Finanzkrise: Eine Frage der Schuld

Finanzkrise: Eine Frage der Schuld

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Kenneth Rogoff, Autor und Professor in Harvard, ist der Hauptvertreter der Tipping-Point-Studien.

Der amerikanische Bestsellerautor Ken Rogoff und der deutsche Nobelpreisträger Reinhard Selten streiten sich um eine Frage mit weitreichenden Konsequenzen: Wann wird die Schuldenlast für einen Staat zu groß?

Für manche Ökonomen ist die Wirtschaft ein Kinderspiel: Wenn sich zwei Kinder auf eine Wippe setzen, ist irgendwann ein Punkt erreicht, an dem es auf einer Seite steil nach oben und auf der anderen nach unten geht. Ähnlich betrachtet Star-Autor Kenneth Rogoff die Wirtschaftswelt. Doch bei ihm sitzen keine Kinder auf der Wippe, sondern Staatsschulden und Wirtschaftswachstum: Überschreiten die Schulden einen magischen Punkt („Tipping Point“), dann kippt die Wippe und das Wachstum fällt für mehrere Jahre ab.

In mehreren Untersuchungen sind der Harvard-Professor Rogoff und seine Co-Autorin Carmen Reinhart dem „Tipping Point“ auf die Spur gekommen. Ab einer Schuldenquote von 90 Prozent, so die These der beiden Ökonomen, würden die Schulden für das Wirtschaftswachstum zum massiven Problem.

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Doch jetzt kommt aus Deutschland harte Kritik – und zwar vom Ökonomie-Nobelpreisträger Reinhard Selten. Der emeritierte Professor aus Bonn mischt sich normalerweise nicht ins ökonomische Tagesgeschäft ein. Doch zusammen mit seiner Ko-Autorin Robin Pope findet der 81-Jährige ungewöhnlich deutliche Worte.

In einem Beitrag für das Real World Economics Review blasen sie zur Attacke gegen die Vertreter der Tipping-Point-Studien: Der Ansatz basiere auf „unpassenden Annahmen“, sei „schlechte Wissenschaft“ und „verleite zu pervertierter Entscheidungsfindung“. Kurzum: „Die Schlussfolgerungen dieser Studien sind unzulässig.“ Setzen, sechs - härter kann die Kritik eines Ökonomie-Nobelpreisträgers kaum ausfallen.

Schlichte Eleganz

Dabei hatten Rogoff und seine Kollegin mit „Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrise“ im Jahr 2009 einen Ökonomie-Bestseller gelandet: Kritiker feierten das Buch als „Meisterwerk“; Politiker zitieren mit Vorliebe daraus, um unpopuläre Sparmaßnahmen zu rechtfertigen.

Tatsächlich besticht die Argumentation von Reinhart und Rogoff durch ihre schlichte Eleganz: Alle Finanzkrisen, wie unterschiedlich sie auch auf den ersten Blick scheinen mögen, besitzen demnach eine charakteristische Gemeinsamkeit. Egal ob im 14. Jahrhundert florentinische Familienunternehmer exzessive Kredite an den englischen König vergeben oder im 21. Jahrhundert amerikanische Schattenbanken den Immobiliensektor aufblähen: In ihrer historischen Betrachtung zeigen Rogoff und Reinhart, dass die exzessive Anhäufung von Schulden stets die Ursache von Staatskrisen war.

Und eine der häufigsten Reaktionen der Politik – auch das dürfte dem geneigten Leser bekannt vorkommen – ist das eilige Schnüren eines Rettungspakets für die Banken. Schließlich, so die Argumentation der Staatsmänner, sei „diesmal alles anders“. Der Rest ist Geschichte: Das Kartenhaus fällt zusammen, denn das Wachstum leidet zunehmend unter der Schuldenlast – es kommt zum Zahlungsausfall.

Doch wann werden aus Schulden zu viele Schulden, so dass das Wachstum eines Landes schlagartig einknickt? In mehreren Forschungsarbeiten haben Rogoff und Reinhart die Grenzen empirisch ausgelotet. Ihr Ergebnis: Das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts eines Landes schwächt sich dann besonders stark ab, wenn der Verschuldungsgrad eine magische Marke von etwa 90 Prozent überschreitet – hier liegt der „Tipping Point“.

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