EZB-Schattenrat: Top-Ökonomen warnen Europäer vor Lehman-Szenario

EZB-Schattenrat: Top-Ökonomen warnen Europäer vor Lehman-Szenario

, aktualisiert 05. Dezember 2011, 12:44 Uhr
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Europa-Fahne vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB).

von Norbert HäringQuelle:Handelsblatt Online

Die Euro-Rettung kann nach Einschätzung führender Ökonomen nur gelingen, wenn die EZB noch stärker eingreift. Sie rechnen daher mit einer Leitzinssenkung und weiteren Maßnahmen zur Entschärfung der Lage..

FrankfurtAm kommenden Donnerstag wird die Europäische Zentralbank (EZB) nach Einschätzung der meisten Finanzmarktteilnehmer weitere drastische Maßnahmen gegen die Finanzkrise und die drohende Rezession im Euro-Raum beschließen. Die Analysten erwarten eine Zinssenkung und neue, unkonventionelle Maßnahmen um die Refinanzierungsschwierigkeiten der Geschäftsbanken zu lindern. Dazu könnte gehören, den Banken statt der üblichen Kurzfristkredite von der Zentralbank auch solche mit Laufzeiten von bis zu zwei oder drei Jahren anzubieten. Außerdem ist eine deutliche Lockerung der Regeln dafür zu erwarten, welche Sicherheiten die EZB für diese Kredite akzeptiert.

Derartige, drastische Maßnahmen sind nach Ansicht der meisten Finanzexperten dringend nötig, um eine tiefe Rezession und den Ausbruch einer Bankenkrise wie nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Herbst 2008 zu vermeiden. "Kleine Schritte verpuffen in diesem Umfeld nur", warb der Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland, Jacques Cailloux, auf der vergangenen Sitzung des EZB-Schattenrats dafür, dass der EZB-Rat den Leitzins gleich um einen vollen Prozentpunkt von 1,25 Prozent auf 0,25 Prozent senke.

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Der EZB-Schattenrat ist ein 2002 auf Initiative des Handelsblatts gegründetes Expertengremium, dem 15 renommierte europäische Volkswirte angehören. Nur ein Mitglied des Schattenrats hält eine Zinssenkung für falsch.

Ganz so weit wie Cailloux wollten die anderen zwar nicht gehen, doch immerhin drei weitere Mitglieder votierten für eine Senkung des Leitzinses um 0,75 Prozentpunkte und weitere elf empfahlen der Notenbank den Leitzins um einen halben Punkt zu senken. Als einziger der 15 Experten hielt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, eine Zinssenkung für einen Fehler. Einen derart starken Konsens für eine kräftige Zinssenkung gab es in dem Gremium bisher nur nach dem Lehman-Bankrott 2008.

"Das Risiko, dass es zu einer schweren Rezession wie 2008/2009 kommt, ist nicht zu vernachlässigen", sagte Jean-Michel Six, Europa-Chefvolkswirt der Rating-Agentur Standard & Poor's. Die Konjunkturerwartungen der Volkswirte haben sich in den letzten Monaten massiv eingetrübt. Die Hälfte der Schattenräte erwartet für 2012 eine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung. Die Investmentbank Goldman Sachs prognostiziert seit Freitag gar, dass das Bruttoinlandsprodukt des Euro-Raums noch 2013 niedriger liegen werde als 2011. "Wir erwarten 2012 eine tiefe Rezession mit einer Schrumpfung der Wirtschaft um 0,8 Prozent und 2013 ein schwaches Wachstum von 0,7 Prozent", heißt es. Da die Wirtschaft gerade erst den Rückgang von 2008 aufgeholt hat, käme das einem halben Jahrzehnt ohne Wachstum gleich.


