Eingriff der Notenbanken: Die nächste Dosis

Eingriff der Notenbanken: Die nächste Dosis

, aktualisiert 30. November 2011, 18:50 Uhr
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Quelle:Handelsblatt Online

Milliardensummen haben die Zentralbanken in die Märkte gegeben, um den ausgetrockneten Geldmarkt wiederzubeleben. Die Banken bekommen so den Stoff zum kurzfristigen Überleben - doch die Krankheit bleibt.

DüsseldorfWeltweit abgestimmt haben wichtige Zentralbanken in der Euro-Schuldenkrise für eine Atempause gesorgt. Notenbanken wie die Federal Reserve in den USA und die EZB in Europa erleichtern Währungsgeschäfte untereinander, um Finanzierungsengpässe bei Banken und damit auch bei Unternehmen zu verhindern.

Die psychologisch wichtige Maßnahme - eine Art Zeichen internationaler Solidarität in der Krise - beflügelte die Börsen. Der deutsche Leitindex Dax übersprang die Marke von 6000 Punkten deutlich und lag zwischenzeitlich mehr als fünf Prozent im Plus. Auch die Wall Street in New York sah deutlich steigende Kurse.

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Doch angesichts der weiterhin ungelösten Probleme in der Euro-Schuldenkrise ist die Gefahr groß, dass die Wirkung auch dieser spektakulären Radikalmaßnahme der Notenbanken rasch wieder nachlässt und bald schon die nächste Dosis fällig wird. „Der Markt mag Liquidität", kommentierte Guiseppe Amato von Lang & Schwarz den Eingriff in den Geldmarkt. "Allerdings muss man abwarten, ob sich die Lage am Interbankenmarkt entspannt", sagte Amato. "Denn dies ist nur ein Herumlaborieren am Symptom, fundamental ändert sich nichts." Die Politiker müssten jetzt liefern. "Das Zeitfenster schließt sich immer schneller." Bislang sei kaum etwas von dem umgesetzt, was angekündigt worden sei, kritisierte der Ökonom.

Die Einschätzungen Amatos kommen nicht von ungefähr. In der Euro-Zone wächst tatsächlich die Angst vor dem nächsten Paukenschlag an den Finanzmärkten. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy forderte in Brüssel eindringlich eine „systemische“ Antwort der Euro-Staaten auf die inzwischen systemische Krise. „Wir haben eine handfeste Vertrauenskrise“, sagte er. EU-Währungskommissar Olli Rehn zufolge läuft der Countdown: In den nächsten zehn Tagen müsse eine Lösung der Krise gefunden werden.

Die EZB kauft seit Monaten Staatsanleihen von Krisenländern in überschaubarem Umfang auf, um die Kurse zu stürzen. Kritiker befürchten, dass eine massive Ausweitung dieses Programms mittelfristig die Inflation anheizen würde. Hauptaufgabe der EZB ist die Preisstabilität, allerdings unterstützt sie laut den EU-Verträgen auch „die allgemeine Wirtschaftspolitik“ in der Union. Unmittelbare Ankäufe von Staatsanleihen, zum Beispiel bei Neuemissionen, sind ihr jedoch untersagt.
FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle forderte ein Ende der Käufe. „Die EZB muss raus aus diesem Geschäft“, sagte er am Mittwoch in Berlin. „Man kann es rechtfertigen, solange es kein anderes Instrument gab, dass man in Notsituationen auch handeln muss.“ Dieses Instrument sei nun aber mit dem Rettungsfonds EFSF gegeben. „Die Notenbank muss sich zurücknehmen. Alles andere halte ich für nicht vertretbar."


Die Banken vertrauen einander nicht mehr

Mit der konzertierten Aktion helfen die Notenbanken europäischen Geldhäusern. Diese haben es zunehmend schwer, an Dollar-Liquidität zu kommen, die sie für ihre internationalen Geschäfte brauchen. Normalerweise beschaffen sie sich diese auf dem so genannten Interbankenmarkt, auf dem sich Banken gegenseitig Geld leihen. Die Verwerfungen in der Schuldenkrise haben diesen Markt allerdings fast ausgetrocknet. Das Vertrauen der Banken untereinander ist radikal gesunken. Einige europäische Institute kommen deshalb nur noch schwer an Dollar-Mittel, andere erhalten von US-Banken gar kein Geld mehr.

Beteiligt waren neben der EZB und der Fed auch die Zentralbanken Japans, Großbritanniens, Kanadas und der Schweiz. Ziel sei es, dem weltweiten Finanzsystem mehr flüssige Mittel zur Verfügung zu stellen und damit Spannungen an den Märkten abzubauen, hieß es bei der EZB.

Um noch schwerere Verwerfungen zu verhindern, springen deshalb die Notenbanken ein. Die EZB zum Beispiel versorgt die europäischen Banken mit Dollar-Liquidität. Diese beschafft sie sich über einen Devisentausch (Swap) bei der US-Notenbank Fed. Ein entsprechendes Abkommen haben die Zentralbanken schon vor einigen Wochen getroffen. Heute wurde es bis Februar 2013 verlängert.

