Essay: Ökonomen verstehen nichts von Wirtschaft

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Essay: Ökonomen verstehen nichts von Wirtschaft

von Dieter Schnaas

Die Volkswirtschaftslehre hat sich mit Modell-Mathematik und Alltagspsychologie von der Wirklichkeit entkoppelt. Sie braucht stattdessen ein neues Selbstverständnis und muss sich den Geisteswissenschaften öffnen.

Vor ein paar Wochen haben 250 Professoren der Ökonomie „mit großer Sorge“ zum Protest gegen die Euro-Politik der Bundesregierung aufgerufen. Das Manifest, das vor einer europäischen Bankenunion und vor Finanzhilfen an Geldinstitute in „südlichen Ländern“ warnt, ist eine Grabrede auf die Volkswirtschaftslehre. Es spielt mit nationalen Ressentiments und verrührt das Unbehagen am Großkapital mit dem Einmaleins der Ordnungspolitik. Seither wissen wir: Das Produkt aus rechts und links und liberal ist ziemlich schrill und radikal. Keine Rettung von Spekulanten auf Kosten der Steuerzahler! Keine Haftung für Bankschulden! Keine Sozialisierung von Marktrisiken zulasten von Sparern! Mit solchen Forderungen macht man mächtig Quote, aber keinen Eindruck. Im Gegenteil: Wenn es das Ziel der Ökonomen war, die wirtschaftswissenschaftliche Debatte auf das Niveau von Sahra Wagenknecht (Linke) zu heben, so ist ihnen das glänzend gelungen. Mit dem feinen Unterschied, dass Wagenknecht „der Wall Street“ und „der City of London“ schon vor zehn Jahren die Zähne gezeigt hat, als die meisten Ökonomen die Fahne der Finanzmarkt-Deregulierung gar nicht hoch genug hissen konnten. Und auch die Systemrelevanz von „maroden Bankhäusern“ hat die Marxistin schon 2008 bezweifelt, also lange bevor nun auch die Fachwelt ein paar Geldinstitute ausfindig gemacht hat, an denen sie ein ordoliberales Exempel statuieren will.

Ökonomen als Cheftautologen

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Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte darüber lachen. Aber leider ist der neue Pamphletismus der Ökonomenzunft kein lässlicher Schnitzer, sondern präziser Ausdruck ihrer umfassenden Orientierungsschwäche. Fünf Jahre nach Beginn der Finanzkrise – am 9. August 2007 stiegen die Zinsen für Interbankkredite sprunghaft an – kann von frischen Ideen in der Volkswirtschaftslehre nicht einmal ansatzweise die Rede sein. Nach der Großen Depression 1929 kreuzten sozialwissenschaftlich beschlagene Gelehrte wie John Maynard Keynes, Joseph Schumpeter und Friedrich August von Hayek die Klingen, um die Effizienzhypothese der Märkte und den Einfluss der Wirtschaftspolitik infrage zu stellen. Sie klärten uns über die Gefahren von Monopolbildung und Kapitalkonzentration auf, über die Instabilität des Kapitalismus, die Vorzüge und Grenzen des Wettbewerbs – und sie stritten leidenschaftlich darüber, ob es besser sei, ökonomische Krisen von Staats wegen zu heilen oder aber stattfinden zu lassen, damit der infizierte Markt möglichst schnell wieder gesunde. Die Debatte hatte eine intellektuelle Tiefe, die immer noch beeindruckt. Und heute?

Literatur von und über Adam Smith

  • Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen

    Das 1776 erschienene Werk ist der Klassiker der ökonomischen Literatur und die erste systematische Aufarbeitung und Bündelung ökonomischen Wissens. Dass Smiths Analyse über Wachstum, Preise, Arbeitsteilung und Staatstätigkeit auch mehr als 230 Jahre später noch ihre Leser findet, liegt nicht nur an ihrer dogmengeschichtlichen Relevanz: Das Buch ist anschaulich geschrieben und kommt noch völlig ohne mathematische Formeln aus.

    (dtv, 12. Auflage 2009, 855 Seiten, 19,90 Euro)

  • Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle

    Mit dem mehrfach überarbeiteten Werk setzt Smith einen Kontrapunkt zu seiner ökonomischen These, dass Eigennutz die Triebfeder des Wohlstands ist. Smith zeichnet in seiner Moralphilosophie ein positives Menschenbild, bei dem sich die Individuen auch von Mitgefühl und Sympathie leiten lassen.