Banken-Spannungen bleiben

Hinzu kommt die neu aufgeflammte Bankenkrise. "Die institutionellen Anleger ziehen ihr Geld aus europäischen Banken ab. Jederzeit kann ein allgemeiner Run auf Bankeinlagen irgendwo im Euro-Raum ausbrechen und sich dann schnell ausbreiten", beschreibt Andrew Bosomworth, Senior Fund-Manager bei Pimco in München die prekäre Lage des Bankensystems. "Die EZB muss ihr Möglichstes tun, eine Zuspitzung der Situation wie nach der Lehman-Pleite zu verhindern" gab Cailloux die vorherrschende Meinung wieder.

Die Banken geben sich gegenseitig kaum noch Geld und legen es stattdessen lieber zum Minimalzins von 0,5 Prozent täglich verfügbar bei der Notenbank an. Am Freitag erreichten derartige Einlagen bei der EZB mit 314 Milliarden Euro den höchsten Stand seit knapp einem Jahr. Gleichzeitig mussten sich die Banken knapp neun Milliarden Euro zum Strafzins von zwei Prozent bei der Notenbank leihen.

Zu den Maßnahmen, welche die EZB gegen die Bankenkrise ergreifen kann, gehört eine Verbreiterung des Katalogs der Sicherheiten, die Banken bei der EZB hinterlegen können, um von ihr Kredite zu erhalten. Gerechnet wird von Analysten zum Beispiel damit, dass die Notenbank auf Fremdwährung lautende Wertpapiere zulässt. Außerdem empfehlen die meisten Finanzexperten der EZB, die Laufzeit der Kredite, die sie den Banken gibt, zu verlängern. Vor der Krise waren das nur Wochenkredite und Dreimonatskredite.

Als Krisenmaßnahme hat sie zusätzlich Jahreskredite eingeführt. Nun stehen auch Laufzeiten von zwei oder gar drei Jahren zur Diskussion. Das, so die Hoffnung, würde den Banken erlauben, fällig werdende Fremdmittel aus Bankanleihen und ähnlichem, die sie nicht mehr erneuern können, durch Mittel ähnlicher Laufzeit von der EZB zu ersetzen.


"Jetzt ist nicht die Zeit für Prinzipienreiterei"

Der erbittert ausgetragene Streit zwischen den Notenbankvertretern verschiedener Länder um die Käufe von Staatsanleihen durch die EZB spiegelt sich auch bei den Analysten wider. "Jens Weidmann zeigt phantastischen Mut, indem er sich gegen alle stellt", lobte Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt von Barclays Capital, die kritische Haltung des Bundesbank-Präsidenten zu diesen Käufen. Im EZB-Schattenrat fand sich eine knappe Mehrheit von Befürwortern einer gemäßigt restriktiven Linie. Sie empfehlen, die EZB solle nur dann eine Ausweitung ihrer Anleihekäufe beschließen, wenn die Regierungen sich zuvor verpflichteten, neue, schärfere Regeln zur Defizitbegrenzung bis hin zum Verlust nationaler Budgethoheit zuzustimmen.

Die Entschließung war heiß umstritten. Für sie wurde vorgebracht, dass der Druck auf die Regierungen zur Haushaltssanierung wegfiele, wenn die EZB ohne "Gegenleistung" massiv Anleihe kaufen und so indirekt die Staatshaushalte finanzieren helfen würde.

"Jetzt ist nicht die Zeit für Prinzipienreiterei", widersprach der Chef des IMK-Instituts für Konjunkturforschung, Gustav Horn, und ergänzte: "Wenn nicht bald etwas geschieht, gibt es in sechs Monaten keine Währungsunion mehr." Außerdem sprach die Minderheit im Schattenrat der EZB das Recht ab, gewählten Regierungen Vorgaben für deren Finanzpolitik zu machen, und verteidigte die Regierungen der Krisenländer gegen das Misstrauen der Mehrheit. "Sie führen in einer kaum zuvor gesehenen Weise die Ausgaben zurück, sie haben mehr Vertrauen verdient", sagte Horn. "Die Finanzmärkte belohnen Sparanstrengungen von Krisenländern momentan nicht", ergänzte Erik Nielsen, Chefvolkswirt der italienischen Unicredit. Er bezeichnete die Anleihemärkte als derzeit völlig irrational.

Quelle:  Handelsblatt Online
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