Umsonst gibt es das Geld von der Notenbank nicht. Die Fed verlangt für den Swap einen Zinssatz. Als Maßstab gilt hier der Overnight Index Swap, das ist der Zinssatz, zu dem sich Banken in den USA über Nacht Geld leihen. Auf diesen Index schlägt die Notenbank noch etwas drauf. Dieser Aufschlag betrug bisher 100 Basispunkte, jetzt wird er auf 50 Basispunkte gesenkt. Die Banken kommen damit nicht nur leichter, sondern auch billiger an frische Dollar-Mittel.

„Letztlich ist es eine Hilfe für das europäische Bankensystem“, sagte der Volkswirt Klaus Adam von der Universität Mannheim. Die Banken hätten in der letzten Zeit Schwierigkeiten gehabt, sich in Dollar zu refinanzieren, weil ihre in Euro laufenden Wertpapiere von der Gegenseite zunehmend nicht mehr als Sicherheiten akzeptiert worden seien. Die Amerikaner versprechen sich nach Adams Einschätzung eine Stabilisierung der europäischen Banken.

Die konzertierte Stützungsmaßnahme der Notenbanken weist deutliche Parallelen auf zu den Rettungsaktionen während der ersten Bankenkrise vor drei Jahren. Auch damals hatten die Zentralbanken in einer gemeinsamen Aktion mit Milliardensummen die Märkte geflutet. Zunächst hatten sie im März 2008 den Banken günstig Dollar zur Verfügung gestellt um den völlig ausgetrockneten Geldmarkt wiederzubeleben. Nachdem sich mit mit Pleite der US-Investmentbank die Krise verschärft hatte, wiederholten sie die Maßnahmen im September 2008. Damals hatte allein die Fed 180 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt.


"Das ist eine Lösung von gestern"

In den vergangenen Tagen hatte es bereits Spekulation über eine aktivere Rolle der EZB in der Schuldenkrise gegeben. Eine Ankündigung, unbegrenzt Staatspapiere von Euro-Krisenländern aufzukaufen, gilt als schärfste Waffe der Notenbank, ist aber im EZB-Rat bisher nicht mehrheitsfähig und wird unter anderem von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann strikt abgelehnt. Volkswirte sind bei dem Thema uneins.

Die Euro-Finanzminister brachten die neuen Instrumente zur Verstärkung des Rettungsfonds EFSF endgültig auf den Weg. Doch an den Finanzmärkten wird die Krisenabwehr der Euro-Zone nicht mehr ernst genommen. Auch ein stärkeres Engagement des Internationalen Währungsfonds (IWF) bleibt EU-Kreisen zufolge eine unausgegorene Idee. Der Hilferuf an die Europäische Zentralbank (EZB) wird deshalb lauter.
Mit Italien droht die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone immer stärker in den Sog zu geraten: Italien habe mit dem IWF erste Gespräche über ein 400-Milliarden-Euro-Kreditpaket gesprochen, von dem der IWF ein Viertel übernehmen und der Rest von den Zentralbanken der Euro-Länder kommen solle, sagten mehrere mit dem Vorgang Vertraute Reuters in der Nacht zu Mittwoch.

Der EFSF kann ab Dezember bei Rettungsaktionen ein neues Anreizinstrument einsetzen, um seine Mittel um Kredite privater Investoren zu ergänzen - die Teilabsicherung von Verlusten bei Anleihen. Ab Januar ist auch die kompliziertere Ko-Investmentgesellschaft nutzbar. Wie stark die verfügbare Kreditbasis des EFSF von 250 Milliarden Euro gehebelt werden kann, hängt vom Interesse der Investoren ab.

Mehrere Finanzminister räumten ein, dass sie nicht mehr mit einer Vervier- oder Verfünffachung der EFSF-Mittel rechnen, sondern allenfalls dem Faktor drei. Mit vielleicht nur 750 Milliarden Euro hätte der Fonds viel zu wenig Munition, um gigantische Rettungsaktionen für die unter Beschuss stehenden Schwergewichte Italien und Spanien zu stemmen. Von einer Sprengkraft über einer Billion Euro traut sich keiner mehr zu reden.

An den Finanzmärkten stiegen die Anleihen auf italienische und spanische Anleihen weiter. Die Krisenabwehr der Euro-Zone wird zunehmend skeptisch gesehen. Die Analysten der Rabobank gaben zu bedenken, der EFSF müsse inzwischen deutlich höhere Zinsen für seine Anleihen bieten als Deutschland, habe bei seiner letzten Auktion Mühe gehabt, die erwünschte Summe einzusammeln und gerate außerdem unter Druck, falls Frankreichs Bestnote fallen sollte. „Das stellt sämtliche Pläne zum EFSF in Frage. Das ist eine Lösung von gestern, die Märkte sind schon weiter“, hieß es in dem Kommentar der Bank.

„Das Hauptaugenmerk liegt weiter auf der Frage, woher das Geld kommt", gab Junya Tanase, Chef-Devisenstratege von JPMorgan Chase in Tokio, mit Blick auf die jetzige Zentralbanken-Intervention zu bedenken. Hierzu habe es keine neuen Informationen gegeben. "Schlussendlich hängt alles davon ab, ob sich die EZB stärker in der Schuldenkrise engagiert, da sie der einzige belastbare Geldgeber ist“, ist sich Tanase sicher.

Quelle:  Handelsblatt Online
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