EZB-Chef fünf Jahre im Amt  : Draghis Kritiker liegen meistens falsch

EZB-Chef fünf Jahre im Amt  : Draghis Kritiker liegen meistens falsch

, aktualisiert 01. November 2016, 14:36 Uhr
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Seit 1. November 2011 ist Mario Draghi Präsident der EZB.

von Jan MallienQuelle:Handelsblatt Online

EZB-Chef Mario Draghi hat in seiner fünfjährigen Amtszeit durchaus Fehler gemacht. Seine Kritiker konzentrieren sich aber häufig auf falsche Punkte – und liegen weit daneben. Eine Analyse.

Mario Draghi und die Deutschen führen keine Liebesbeziehung. Schon vor seinem Amtsantritt als EZB-Präsident wurde er vom deutschen Boulevard mit Häme und nationalen Stereotypen überzogen. „Mamma mia, bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta!“, schrieb zum Beispiel die Bild-Zeitung.

Heute wissen wir: Nie war die Inflation in der Euro-Zone und in Deutschland so niedrig wie in der Amtszeit von Mario Draghi. 2015 stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland um gerade einmal 0,3 Prozent. Selbst zu Zeiten der Bundesbank hat es das nicht gegeben. Die meisten internationalen Ökonomen würden sich inzwischen wünschen, dass die Preise endlich stärker steigen. Denn sie fürchten nicht etwa Inflation, sondern eine sich selbst verstärkende Spirale aus sinkenden Preisen, Löhnen und wirtschaftlichem Niedergang.

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Die Schlagzeile ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Kritiker von Draghi oft weit daneben liegen. Dabei gäbe es durchaus berechtigte Kritik. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Ein weiterer populärer Vorwurf lautet: Draghi enteignet mit seiner Niedrigzinspolitik die (deutschen) Sparer. Tatsächlich sind die nominalen Zinsen, die Sparer von ihrer Bank bekommen, so niedrig wie nie. Entscheidend für die Sparer sind jedoch die Realzinsen. Das ist der Betrag, der den Sparern von ihren Zinsen nach Abzug der Inflation bleibt.

Das bedeutet: Je höher die Inflation, desto höher muss auch der Zins sein, um die Kaufkraft der Ersparnisse zu erhalten. Umgekehrt genügen bei einer geringen Inflation bereits niedrigere Zinsen.

Die (Nominal-) Zinsen sind zwar so niedrig wie nie, aber die Inflation ist sogar noch stärker gesunken. Wenn Sparer einen Zins von drei Prozent bekommen, aber die Inflation bei fünf Prozent liegt, sinkt ihre Kaufkraft. Die Deutsche Bundesbank kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass solche negativen Realzinsen in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland „eher die Regel als die Ausnahme“ gewesen seien.


Enteignung der Sparer? Von wegen!

Verglichen damit stehen die Sparer heute unter Mario Draghi gar nicht so schlecht da. Momentan sind die Realzinsen positiv: Sie bekommen also eine Verzinsung, die den Kaufkraftverfall ihrer Ersparnisse mehr als ausgleicht. Von Enteignung kann keine Rede sein.

Was stimmt: Die langfristigen Zinsen für Staatsanleihen waren nie so niedrig wie heute. Das trifft zum Beispiel diejenigen, die über eine Lebensversicherung oder die private Altersvorsorge indirekt in Staatsanleihen investiert haben. Aber diese Differenzierung machen nur wenige Kritiker.

Schließlich heißt es immer, mit ihren massiven Anleihekäufen würde die EZB den Politikern in der Euro-Zone jeglichen Anreiz für Reformen nehmen. Das Grundproblem in der Euro-Zone liegt aber darin, dass Länder wie Spanien, Portugal oder Griechenland nach der Euro-Einführung massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben. Deshalb betreffen die wichtigsten Reformen den Arbeitsmarkt. Um aufzuholen, müssen die Löhne dort langsamer steigen als in Deutschland.

Das Problem: Mit nominalen Lohnkürzungen tun sich die Tarifpartner sehr schwer. Ähnlich wie bei den Zinsen ist für die Wettbewerbsfähigkeit der Reallohn entscheidend, also der Lohn nach Abzug der Inflation. Bei positiven Inflationsraten können die Krisenländer die Reallöhne auch bei positiven Lohnabschlüssen senken, wenn diese unter der Inflation bleiben. Das macht die Anpassung sehr viel leichter.  

Kurzum: Einige populäre Vorwürfe gegen Draghi laufen ins Leere. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Notenbankchef nicht auch manches hätte besser machen können.


Draghis größte Schwäche

Der größte Makel in Draghis Amtszeit ist, dass er der breiten Öffentlichkeit nie erklären konnte, weshalb er so handelte, wie er gehandelt hat. Es ist paradox: Die Anleihe- oder Devisenhändler scheinen seine Worte zu verstehen, doch auf der Straße können ihm nur wenige folgen. Dieses Unverständnis hat er zum Teil selbst verschuldet: Ein Blick in seinen Terminkalender zeigt, dass sich Draghi vor allem mit Vertretern der Finanzindustrie trifft. Wer immer Leute mit demselben Hintergrund begegnet, sieht die Welt schnell aus ihrem Blickwinkel und redet auch so. Warum trifft Draghi nicht öfter auch Mittelständler, Sparer oder Gewerkschafter?

Die Zeiten, in denen sich nur ein kleiner Kreis von Anleihehändlern für die EZB-Politik interessierte, sind längst vorbei. Natürlich sind Notenbanker keine Politiker. Es ist nicht ihre Aufgabe, ständig auf Zustimmungswerte zu schielen oder Wahlkampfreden im Bierzelt zu schwingen. Mario Draghi muss von der Öffentlichkeit nicht geliebt werden. Für seine Handlungsfähigkeit und die der EZB ist es aber entscheidend, dass er verstanden wird.

Quelle:  Handelsblatt Online
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