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Essay: Ökonomen verstehen nichts von Wirtschaft

von Dieter Schnaas

Die Volkswirtschaftslehre hat sich mit Modell-Mathematik und Alltagspsychologie von der Wirklichkeit entkoppelt. Sie braucht stattdessen ein neues Selbstverständnis und muss sich den Geisteswissenschaften öffnen.

Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.

Vor ein paar Wochen haben 250 Professoren der Ökonomie „mit großer Sorge“ zum Protest gegen die Euro-Politik der Bundesregierung aufgerufen. Das Manifest, das vor einer europäischen Bankenunion und vor Finanzhilfen an Geldinstitute in „südlichen Ländern“ warnt, ist eine Grabrede auf die Volkswirtschaftslehre. Es spielt mit nationalen Ressentiments und verrührt das Unbehagen am Großkapital mit dem Einmaleins der Ordnungspolitik. Seither wissen wir: Das Produkt aus rechts und links und liberal ist ziemlich schrill und radikal. Keine Rettung von Spekulanten auf Kosten der Steuerzahler! Keine Haftung für Bankschulden! Keine Sozialisierung von Marktrisiken zulasten von Sparern! Mit solchen Forderungen macht man mächtig Quote, aber keinen Eindruck. Im Gegenteil: Wenn es das Ziel der Ökonomen war, die wirtschaftswissenschaftliche Debatte auf das Niveau von Sahra Wagenknecht (Linke) zu heben, so ist ihnen das glänzend gelungen. Mit dem feinen Unterschied, dass Wagenknecht „der Wall Street“ und „der City of London“ schon vor zehn Jahren die Zähne gezeigt hat, als die meisten Ökonomen die Fahne der Finanzmarkt-Deregulierung gar nicht hoch genug hissen konnten. Und auch die Systemrelevanz von „maroden Bankhäusern“ hat die Marxistin schon 2008 bezweifelt, also lange bevor nun auch die Fachwelt ein paar Geldinstitute ausfindig gemacht hat, an denen sie ein ordoliberales Exempel statuieren will.

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Prof. Dr. Walter Krämer, leitet das Institut für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der TU Dortmund und hat den Protestbrief initiiert. Seine Begründung: "Viele wissen gar nicht, auf was wir uns da einlassen. In zehn oder 15 Jahren müssen wir unser Rentensystem plündern, um irgendwelche maroden Banken zu retten - oder was noch schlimmer wäre, die Notenpresse anwerfen."

Bild: Pressebild

Ökonomen als Cheftautologen

Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte darüber lachen. Aber leider ist der neue Pamphletismus der Ökonomenzunft kein lässlicher Schnitzer, sondern präziser Ausdruck ihrer umfassenden Orientierungsschwäche. Fünf Jahre nach Beginn der Finanzkrise – am 9. August 2007 stiegen die Zinsen für Interbankkredite sprunghaft an – kann von frischen Ideen in der Volkswirtschaftslehre nicht einmal ansatzweise die Rede sein. Nach der Großen Depression 1929 kreuzten sozialwissenschaftlich beschlagene Gelehrte wie John Maynard Keynes, Joseph Schumpeter und Friedrich August von Hayek die Klingen, um die Effizienzhypothese der Märkte und den Einfluss der Wirtschaftspolitik infrage zu stellen. Sie klärten uns über die Gefahren von Monopolbildung und Kapitalkonzentration auf, über die Instabilität des Kapitalismus, die Vorzüge und Grenzen des Wettbewerbs – und sie stritten leidenschaftlich darüber, ob es besser sei, ökonomische Krisen von Staats wegen zu heilen oder aber stattfinden zu lassen, damit der infizierte Markt möglichst schnell wieder gesunde. Die Debatte hatte eine intellektuelle Tiefe, die immer noch beeindruckt. Und heute?

