Ex-EZB-Chefökonom Issing: "Aufschwung steht noch auf wackligem Fundament"

Ex-EZB-Chefökonom Issing: "Aufschwung steht noch auf wackligem Fundament"

von Bert Losse und Malte Fischer

Der frühere Chefökonom der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, rechnet mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,5 Prozent in 2010.

„Das ist angesichts des vorangegangenen Einbruchs schon eine sehr kräftige Erholung. Der Aufschwung ist aber noch fragil“, sagt Issing im WirtschaftsWoche-Interview. „Die These eines selbsttragenden Aufschwungs steht noch auf wackligem Fundament.“ Vor allem, wenn die Impulse der Finanz- und Geldpolitik abebbten, bestehe das Risiko, dass die Erholung an Schwung verliere. Für eine generelle Kreditklemme sieht Issing aber „derzeit keine empirische Evidenz“. Beklagen würden sich vor allem Unternehmen, bei denen die Banken zu Recht vorsichtig seien. Auch gebe es weder für eine Deflation noch für eine Inflation derzeit Anzeichen. Jedoch rechnet Issing mit politischem Druck auf die EZB, die Zinsen unten zu lassen und Inflation in Kauf zu nehmen: „Das wird für die EZB eine harte Bewährungsprobe. Die Vorstellung, wir machen mal eben ein bisschen Inflation, um Schuldenstaaten zu retten, ist hochgefährlich“, warnt Issing. Mit Blick auf Griechenland empfiehlt der Ökonom, den Staat notfalls pleite gehen zu lassen. „Zentrales Element der Wirtschafts- und Währungsunion ist die „No-Bailout-Klausel“. Danach sind die Staaten für ihre Schuldenpolitik selbst verantwortlich. Das haben alle Euro-Länder unterschrieben, da darf es keine Kompromisse geben. Wenn die EU einem Sünder hilft, steht bald der nächste Kandidat vor der Tür.“ 

Gefahr droht der konjunkturellen Entwicklung laut Issing vor allem durch die immer noch mangelhafte Transparenz auf den Finanzmärkten: „Wir haben bis heute keinen Überblick, wo welche Risiken konzentriert sind. Und für absolut skandalös halte ich, dass die Rating-Agenturen – jedenfalls bis jetzt – nicht wirklich an die Kandare genommen werden.“ Er wundere sich sehr, dass es bislang keine Pläne für bessere Kontrollen gebe. Von einer 50-Prozent-Steuer auf Boni aber, wie sie die britische Regierung beschlossen hat, hält Issing wenig: „Die Steuer, die im übrigen nur befristet gilt, löst das Problem nicht. Boni müssen an den langfristigen Erfolg gekoppelt werden.“ Auch sei eine internationale Steuer auf Finanzgeschäfte wie sie derzeit diskutiert wird, „Politik für die Galerie“. Issing: „Diese Steuer wird es wohl nie geben.“ Die Europäer wüssten genau, dass die Amerikaner nicht mitmachen werden. Issing: „Damit ist die ganze Sache gestorben.“ Als „völlig abwegig“ kritisiert Issing ebenso die Idee, die Goldwährung wieder einzuführen. „Sie können doch die monetäre Versorgung nicht von Zufälligkeiten der Goldproduktion in Südafrika, Australien oder sonstwo abhängig machen! Das beste institutionelle Arrangement ist und bleibt eine unabhängige Notenbank mit klarem Mandat für Preisstabilität. Das System ist nicht perfekt, aber überlegen gegenüber allen anderen Konzeptionen.“ Als Fehler in der Vergangenheit macht Issing aus, dass viele Zentralbanken bei ihren Zinsbeschlüssen kaum noch auch die Kredit- und Geldmenge geachtet haben. Die Vernachlässigung monetärer Größen, so Issing, habe mit dazu beigetragen, dass viele Notenbanken in den vergangenen Jahren zu viel Liquidität in Umlauf gebracht haben und damit die Basis für spekulative Blasen legten.

Anzeige
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%