Essay: Depression!

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Straßenszene während der Wirtschaftskrise 1929 in New York

Vertrauenskrise, Kreditklemme, hilflose Eliten: Die Parallelen zwischen 1929 und 2009 sind frappierend. Wie Gustav Stolper im „Deutschen Volkswirt“ vor 80 Jahren die Lage sah.

Über der Wirtschaft liegt eine Depression. Noch nie seit 1923 hat das deutsche Volk so tief unter dem Gefühl gelitten, dass das Staatsschiff steuerlos dahintreibt. Es ist ein traurig glanzloses Regime, dem die deutschen Geschicke anvertraut sind. Das fühlt die Masse. Sie ist der Parteiparolen allzu müde, und sie leistet daher auch keinen Widerstand einer Agitation, die mit nicht ungeschickter Regie den brachliegenden metaphysischen Trieb der Masse für ihre radikalen Zwecke zu wecken und zu nutzen weiß. Man kann die Ziele dieser Agitation verwerfen, man kann sie für gefährlich und verderblich halten – diese Agitation wird, sie mag von der äußersten Rechten oder von der äußersten Linken kommen, wenigstens von einer Leidenschaftlichkeit des Wollens getragen, die die minder Urteilsfähigen mitreißt, die kein warmes, glanzvolles Wort der Regierenden, kein klares Zielstreben der Verantwortlichen, keine Leidenschaft eines echten staatlichen Ideals erhält.

Dieses Regime hat kein Glück. Es schreitet nicht von Misserfolg zu Misserfolg, aber es hat bisher keine der großen Aufgaben, die ihm gestellt waren, zu lösen vermocht. Die Lage der Reichsfinanzen ist heute schlimmer als je seit 1924. Von großen inneren Reformen ist keine in Angriff genommen. Kleine, wie die von den Reichsfinanzen erzwungene Reform der Arbeitslosenversicherung, sind noch nicht einmal in den monatelangen Verhandlungen zu mühsamem Kompromiss gediehen. In der Handelspolitik ist die Spannung mit den Nachbarn größer als je. Hier wie überall fehlt es an klaren Zielen und klaren Wegen. Doch es ist nicht nur der völlige Mangel an politischer Führerschaft, der die Denkenden deprimiert und die Volksteile, die nicht rational, sondern gefühlsmäßig bestimmt sind, dem Radikalismus zutreibt, es sind ebenso die Gründe der rein wirtschaftlichen Sphäre, in denen die Depression dieser Tage wurzelt. Das Vertrauen hat in kurzen Abständen furchtbare Schläge erlitten.

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Gewiss, Großbanken und Großindustrie bekommen im Ausland wieder so viel Geld, wie sie wollen, wenn sie hinreichend hohe Zinsen bieten. Aber man ist zurückhaltender geworden. In wachsendem Maß zeigen die Banken und noch mehr die großen Privatbankiers das Bedürfnis, die eingefrorene Schuldnermasse zum Auftauen zu bringen. Man übt äußerste Zurückhaltung bei neuen Geschäften, man dehnt das Kreditvolumen nur aus, wo es unbedingt sein muss, man sucht Kredite einzutreiben, wo man irgendwie kann.

Die Schwerindustrie ist nicht bedroht. Umso schwerer lastet der Druck auf der viel breiteren und gesamtwirtschaftlich wichtigeren Schicht von mittleren und kleineren Unternehmungen der verarbeitenden Industrie und des Handels. Man horche ein wenig in dieser Masse der Unternehmerschaft herum, die nicht im Vordergrund des öffentlichen Interesses zu stehen pflegt, weil sie nicht von Terminpapieren der Berliner Börse repräsentiert wird, und man findet, dass hier die Depression von nackter Verzweiflung nicht mehr weit entfernt ist.

Die Entwicklung der letzten Monate wäre anders gelaufen, wenn nicht an allen Ecken und Enden die Kapitalnot die Bewegungsfreiheit lähmte. Ihr Ausdruck ist vor allem der schwere Verfall der Börse. Der Misserfolg der gehäuften Anleihen von einem halben Dutzend Großstädten findet sein Gegenstück in der akuten Insolvenz von einigen Kleinstädten. Man weiß, dass die Finanznot der Städte fast allgemein ist. Sie sind mit schweren Wechsel- und sonstigen kurzfristig schwebenden Schulden belastet, die von einem Termin zum anderen prolongiert werden, mit der Wirkung, dass die ganze Kreditorganisation unter dieser Last stöhnt und sich immer härter gegen die Kreditbedürfnisse von Industrie und Handel sperren muss.

Aber wie will man eine Wirtschaft von den Dimensionen der deutschen aufrechterhalten, wenn Reich und Kommunen kreditunfähig geworden sind, ihre ungeheuren schwebenden Schulden nicht abtragen können? Wie will man es abwenden, dass die Depression zur schwersten Krise wird, wenn nicht der Wille erwacht, das Übel an seiner Wurzel zu fassen, dem politischen und wirtschaftlichen Leben Deutschlands die Atmosphäre zu schaffen, in der es freier atmen kann?

Wir sind weit entfernt davon, den Vorwurf nur gegen die Regierung zu richten, obwohl das demokratische Prinzip sie allein mit der letzten Verantwortung belastet. Der Vorwurf richtet sich gegen die Führer der Wirtschaft in gleichem Maß. Es ist leicht, Kritik zu üben und alle Schuld von sich auf andere abzuwälzen. Noch haben Industrie und Banken und Gewerkschaften Zeit zur Besinnung. Aber nicht mehr lange! Denn alles Bekenntnis zum heutigen Staat rettet nicht ein System, das dem Untergang entgegentreibt, wenn Politik und Wirtschaft länger führerlos bleiben.

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