Literatur von und über Adam Smith

  • Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen

    Das 1776 erschienene Werk ist der Klassiker der ökonomischen Literatur und die erste systematische Aufarbeitung und Bündelung ökonomischen Wissens. Dass Smiths Analyse über Wachstum, Preise, Arbeitsteilung und Staatstätigkeit auch mehr als 230 Jahre später noch ihre Leser findet, liegt nicht nur an ihrer dogmengeschichtlichen Relevanz: Das Buch ist anschaulich geschrieben und kommt noch völlig ohne mathematische Formeln aus.

    (dtv, 12. Auflage 2009, 855 Seiten, 19,90 Euro)

  • Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle

    Mit dem mehrfach überarbeiteten Werk setzt Smith einen Kontrapunkt zu seiner ökonomischen These, dass Eigennutz die Triebfeder des Wohlstands ist. Smith zeichnet in seiner Moralphilosophie ein positives Menschenbild, bei dem sich die Individuen auch von Mitgefühl und Sympathie leiten lassen.

    (Meiner Felix Verlag, Neuauflage 2009, 648 Seiten, 28,90 Euro)

  • Heinz Kurz: Klassiker des ökonomischen Denkens

    Das Buch beschreibt die zentralen Ideen einflussreicher Ökonomen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, darunter neben Smith auch Ricardo, Malthus, Marx und Menger. Anspruchsvoll aufbereitet, trocken geschrieben. Für Leser mit ökonomischen Vorkenntnissen.

    (Band 1, Beck, 2008, 359 Seiten, 14,95 Euro)

Heute genügen sich die Ökonomen darin, den Regierenden ihre Kassandradienste zu erweisen. Ein Manifest folgt aufs andere, das Alarm schlägt und zur Umkehr aufruft, ob pro Bankenrettung oder kontra, mit Euro oder ohne. Im besten Fall schwingen sich die Ökonomen dabei zu Notaren der Krise auf – zu Cheftautologen, die das tagespolitisch Ersichtliche, so oder so, professoral beglaubigen. Was aber haben die Ökonomen denen zu bieten, die nicht zu den eifrigen Lesern ihrer formelakrobatischen Fachaufsätze gehören, aber wenigstens ein wenig über den Tellerrand des ökonomischen Zeitgeschehens hinausschauen wollen?

Der Mensch - Ein Rationalitätsbündel

Noch immer zaudern die Wirtschaftswissenschaftler, von der klassischen Markt-Harmonie-Lehre abzurücken – obwohl Adam Smith (was das anbelangt) spätestens seit Schumpeter erledigt ist. Noch immer halten sie daran fest, Märkte naturgesetzlich erklären zu wollen, obwohl es sich mittlerweile herumgesprochen haben sollte, dass es einen politisch unbeeinflussten Markt nie gegeben hat und Menschen nun mal keine berechenbare Vernunftwesen sind. Gleichzeitig werden Robert Shiller, George Akerlof oder Daniel Kahneman für genau diese „Erkenntnis“ als Innovatoren der Zunft gefeiert und für die „Entdeckung“ der Unvernunft mit Nobelpreisen geehrt. Warum eigentlich? Weil sie die Menschen nicht mehr zu Rationalitätsbündeln degradieren, sondern zu Reizreaktionsmaschinen?

14 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 14.08.2012, 20:33 UhrKlarstellung

    Die "Quantenmechanik" hat niemand zur Analyse wirtschaftlicher Tatbestände vorgeschlagen. Ganz im Gegenteil: Hier wird umgekehrt von einer gläubigen Mathematisierung der Wirtschaft abgeraten. Die unzähligen Gründe für diese Warnung versteht man besonders gut, wenn man sich die Probleme anschaut, die selbst bei den Naturwissenschaften mit ihrer in Software gegossenen Mathematisierung immer im Auge zu behalten sind. Einige Beispiele:

    1) Skepsis wegen unbekannter Programmierfehler
    2) Skepsis, weil die Gleichungen die Wirklichkeit nur irgendwo auf der Skala zwischen sehr schlecht bis sehr gut beschreiben;
    3) Skepsis, weil der Nutzer die programm. Gleichungen/Theorie nur partiell versteht
    4) Skepsis, weil der Nutzer selbst die Begriffswelt der Theorie oft nur partiell versteht
    usw. usw.