    (Meiner Felix Verlag, Neuauflage 2009, 648 Seiten, 28,90 Euro)

  • Heinz Kurz: Klassiker des ökonomischen Denkens

    Das Buch beschreibt die zentralen Ideen einflussreicher Ökonomen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, darunter neben Smith auch Ricardo, Malthus, Marx und Menger. Anspruchsvoll aufbereitet, trocken geschrieben. Für Leser mit ökonomischen Vorkenntnissen.

    (Band 1, Beck, 2008, 359 Seiten, 14,95 Euro)

Heute genügen sich die Ökonomen darin, den Regierenden ihre Kassandradienste zu erweisen. Ein Manifest folgt aufs andere, das Alarm schlägt und zur Umkehr aufruft, ob pro Bankenrettung oder kontra, mit Euro oder ohne. Im besten Fall schwingen sich die Ökonomen dabei zu Notaren der Krise auf – zu Cheftautologen, die das tagespolitisch Ersichtliche, so oder so, professoral beglaubigen. Was aber haben die Ökonomen denen zu bieten, die nicht zu den eifrigen Lesern ihrer formelakrobatischen Fachaufsätze gehören, aber wenigstens ein wenig über den Tellerrand des ökonomischen Zeitgeschehens hinausschauen wollen?

Der Mensch - Ein Rationalitätsbündel

Noch immer zaudern die Wirtschaftswissenschaftler, von der klassischen Markt-Harmonie-Lehre abzurücken – obwohl Adam Smith (was das anbelangt) spätestens seit Schumpeter erledigt ist. Noch immer halten sie daran fest, Märkte naturgesetzlich erklären zu wollen, obwohl es sich mittlerweile herumgesprochen haben sollte, dass es einen politisch unbeeinflussten Markt nie gegeben hat und Menschen nun mal keine berechenbare Vernunftwesen sind. Gleichzeitig werden Robert Shiller, George Akerlof oder Daniel Kahneman für genau diese „Erkenntnis“ als Innovatoren der Zunft gefeiert und für die „Entdeckung“ der Unvernunft mit Nobelpreisen geehrt. Warum eigentlich? Weil sie die Menschen nicht mehr zu Rationalitätsbündeln degradieren, sondern zu Reizreaktionsmaschinen?

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14 Kommentare zu Essay: Ökonomen verstehen nichts von Wirtschaft

  • Im Gegensatz zu unseren Politikern wissen die Macher aus den südlichen europäischen Ländern, daß Politiker grundsätzlich nichts Großes zustande bringen, wenn sie nicht absolute Macht, damit meine ich die Macht die aus Gewehrläufen kommt, haben.
    Also greifen sie ab was sie kriegen können und amüsieren sich über die Blauäugigkeit von ihren Kollegen aus dem Norden.
    Unsere Politiker wissen allerdings ganz genau, was sie an ihren bewaffneten Söldnern haben, die die armen Teufel. die ihr Brot mit ihrer Hände Arbeit verdienen in Schach halten, falls bei ihren großen Unternehmungen etwas schief geht.

  • Leider kann man diesen Aussagen so nicht in vollem Umfang zustimmen. Die guten alten Kaufmannregeln, die diesen als ehrbaren Kaufmann bezeichneten, die einfach analytischen Modelle der VWL, verspottet als veraltete Nationalökonomie, sie wurden durch eine missverstandene und leider umgedeutete angelsächsische Kapitalmehrungslehre ersetzt.

    Die Betriebswirtschaftlehre sollte wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren à la Wöhe. Es mag veraltet klingen, aber es kann doch elementare betriebswirtschaftliche Erkenntnisse vermitteln. Die Volkswirtschaft jedoch muss erst wieder ihre Wurzeln finden. Diese wurde leider indoktriniert und völlig deformiert. Von allen politischen Strömungen.

    Das gleiche gilt auch für die Rechtswissenschaften. Elementare Werte und kulturelle Erfahrungen und Bedeutungen, die man in Jahrtausenden entwickelt hat, kann man nicht immer in Gesetze, Verordnungen und Erlasse fassen. Rechtsfindung, Rechtssetzungsgleichheit und Rechtsanwendungsgleichheit, sie bedürften einer gesellschaftlichen Funktion und Aufgabe.

    Die Wissenschaft in ihrer Gesamtheit, auch die naturwissenschaftlichen, müssen immer in einem Gesamtzusammenhang gesehen und interpretiert werden. Dies jedoch widerspricht heute noch dem politischen Mainstream.

  • Die extrem schiefe Vermögensverteilung wir mit keinem Wort erwähnt. Die Politik wird vom Finanzkapital beherrscht.
    Die VWL ist politisch bis ins Mark.

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