessene Würdigung mit entsprechenden Preisen einfordern. Der „Wirtschafts-Nobelpreis“ ist berechtigt und notwendig!

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