    Diese hohe Dramatik hat man bereits in den Naturwissenschaften, aber es läuft so weit meistens ganz gut. In der Wirtschaft mit 50 % unberechenbarer Psychologie bekomme ich allerdings Angst, wenn die Finanzmonteure im blauen Overall mit Flagge am Oberarm dann kämpferisch dastehen, auf der Basis von absolutem Nullwissen hinsichtlich Wirtschaftsmathematik/Informatik/Programminhalte/Programmfehler etc. und somit unter grandioser Mißachtung aller Punkte 1) bis 4) an komplett unverstandener Wirtschaftssoftware herumkaspern und dabei das Schicksal von Millionen Menschen ganzer Länder verwetten. Und wenn sie scheitern, stehlen sie sich lachend mit Millionenabfindungen davon und lassen sich den Schaden von den Menschen über Steuern bezahlen, indem sie die Politiker in die Zange nehmen.

    Diese Welt ist und war in weiten Bereichen Lehrgegenstand von sogen. Wirtschaftswissenschaften, die insofern in Sippenhaft stehen, weil sie zulassen, daß Teilbereiche den ethischen Ansprüchen richtiger Wissenschaften nicht nur nicht genügen, sondern diese eklatant zum Schaden der Menschen mißachten.

  • 14.08.2012, 06:57 Uhrreinhard.wilhelm

    Der Verfasser hat in seinem Elan völlig vergessen, sich mit der Natur des Geldes zu befassen. Er verkennt, dass es innerhalb von Europa mindestens zwei verschiedene gesellschaftliche Anspruchsprofile an das Geld, an die Währung gibt. Völlig unstreitig ist - darauf bezieht sich ja auch der Verfasser -, dass das Geld als Mittel zum Warenaustausch dienen soll. Diesen Zweck erfüllt auch eine schwache Währung relativ gut, wenn die Währung nicht zu volatil ist. Die nordeuropäischen Staaten richten jedoch einen weiteren Anspruch an die Währung: Es muss sich zum Sammeln von Werten eignen. Die Bewohner dieser Staaten wollen mit Geldanlagen z.B. Altersvorsorge betreiben, bzw. für Investitionen sparen. Dieses Bedürfnis ist offensichtlich in Nordeuropa, dessen Bewohner aus klimatischen Gründen schon immer Sammeln mussten, viel stärker ausgeprägt als im Süden, dessen Bewohner klimatisch begünstigt sich durch ein gewisses Laissez-faire auszeichnen. Die unterschiedlichen Anspruchsprofile sind der Kern des Streits um die Aufgaben der EZB. Wer nicht bevorraten will oder muss, der schaut gerne zu, wie die Inflation die Schulden abschmilzt. Wer Werte bevorraten muss oder will, kann sich an hohen Schulden und an deren Abschmelzen mit Inflation nicht erfreuen, sieht letztere sogar mit Sorgen.

  • 13.08.2012, 17:13 UhrPeka1980

    Dieser Artikel strotzt von Widersprüchen. Der Autor bedient sich einer Sprache überladen mit Fremdwörtern, um besonders kompetent zu wirken. Er bescheinigt den Ökonomen Ahnungslosigkeit um im gleichen Atemzug deren Argumente als seine eigenen Geistesblitze zu verkaufen. Oder behauptet den besonderen Zusammenhang der Disziplinen verstanden zu haben. Dass die klassischen Theorien längst überholt sind ist hinlänglich bekannt, allerding enthalten Alle brauchbare Ansätze und Lösungsvorschläge ohne den Anspruch erheben zu können der Weisheit letzter Schluss zu sein.

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