Ex-EZB-Chefökonom Otmar Issing: "Auf wackligem Fundament"

Ex-EZB-Chefökonom Otmar Issing: "Auf wackligem Fundament"

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Otmar Issing

von Bert Losse und Malte Fischer

Der frühere EZB-Chefökonom Otmar Issing über die Tücken des Aufschwungs, die Restrisiken der Finanzkrise und die Fehler der Notenbanken.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Issing, die Rezession in Deutschland ging schneller vorüber als befürchtet. Dürfen wir nun auf einen nachhaltigen Aufschwung hoffen – oder droht ein konjunkturelles Strohfeuer?

Issing: Das Bruttoinlandsprodukt dürfte 2010 um rund 1,5 Prozent steigen, das ist angesichts des vorangegangenen Einbruchs schon eine sehr kräftige Erholung. Der Aufschwung ist aber noch fragil. In den nächsten Monaten kommt es darauf an, dass sich die Auftragsbücher der Betriebe wieder füllen. Was danach kommt, ist derzeit kaum zu prognostizieren.

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Haben wir den Aufschwung bisher nicht vor allem den staatlichen Konjunkturprogrammen und den Liquiditätsspritzen der Notenbanken zu verdanken?

Zu einem erheblichen Teil. Daher besteht das Risiko, dass die Erholung an Schwung verliert, wenn die Impulse der Finanz- und Geldpolitik abebben. Zudem kommt auf die Banken in den nächsten Monaten eine Welle an konjunkturbedingten Abschreibungen im Kreditgeschäft zu. Die Bundesbank schätzt die Wertberichtigungen auf 30 bis 50 Milliarden Euro. Das ist von der Dimension her zwar beherrschbar. Aber es darf eben nichts anderes dazukommen.

Viele Experten fürchten, die Banken könnten wegen der zusätzlichen Abschreibungen die Kreditvergabe weiter einschränken. Wie groß ist die Gefahr einer flächendeckenden Kreditklemme?

Es gibt für eine generelle Kreditklemme derzeit keine empirische Evidenz...

...das sehen viele Unternehmen aber ganz anders.

Wie immer in solchen Situationen beklagen sich vor allem jene Unternehmen, bei denen die Banken zu Recht vorsichtig sind. Es ist schon merkwürdig, dass die Banken jetzt unter politischen Druck geraten, mehr Kredite zu vergeben. Zuvor hat man ihnen vorgeworfen, zu viel Kredite zu leichtfertig vergeben zu haben. Es mag sein, dass es an der einen oder anderen Stelle bei der Kreditvergabe klemmt. Aber bei langfristigen Geschäftsbeziehungen bekommen die meisten Unternehmen weiterhin Geld von ihrer Bank.

Wie erklären Sie sich dann, dass die Buchkredite im Euro-Raum sinken?

Wegen der schwachen Konjunktur investieren die Unternehmen weniger und fragen weniger Kredite nach. Die Ursache für die schwache Kreditvergabe allein in Engpässen auf der Angebotsseite zu suchen ist ein Ablenkungsmanöver.

Die Kapazitätsauslastung der Wirtschaft liegt weiter unter dem Normalniveau. Warum sollten die Unternehmen jetzt in zusätzliche Maschinen investieren?

Wie groß die Unterauslastung tatsächlich ist, lässt sich schwer quantifizieren. Da gibt es einen großen Unschärfebereich. Der Auslastungsgrad lässt sich erst einigermaßen verlässlich feststellen, wenn alle Daten vollständig und zuverlässig vorliegen. Die Krise dürfte das Produktionspotenzial nicht unerheblich beschädigt haben. Schätzungen gehen davon aus, dass bei normaler Auslastung der Kapazitäten derzeit nur ein Wachstum der Produktion von weniger als einem Prozent realistisch ist. Die Bundesbank geht von 0,75 Prozent aus. Wächst die Wirtschaft 2010 tatsächlich um 1,5 Prozent, bedeutet dies, dass die Kapa-zitätsauslastung steigt und die Unternehmen wieder Anreize für Investitionen erhalten...

...und der Aufschwung selbsttragend wird?

Die These eines selbsttragenden Aufschwungs steht noch auf wackligem Fundament. Auf jeden Fall ist nur mit einem moderaten Wachstum zu rechnen.

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