EZB: Die Jäger werden zu Gejagten

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EZB: Die Jäger werden zu Gejagten

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Der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) leuchtet im letzten Licht des Tages vor der Bankenskyline von Frankfurt am Main.

von Angela Hennersdorf

Die Finanzmärkte haben sich längst von der realen Wirtschaft im Euroraum abgekoppelt. Nun warnt die Europäische Zentralbank (EZB) vor neuen Risiken im Finanzsystem, die sie selbst erst mit geschaffen hat.

Das Mandat der Europäischen Zentralbank ist es, für stabile Preise zu sorgen. Basta! Alles andere tue erst mal nichts zur Sache, sagt Vitor Constancio, Vize-Präsident der Europäischen Zentralbank, heute in Frankfurt. Aber wer dieses Mandat ändern wolle, der müsse bitte schön erst einmal die Europäischen Verträge umschreiben. Denn dort sei dieses Ziel klipp und klar festgeschrieben.

Klar, Recht hat der Mann, so steht es geschrieben. Und trotzdem sind stabile Preise nicht das einzige Maß an dem die Zentralbank der 18 Euroländer in diesen Tagen gemessen wird. Wenn die Steuerung der Geldpolitik über anhaltend niedrige Zinsen und umfangreiche Ankäufe von Wertpapieren dazu führt, dass sich hohe Risiken in den Finanzmärkten aufbauen, dann stehen die Wächter über unser aller Geld in der Verantwortung. Und aus dieser kommen sie auch so leicht nicht heraus – auch, wenn die Zentralbank nicht für die Kontrolle der Preise von Vermögenswerten zuständig ist, wie EZB-Vize-Constancio betont.

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Auf die hohen Risiken im Finanzsystem weist nun ausgerechnet die EZB in ihrem heute veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht selbst hin. Zwar sei der Stress im Finanzsystem derzeit so gering wie zuletzt vor der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2007. Aber die „anhaltende Jagd nach Rendite“ von Investoren sei riskant für das Finanzsystem.

EZB-Vize-Constancio nannte gleich drei zentrale Risiken für das Finanzsystem:

• Erstens könne sich die starke Nachfrage nach riskanten Anlageformen abrupt umkehren. Anleger weltweit sind wegen der anhaltend niedrigen Zinsen auf der Suche nach Rendite. Mittlerweile müssen Kunden für ihre Einlagen bei manchen Banken sogar schon Strafzinsen zahlen. Ein Einbruch der Nachfrage könnte wie in der letzten Finanzkrise zu erheblichen Turbulenzen am Finanzmarkt führen. Als erste Zentralbank könnte im kommenden Jahr die US-Federal-Reserve ihre Zinsen wieder erhöhen. Ausdrücklich warnte Constancio hier vor Turbulenzen vor allem in den Schwellenländern.

• Zweitens warnt die EZB vor einer schwachen Ertragslage bei Europas Banken. Finanzinstitute, fordert Constancio, sollten sich von ertragsschwachen Geschäften trennen, um profitabler zu werden. Ausdrücklich wies er zudem auf die Gefahren hin, die von dem immer größer werdenden Sektor der Schattenbanken, also Hedgefonds und Investmentbanken, ausgehen können. Diese stehen in Europa bereits für 60 Prozent der Werte des gesamten Bankensystems. Diese Finanzhäuser unterliegen nicht der neuen Bankenaufsicht unter dem Dach der EZB. Eine stärkere Regulierung dieser Finanzinstitute auf internationaler Basis blieb bisher weitgehend erfolglos.

• Drittens bestünde die Gefahr, dass Investoren erneut das Vertrauen in den Schuldenabbau der Eurostaaten verlieren könnten. Sicherlich gäbe es hier Fortschritte, aber es sei wegen des schwachen Wachstums und der geringen Inflation in der Eurozone für diese Länder eine besondere Herausforderung ihre Schulden abzubauen. Ausdrücklich wies der Geldpolitiker auf die immer noch zu enge Verbindung zwischen Banken und Staaten hin.

Inflation in Deutschland auf Fünf-Jahrestief

Nicht nur die Risiken im Finanzsystem müssen der EZB Sorge bereiten. Vom vielzitierten Ziel der EZB für stabile Preise zu sorgen bei einer Inflationszielrate von zwei Prozent ist die Zentralbank meilenweit entfernt. In Deutschland, der größten Volkswirtschaft alle Euroländer ist die Inflation im November erneut gesunken. Sie liegt nun bei 0,5 Prozent, im Vergleich zu 0,7 Prozent im Oktober, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden heute mitteilte. Das ist der niedrigste Wert seit Februar 2010.

Damit wird der Druck auf die EZB für eine weitere geldpolitische Unterstützung der Euroländer noch größer – vor allem dann, wenn die Inflationsrate für den gesamten Euroraum im November weiterhin niedrig bleibt. Die neuesten Zahlen wird das Europäische Statistikamt in Luxemburg am Freitag bekannt geben. Im Oktober lag die Inflationsrate im Euroraum bei 0,4 Prozent.

Im Kampf gegen weiter sinkende Preise und schwaches Wirtschaftswachstum, könnte die EZB schon bald weitere Maßnahmen ergreifen – nach dem Ankauf von forderungsbesicherten Wertpapieren (ABS) und covered bonds (Pfandbriefen), kommen jetzt nur noch Unternehmensanleihen oder der breit angelegte Kauf von Staatsanleihen in Frage. Die Risiken im Finanzsystem werden damit sicherlich nicht geringer.

Am kommenden Donnerstag, den 4. Dezember, wenn der EZB-Rat wieder zusammentrifft, könnten die europäischen Geldpolitiker schon eine weitere Ausweitung der Geldpolitik beschließen.

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